Piratenpartei
REWE muss brennen, Computer jedoch nicht.

Im Juli dieses Jahres — kurz, bevor im Ham­burg­er Schanzen­vier­tel unzäh­lige Fahrzeuge und Geschäfte am kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem Unschuldiger, deren Exis­tenz dadurch mitunter gefährdet wurde, von ein paar unge­wasch­enen, saudoofen Tau­genicht­sen in Brand geset­zt wur­den — polterte ein Depp auf der offiziellen und damit den Spiegel der Parteimei­n­ung darstel­len­den Web­site der Piraten­partei Deutsch­land:

Die Polizei sucht die Auseinan­der­set­zung, hebelt Grun­drechte aus und eskaliert.

Noch am Tag darauf faselte der dama­lige Bun­desvor­sitzende und Klassenkasper Patrick Schif­fer an gle­ich­er Stelle:

Der G20-Gipfel wird von eskalieren­der Polizeige­walt und Ein­schränkun­gen in Presse- und Ver­samm­lungs­frei­heit über­schat­tet.

Das Eigen­tum Einzel­ner, dies lässt sich daraus fol­gern, spielte in der Außen­darstel­lung keine Rolle für diese ehe­mals fried­liebende Partei, denn im Kampf gegen Polizeige­walt (ob nun in Blog­beiträ­gen oder indem man in Ham­burg Seife klaut) müssen Opfer nun ein­mal gebracht wer­den.

Heute wur­den in Deutsch­land endlich diverse Woh­nun­gen durch­sucht, unter ihnen nicht nur solche von staatlich geförderten beken­nen­den Mit­gliedern des dama­li­gen “schwarzen Blocks”, son­dern auch min­destens eine, in der ein Kom­mu­nalpoli­tik­er der Piraten­partei Göt­tin­gen neb­st Fam­i­lie wohnt. Auf der Partei­web­site heißt es hierzu aus Vor­stand­skreisen:

Die Polizei scheint im Zusam­men­hang mit der The­matik des ver­gan­genen G20-Gipfels auf unglaubliche Weise ihre Gren­zen auszutesten.

Der Durch­suchte gibt zur Sache selb­st zu Pro­tokoll:

Sie haben alles mitgenom­men, meinen Bürorech­n­er und den mein­er Tochter. Die Fir­ma ist nun hand­lung­sun­fähig. (…) Die Polizei hat unseren Betrieb und eben­so meine poli­tis­che Arbeit in die Knie gezwun­gen – ohne Rechts­grund­lage.

Wären es stattdessen Spin­ner mit schwarzen Kapuzen gewe­sen, wäre die Rechts­grund­lage der Kampf gegen das Kap­i­tal gewe­sen, nehme ich an.

Senfecke:

  1. Ich lese ja hier gern deine Mei­n­ung, die von vielem in mein­er Fil­tertüte abwe­icht, aber das ist mir zu undif­feren­ziert. Ger­ade, dass die Polizei defin­i­tiv eskaliert hat, wo es hätte friedlich bleiben kön­nen und woan­ders die Fol­gen dieser Eskala­tion nicht ver­hin­dert wer­den kon­nten, kann ich nicht pauschal einem schwarzen Block ankrei­den, der bei Plün­derun­gen zum Teil ver­sucht hat, Geschäfte zu schützen.
    Das wiederum hat nichts mit der Frage zu tun, ob sie hier “ohne Rechts­grund­lage” vorge­gan­gen ist oder nicht. Mag sein, dass “Pirat­en” hier ein­seit­ig kom­mu­nizieren (als sei das eine Frage der ‘Seit­en’ wie im Fußball), aber es ihnen qua­si gle­ichzu­tun, ist wenig hil­fre­ich.

