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Kri­ti­sche Beglei­tung und ihre Gefah­ren

(Vor­be­mer­kung: Zynis­mus befreit den Geist, ich kann ihn inso­fern nur emp­feh­len.)

In den Tagen vor der Wahl wird die ohne­hin schon nicht gera­de wert­neu­tra­le Bericht­erstat­tung tra­di­ti­ons­be­wusst noch krei­schen­der. Auch Anna Bisel­li vom schräg-grü­nen Per­so­na­li­ty­b­log „Netzpolitik.org“ (hier wie bis­her aus ethi­schen Grün­den nicht ver­linkt) grub am ver­gan­ge­nen Mon­tag die Pira­ten­par­tei wie­der aus, nur um dar­auf hin­zu­wei­sen, dass man die ja gera­de nicht so wäh­len kön­ne, weil das The­ma so was von durch sei; so weit muss man sei­ne eige­nen Aus­schei­dun­gen halt auch erst ein­mal wer­fen kön­nen, dafür gibt es min­de­stens mei­nen Respekt.

Wenig­stens der Rest der Medi­en, ob sozi­al oder nicht, hält sich brav ans Nar­ra­tiv und ver­brei­tet zwecks Fein­des­ab­wehr unter ande­rem Gra­fi­ken vom Vor­jahr, die das „rech­te Netz­werk“ des Buh­manns AfD – von denen las­sen wir uns doch nicht unse­re christ­so­zia­le Poli­tik weg­neh­men, ist schließ­lich Deutsch­land hier – „auf­decken“, dabei kei­nes­wegs die per­so­nel­len Ver­bin­dun­gen mit der NPD über­se­hen, die mit der „Uni­on“ aber geflis­sent­lich igno­rie­ren. Das muss man ver­ste­hen, die „Uni­on“ war schon eta­bliert, als die Eltern der gerech­ten Demo­kra­ten noch mit der Ras­sel um den christ­lich-west­lich guten Weih­nachts­baum gestol­pert sind, und eta­blier­te Poli­tik kann nicht schlecht sein, denn sonst wäre sie ja nicht eta­bliert.

Die durch den aus­blei­ben­den Kampf gegen die CDU/CSU frei­en Res­sour­cen wer­den daher in die Schlacht für die gerech­te Sache gesteckt, wobei man das selbst­ver­ständ­lich nicht „Schlacht“ nennt, denn das wäre mili­tant und unlinks. Statt­des­sen wird das Vor­ha­ben rhe­to­risch unge­fähr so beti­telt:

Am Sonn­tag Abend rufen wir dazu auf die Wahl­par­ty der Ham­bur­ger AfD kri­tisch zu beglei­ten.

Wie beglei­tet man eine Wahl­par­ty kri­tisch? Unter „kri­ti­scher Beglei­tung“ stell­te ich mir, bis ich die­sen Quatsch­satz gele­sen habe, meist eine jour­na­li­sti­sche Tätig­keit vor, indem regel­mä­ßig irgend­wel­che seman­ti­schen oder aus­nahms­wei­se auch mal fach­li­chen Ana­ly­sen des Gesag­ten in ein­schlä­gi­gen Peri­odi­ka erschei­nen. Wie Jour­na­li­sten wir­ken die Sei­ten­ma­cher auf mich jedoch eben­so wenig wie mir klar ist, wie umfang­reich eine Bericht­erstat­tung über einen Abend des kalo­rien­rei­chen Bal­ken­guckens über­haupt sein kann. „Eil­mel­dung: Mit­glied der Ham­bur­ger AfD ver­stößt gegen sei­nen Diät­plan!“

Dass die­se „kri­ti­sche Beglei­tung“ sich ande­rer­seits auch nicht auf das Schwen­ken von Pla­ka­ten beschrän­ken, son­dern auch in enge­rem Zusam­men­hang mit destruk­ti­ver Inter­ak­ti­on ste­hen dürf­te, zeigt eine Ein­la­dung für den­sel­ben Wahl­abend in Ber­lin in der glei­chen recht­schreib­kri­ti­schen Publi­ka­ti­on, aber an ande­rer Stel­le:

Zie­hen wir der AfD den Stecker!
Licht aus für Rech­te Infra­struk­tur!

Nun ist kri­ti­sche Beglei­tung ja noch kein Ter­ror­akt, denn ein Ter­ror­akt impli­ziert im Gegen­satz zu einem Sabo­ta­ge­akt nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung Men­schen­scha­den, und Pfla­ster­stei­ne haben bekannt­lich noch nie­man­dem gescha­det; die kri­ti­sche Beglei­tung der Poli­zei­ar­beit anläss­lich des G20-Gip­fels in Ham­burg sorg­te eben­falls aus­schließ­lich für ein fried­li­che­res, soli­da­ri­sches Mit­ein­an­der und hat nie­man­dem gescha­det, der es nicht qua Beruf in prae­ci­pio ver­dient hät­te. Selbst die kri­ti­sche Beglei­tung von Tou­ri­sten durch IS-Sym­pa­thi­san­ten lie­ße sich sicher­lich auch mit einem fried­li­che­ren Wort als „Ter­ro­ris­mus“ beti­teln. Die haben halt die fal­sche Par­tei Reli­gi­on und dafür krie­gen sie jetzt ordent­lich Ärger. Selbst schuld, wer sich der neu­en Welt­ord­nung ver­wei­gert.

Nie­mand muss Tou­rist sein.