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Medienkritik CI: Woohoo, „Mädchen“!

MÄDCHEN August 2016Ich bin aber auch wirklich nachlässig manchmal, die Zeitschrift „Mädchen“ war mir bisher als eher langweilig in Erinnerung. Vor einigen Tagen allerdings nahm ich erstmals ihren Untertitel – „Entdecke, was du liebst!“ – wahr und verspürte sofort den Drang, mir die aktuelle Ausgabe einmal zuzulegen. Wer würde nicht entdecken wollen, was er liebt? Eben.

Die Entscheidung wurde versüßt durch mein Geschenk („DEIN GESCHENK: TRAUM HAAR (sic!), ZOPFBAND IN EINER VON 3 FARBEN“). So was wollte ich schon immer mal haben. Und eine Postkarte ist auch dabei!

MÄDCHEN Geschenk

Endlich schön. Schön wie ein Model? Die Titelseite jedenfalls teilt mit, dass das zumindest für Titelfrollein Fata (21, Berlin) gilt, das, so verrät das Inhaltsverzeichnis, außer „COVER-Mädchen“ (sic!) auch noch „Gillette Venus-Model“ (sic!) und nicht zuletzt „GNTM-Finalistin“ ist, und wer schon mal gesehen hat, wie manche dieser Modelle eigentlich so aussehen, der möchte das eigentlich auch gar nicht weiter vertiefen. Sie zeige „mutig“ ihren „Monsterpickel“, freute sich „Nora“ noch im Juli d.J. auf BRAVO.de, und trage außerdem auch so ein Haarband wie oben abgebildet, freut sich das Redaktionsgörlie von „Mädchen“.

Aber das „Mädchen des Monats“ ist ein anderes:

Seit rund vier Jahren lebt Lauren Singer fast gänzlich ohne Müll (…).

Die „Mädchen“ gibt zu diesem Artikel drei Tipps zur Müllvermeidung (Plastik vermeiden“, „Creme und Lipgloss selbst herstellen“ und „Vintage-Klamotten kaufen – cool & günstig“), und wer nicht versteht, inwiefern der Kauf von billiger Kleidung der Umwelt helfen soll, der hat das Problem, das die „Mädchen“ hier übersieht, zwar völlig richtig verstanden, aber andererseits: wenn man schon ein Ökohippie sein will, dann sollte man wenigstens auch so aussehen. Nicht vergessen, die Haare nicht zu waschen!

Das wesentliche Thema dieser Ausgabe scheint allerdings das lästige Geld zu sein: „Mehr Geld im Monat, ohne auf etwas zu verzichten“ lautet die Überschrift einer Themenseite, und „einfach mal weniger Schundheftchen kaufen“ kommt bedauerlicherweise nicht darauf vor, aber immerhin Hinweise auf vier „Apps“, die beim Sparen helfen sollen, indem man einfach auf seinem von Mama und Papa oft mithilfe von Verschuldung finanzierten iPhone herumdrückt. Muss man ja verstehen, ohne geht es nicht, wie auch die Doppelseite 24/25 bekräftigt:

»ERSCHRECKEND! JEDES 5. KIND BEI UNS IST ARM …«

Wessen Zitat hier in Anführungszeichen (noch dazu in französische, aber wer Typografie beherrscht, der ist für die „Mädchen“-Redaktion vermutlich sowieso überqualifiziert) gesetzt wurde, bleibt das Geheimnis des Überschriftenausdenkers, aber zumindest wird Armut hier nicht als bekannt vorausgesetzt, sondern erklärt:

Statistisch heißt das: Die Eltern haben unter 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung. (…) Für Spaß wie Ausflüge, Freibad, Sport fehlt das Geld. Viele fühlen sich isoliert. So wie Rebecca, die von ihrem schwierigen Leben erzählt.

Schieß‘ los, Rebecca!