    • Zur Schuld­frage habe ich mich ja ander­weit­ig schon geäußert, deswe­gen zielte dieser Beitrag i.A. auf das dargestellte Prob­lem ab, dass das Verdikt, “die Polizei” trage die Schuld für bren­nende Stadtvier­tel, deut­lich zu kurz greift. In der Frage, wie hart man gegen Erleb­nis­touris­ten vorge­hen müsse, deren Ziel niemals etwas anderes als das Anricht­en von Schaden bei Unbeteiligten war, werde ich, fürchte ich, immer kon­ser­v­a­tiv­er. (Regelmäßige Leser mögen fra­gen: Wie — das geht noch?)

      Ich halte nichts von Gewalt, von wem auch immer sie kom­men mag, aber ich halte auch nichts davon, zu verkün­den, die Polizei habe miteskaliert und sei deswe­gen gefäl­ligst schon am Vortag ver­ant­wortlich dafür gewe­sen, dass in Ham­burg Zivilis­ten für den Klassen­feind gehal­ten wur­den. Dass es von Anfang an eine Schnap­sidee war, so einen Null­sum­mengipfel über­haupt in ein­er Großs­tadt abzuhal­ten, in der Men­schen zu leben ver­suchen: Geschenkt. Finde mal einen guten Mit­tel­weg zwis­chen zu viel Polizei und zu vie­len Rabauken.

      Im Gegen­satz zu den Rabauken hat die Anwe­sen­heit der Polizei aber wenig­stens einen sin­nvollen Zweck gehabt; nicht immer mit den fein­sten Mit­teln zwar, aber ohne Polizei wäre es Ham­burg sicher­lich nicht bess­er ergan­gen.

      • Ich nehme das mal so zur Ken­nt­nis, weil eine ausufer­nde Diskus­sion in diesem Medi­um a waste of time ist. Dass ich deine Gewich­tun­gen nicht teile, dürfte klar sein, aber mit zivil­isiertem Dis­sens kann ich gut leben.

    • Ich ver­ste­he wirk­lich nicht, wie man geis­tes­ge­gen­wär­tig behaupten kann, die Polizei hätte auch nur irgend­wie die Ran­dale in Ham­burg deeskalieren kön­nen.

      Es ist bewiesen, dass aus ganz Europa gewalt­bere­ite Extrem­is­ten herangekar­rt wur­den und auch vor Ort in Ham­burg logis­tisch unter­stützt wur­den. Es gab auch mehr als genug Ankündi­gun­gen. “Wel­come to Hell” any­one? Oder die Anschläge auf die Bahn vorher?

      Wenn jet­zt Beteiligte zur Beweis­sicherung durch­sucht wer­den, ist das ein Zeichen für den Rechtsstaat. Aber das Ver­hält­nis zu Recht und Unrecht ist heutzu­tage lei­der zur Forderung verkom­men, dass nur man sel­ber und seine Fre­unde Recht haben dür­fen.

      • Das Camp wurde im Vor­feld, obwohl let­z­tendlich gerichtlich erlaubt, hart geräumt. Die größte Demo wurde an ein­er Stelle gestoppt, an der es wed­er rechts noch links Auswege gab. Wenn dann von der Polizei von hin­ten noch geschoben wird, muss man nur aus­re­ichend lange warten, bis die erste Flasche fliegt und man hat einen Vor­wand »reinzu­rumpeln« und zu »pfef­fern«, wie es in Polizis­ten­sprache so schön heißt.

        Wenn ich den Frust (und damit die Gewalt­bere­itschaft) bei den »herangekar­rten« »gewalt­bere­it­en Extrem­is­ten« schüren wöllte, ich wrüde ver­mut­lich genau so vorge­hen.

        • Also es gab herangekar­rte gewalt­ge­plante Extrem­is­ten und die mussten dann Flaschen wer­fen? Das stellst du so dar, als sei es das Nor­mal­ste der Welt.