Überglücklich ist die Schülerin über ein gebrauchtes Handy, weil sie dadurch in der Klasse zumindest ein bisschen dazugehört. (…) „Wirklich arm sind Menschen in Afrika, die hungern müssen. Oder Flüchtlinge, die alles zurückgelassen haben.“ (…) Meist ist sie traurig und teilnahmslos, weil „das alles sowieso keinen Sinn macht“.

Man gebe dieser jungen Frau Geld, damit sie sich einen Sprachkurs leisten kann und nicht mehr „Sinn machen“ sagen muss! – Rebecca ist so arm, dass sie gar nicht richtig dazugehören kann in ihre Clique mit den teuren, unpraktischen Klamotten und den teuren, unpraktischen Smartphones. ERSCHRECKEND! Allerdings nicht die Armut, sondern, dass man in Rebeccas Klasse offensichtlich erstens nur mit einem Taschentelefon dazugehören kann und zweitens Rebecca zu solchen Leuten dazugehören will. Ich vermute, hier ist mit Geld nur wenig zu verbessern.

Sind ja auch doch immer die Eltern schuld, was natürlich eigentlich ziemlich gut ist, behauptet die Titelzeile „Mama, ich hass-liebe dich“, und wer jetzt einen tiefen- oder wenigstens psychologischen Exkurs erwartet, der möge einen Blick in den so genannten „Fotoroman“ („Best Friends in Love Trouble“, auf Deutsch klingt so was eben nicht beknackt genug) werfen und anschließend ein wenig Alkohol trinken, um von klugen Gedanken vor dem Weiterlesen genug Abstand genommen zu haben.

Die Mutter, heißt es dort, sei das wichtigste Vorbild für 39 Prozent der Töchter (und für 61 Prozent eben nicht), weshalb die Diskussion der Frage, wieso Töchter in der Pubertät ihr so ungern gehorchen, immerhin drei Seiten sowie eine ganzseitige Anzeige der Dummchenmarken Dove und Rossmann, die gemeinsam für irgendwelche Werbezwecke das „beste Mutter-Tochter-Paar“ suchen, füllt. Diskussion? Nun ja, es ist im Wesentlichen eine dreiseitige Belehrung darüber, dass man als pubertierendes Mädchen nichts dafür kann. Auszüge gefällig?

Du versuchst, deinen Freiraum zu vergrößern, willst länger ausgehen und nicht als Erste heim. (…) LÖSUNG: Internationale schlafmedizinische Studien beweisen, dass sich der biologische Rhythmus bei Jugendlichen nach hinten verschiebt. Schieb alles auf deinen Körper!

Oder:

(…) dein (sic!) Mutter macht Theater wegen deiner Unordnung. LÖSUNG: Sei clever: AUF dem Bett fällt das Chaos auf, UNTER einer Tagesdecke, die du flugs drüberschmeißt, ist alles versteckt.

Oder:

Du hörst Beschwerden, dass du ja nur am Handy oder vor dem Computer hockst, Facebook & Co. dein zweites Zuhause sind? LÖSUNG: Erkläre eindringlich, dass Computerkenntnisse in deiner Generation eine absolute Grundvoraussetzungen (sic!) auf dem Arbeitsmarkt sind (…).

Hoffen wir, dass Mütter nicht „Mädchen“ lesen (und auch nicht selbst in der EDV tätig sind und also ungefähr wissen, was man mit Facebook beruflich so machen kann), denn sonst gibt’s Hausarrest. Wie man mit den Konsequenzen der Tipps der „Mädchen“ umgehen muss, wird dann vermutlich in einer späteren Ausgabe thematisiert.

Leserbriefe? Natürlich gibt es Leserbriefe!

MÄDCHEN Leserbrief

Ligrü!

:wallbash:

Senfecke

Bisher gibt es 5 Senfe:

  1. Wessen Zitat hier in Anführungszeichen (noch dazu in französische

    Is das ’ne »Lesekompetenzübung«?

    Ligrü!

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