          Also ist für dich auch ganz natür­lich und zu leg­e­timieren, wenn herangekar­rte gewalt­ge­plante Extrem­is­ten Brand­sätze eben auf Flüchtling­sheime wer­fen? Die Flüchtlinge haben da ja eben provoziert, so wie die ein­fach hier herkom­men.
          Merk­ste sel­ber, oder? Hör mal auf die eigene Bub­ble kom­plett von jed­er möglichen Schuld prinzipbe­d­ingt freizus­prechen. Es gab in Ham­burg richti­gen und wichti­gen Protest. Die Vol­lid­ioten, die meinen Regeln gel­ten nur für die Polizei gehören nicht dazu. Das diese Vol­lid­ioten der Sache schaden sollte nach EZB und G20 der let­zte Depp kapiert haben. Wenn nicht ist er eben lei­der nur ein Depp.

  2. Demon­stri­erende, die von den Medi­en und der Poli­tik unter dem Label »schwarz­er Block« als poli­tis­che Ein­heit imag­iniert wer­den sind nicht alle mit den “Autonomen” iden­tisch. Nach­dem schwarzgek­lei­dete Ver­mummte die Polizei vom Schul­terblatt ver­trieben hät­ten, haben ganz andere Per­so­n­en­grup­pen das Heft des Han­delns in die Hand genom­men: »Dann kamen die ganzen Gaffer, die eh schon zu Tausenden im Vier­tel waren. Und dann, in diesem Wind­schat­ten, kamen die Kids. Dann ging es los mit den Plün­derun­gen, der Ran­dale.« Es seien viele »migrantis­che Kids« dabei gewe­sen, die Bilder hät­ten an »die von den Auf­stän­den in den Ban­lieues von Paris oder den Riots von Lon­don 2011« erin­nert. Am Mor­gen darauf sagte Flo­ra-Sprech­er Blech­schmidt, er verurteile diese men­schenge­fährden­den Aktio­nen: »Hier ist eine rote Lin­ie über­schrit­ten, so was geht gar nicht!« Es habe sich um eine »Form von Mil­i­tanz« gehan­delt, die sich »an sich selb­st ­berauscht« habe, sie sei »poli­tisch und inhaltlich falsch«. Autonome, die vor Ort (organ­isiert) dabei waren, haben sich von Plün­derun­gen und Brand­schatzun­gen dis­tanziert. Sie wür­den aus Protest gegen das Pflegesys­tem in Deutsch­land ja auch keine Kranken­häuser abfack­eln.

    Ein Ver­gle­ich der G20-Rabauken mit der schon wegen ihres Berufes und Staat­sauf­trages for­mal an Recht und Ord­nung und Ermessens­ge­brauch unter dem Gesicht­spunkt der Ver­hät­nis­mäßigkeit gebun­de­nen Polizis­ten bei gle­ichzeit­iger Recht­fer­ti­gung von Über­grif­f­en und Miss­bräuchen des staatl. Gewalt­mon­pols bei den Durch­suchun­gen ist reak­tionär­er Main­stream.

    • Ich halte mich zwar, wie erwäh­nt, für in der Sache kon­ser­v­a­tiv, aber weniges liegt mir fern­er als die Recht­fer­ti­gung von Gewalt­miss­brauch. (Kann man Gewalt auch gebrauchen?) Man kann aber nicht ein­er­seits mar­o­dierende Ban­den mit “aber die Polizeige­walt” entschuldigen und sich dann ander­er­seits, platt aus­ge­drückt, über effiziente Ermit­tlungsar­beit aufre­gen. Durch­sucht wurde auch im zitierten Fall ein Haushalt, in dem nach eige­nen Angaben min­destens eine Teil­nehmerin an den Demon­stra­tio­nen lebt. Ob ein aus­re­ichen­der Anfangsver­dacht für eine tatkräftige Unter­stützung der Mar­o­dieren­den bestand, ist aus den ein­schlägi­gen Bericht­en nicht zu erken­nen, allerd­ings würde ich zumin­d­est bis auf Weit­eres davon aus­ge­hen, son­st würde sich kein­er diese Mühe machen.

      Das Wort “Autonome” halte ich prinzip­iell für Schön­fär­berei. Autonomie wider­spricht nach meinem Ver­ständ­nis (das freilich zu undif­feren­ziert sein mag) der Anerken­nung der beste­hen­den Struk­turen der Zivilge­sellschaft. Es fällt mir schw­er, für jeman­den Sym­pa­thie zu entwick­eln, der gar keinen Bock hat, Teil des Wertekon­struk­ts ein­er Mehrheit, der ich ange­höre, zu sein. Ich teile die Auf­fas­sung nicht, dass die par­la­men­tarische Demokratie eine geile Idee wäre, aber gewisse Regeln sind doch recht willkom­men. Anar­chie ken­nt konzep­tionell keine klas­sis­chen Gren­zen und lässt eben auch “Ran­dale” von “Kids” als Aus­drucks­form zu. “Autonome”, die sich von anarchis(tis)chen Zustän­den dis­tanzieren, entsprechen zwar eigentlich meinem Humor, aber hier beste­ht die Frage: Wer spricht für “die Autonomen” und wer behauptet das nur? Eine nicht greif­bare Gruppe, die auf Indi­vid­u­al­is­mus pocht, hat ver­mut­lich keinen Sprech­er, der sich in ihrem Namen von irgend­was “dis­tanzieren” kann. Der “Flo­ra-Sprech­er” spricht mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahrschein­lichkeit nicht für die Gesamtheit “der Autonomen”.

      Ich hat­te oben im Text genau auf­grund dieses Szenar­ios einen Ver­weis auf einen ehem. Pirat­en und heuti­gen “Linken” geset­zt, der sich im “Flora”-Umfeld aufzuhal­ten pflegt, aber nicht die Bohne daran denkt, sich von irgend­was zu “dis­tanzieren”. Ich fürchte, eine klare Tren­nung zwis­chen “den Autonomen” und “den Rabauken” ist auf bei­d­seit­i­gen Wun­sch nicht zu ziehen, so lange sich Vertreter bei­der Grup­pen als Ange­hörige der jew­eils anderen Gruppe beze­ich­nen. Ja, das Konzept der Kollek­tivschuld ist ein recht frag­würdi­ges, ich käme auch nie auf die Idee, irgendwen einsper­ren zu wollen, weil seine Fre­unde irgen­deinen Mist anricht­en, aber man kann entsprechend auch nicht gle­ichzeit­ig ern­sthaft behaupten, “die Autonomen” (alle, aus­nahm­s­los) hät­ten ein friedlich­es Miteinan­der erwirken wollen und “die Polizis­ten” (alle, aus­nahm­s­los) hät­ten Stre­it provoziert, um das zu ändern. Man nenne mich gern naiv, aber: Was hät­ten die auch davon, wenn eine Stadt zer­stört wird? — Hier von “Einzel­nen” zu reden, dort aber von ein­er Gesamtheit von “Gewalt­tätern”, tut dem gesellschaftlichen Diskurs keinen Gefall­en, nehme ich an.

  3. Tux: Danke erst mal für Deine unm­fassende Antwort, die aber zeigt, dass Dein Text das Poten­zial ein­er End­los­diskus­sion hat, wie flat­ter schon bemerk­te.

    Daher erlaube ich mir, Dir ‑falls das Inter­esse beste­ht- einen Lit­er­atur­tipp über die Geschichte der Autonomen resp. der linken Bewe­gun­gen ins­ge­samt nach 1968 zu geben:

    https://www.nadir.org/nadir/archiv/Diverses/pdfs/geronimo_flamme.pdf

    Kom­plett online.

    • Gesellschaftliche Prob­leme, die sich in weni­gen Sätzen umfassend beschreiben lassen, sind gar keine, würde ich behaupten wollen.

      Du hast in dein­er Antwort schon wieder einen Faux­pas: ist Autonomie links?

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