NetzfundstückePersönliches
Anzüg­lich­kei­ten

(Vor­be­mer­kung: Ich sehe im Anzug schei­ße aus und tra­ge trotz­dem gern mal einen, und zwar aus frei­en Stücken.)

Im Unter­blog kom­men­tier­te Dr. Horst Lüning, haupt­be­ruf­lich Whis­ky­trin­ker und ‑ver­käu­fer, vor einer Wei­le sein Ver­hält­nis zu Her­ren­an­zü­gen sinn­ge­mäß der­ge­stalt, dass er nichts von ihnen hal­te, weil ihm ein Smo­king für die mei­sten Anläs­se zu förm­lich erschei­ne; weil’s zwi­schen Polo­hemd und Smo­king oder Frack anschei­nend kei­ne nen­nens­wer­ten Abstu­fun­gen gibt.

Es dau­er­te selbst­re­dend nicht lan­ge, bis die ersten zustim­men­den Kom­men­ta­re zu lesen waren:

wer anzug trägt hat die kon­trol­le über sein leben ver­lo­ren

Dabei hat, wer sich nicht nur einen Anzug lei­sten kann, son­dern auch noch eine Gele­gen­heit fin­det, ihn zu ange­mes­se­nem Anlass zu tra­gen, kei­nes­wegs die Kon­trol­le ver­lo­ren; im Gegen­teil: es bedarf eini­ger Lebens­kon­trol­le, um an die­sen Punkt zu gelan­gen und dort zu blei­ben. Ein Anzug ist oft Resul­tat, nicht Aus­lö­ser, und längst nicht immer Aus­druck aus­drück­li­cher Beklei­dungs­vor­schrif­ten. Klei­der machen Leu­te ist eben auch nur so halbrich­tig, das Gegen­teil ist das ent­schei­den­de Aber.

Aber so ganz ernst zu neh­men sind der­lei Flap­sig­kei­ten ja nur bedingt, sprin­gen wir also amü­siert zum näch­sten bemer­kens­wer­ten und gering­fü­gig durch­dach­te­ren Kom­men­tar:

Kra­wat­ten tra­gen heu­te doch nur noch Ver­tre­ter (Ver­tre­ter­schal) und ver­filz­te Poli­ti­ker. Ken­ne kaum noch gestan­de­ne GF die sich die­se Fol­ter antun.

Nun, der Vor­wurf der Ver­filzt­heit ist ein belieb­ter, impli­ziert er doch, dass das, was die der Ver­filzt­heit beschul­dig­te Per­son reprä­sen­tiert, regres­siv und nicht mehr zeit­ge­mäß sei, in die­sem Fall also, dass jemand, der vom Volk gewählt wur­de, damit gefäl­ligst auf­zu­hö­ren habe, weil das sooo letz­tes Jahr­hun­dert sei; aber Mode allein nach Trends zu bewer­ten (dazu gleich noch mehr) ist doch etwas kurz­sich­tig. Wer sieht schon gern wie eine Vagi­na aus? – Es gilt, die zeit­lo­se Mode zu fin­den, und dazu gehö­ren zwei­fel­los auch Anzü­ge, zumin­dest die nor­mal und nicht tren­dig geschnit­te­nen, gefärb­ten und sonst­wie gefer­tig­ten.

Wei­ter: „Gestan­de­ne GF“ (Geschäfts­füh­rer, nicht Girl­fri­ends, neh­me ich an) tun sich also die „Fol­ter“ einer Kra­wat­te nicht mehr an. Lei­der ver­schweigt der Kom­men­ta­tor, wor­an man einen „gestan­de­nen“ Geschäfts­füh­rer erkennt (viel­leicht an der löch­ri­gen Jeans?) und wie eng man sei­ne Kra­wat­te wohl bin­den muss, um sie als Fol­ter aus­zu­ma­chen. Es gibt tat­säch­lich auch Mode, die ich als Fol­ter emp­fin­de, ver­se­hent­lich bauch­freie Ober­tei­le und Phil-Coll­ins-Fan­shirts gehö­ren dazu. Anson­sten bin ich davon über­zeugt, dass es eine Men­ge Din­ge gibt, die auch kör­per­lich mehr fol­tern als eine Kra­wat­te: Nasen­rin­ge; Täto­wie­run­gen; Ohren­tun­nel, durch die man durch­gucken kann; …

Eine Kra­wat­te ist da doch deut­lich ästhe­ti­scher. Vor allem eine mit Ent­chen drauf.

Was haben wir noch? Ach ja, einen Kom­men­ta­tor namens „Asgaia­Me­tal“, offen­bar eine gan­ze Band vol­ler mit­tel­jun­ger Her­ren in schwar­zen Shirts, was die Indi­vi­dua­li­tät der Band­mit­glie­der ver­mut­lich gera­de auf der Büh­ne auch optisch unter­strei­chen soll:

Im Anzug ist man ein grau­schwar­zes nichts. Uni­fo­miert, der Indi­vi­dua­li­ät, der Per­sön­lich­keit beraubt.

Mon­ty Python das Leben des Bri­an Indi­vi­dua­li­tät

Bezie­hungs­wei­se (glei­cher Autor):

Anzug sieht all­ge­mein nicht gut aus. Es ist letzt­end­lich Alt­her­ren­klei­dung, die häß­li­che alte fet­te Kör­per kaschie­ren sol­len.

Unab­hän­gig von der Fra­ge, ob ein Mäd­chen in einem die­ser Län­der, das als Schul­uni­form so was Ähn­li­ches wie einen Anzug zu tra­gen hat, dadurch nun zu einem häss­li­chen alten fet­ten Alt­herrn wird: Das neh­me ich als zumin­dest nicht über­mä­ßig dicker Mann jetzt doch ein biss­chen per­sön­lich.

Dabei ist man in einem Anzug, wenn schon kein Nichts, nicht mal unbe­dingt grau­schwarz. Dass man schwar­ze Anzü­ge nur als Kell­ner, Trau­er­gast oder Zyni­ker tra­gen soll­te, ver­mö­gen weni­ge Minu­ten Web­re­cher­che ein­leuch­tend zu erläu­tern; aber wie ein­falls­los muss man sein, um sich beim Anzug­kauf aus­ge­rech­net einen grau­en aus­zu­su­chen? Natür­lich gibt es Vor­komm­nis­se wie die furcht­ba­re PARTEI, deren gemein­sa­me Uni­form nun mal ein bil­li­ger grau­er Anzug ist, aber an Farb- und Stil­aus­wahl man­gelt es in der Anzug­welt wahr­lich nicht.

Sei­ne indi­vi­du­el­le Per­sön­lich­keit zeigt man durch den Ein­kauf von Mas­sen­wa­re aller­dings nur unzu­rei­chend, das gilt für Anzü­ge eben­so wie für schwar­ze Shirts, hoo­dies, bun­te Haar­far­be vom Ross­mann oder DM an der näch­sten Stra­ßen­ecke und für das iPho­ne in einer von vier Far­ben. Wer sich nur durch Din­ge, die er kau­fen muss, von sei­nen Mit­men­schen abzu­he­ben weiß, der hat viel­leicht auch ein­fach einen ent­schei­den­den Punkt nicht so rich­tig ver­stan­den; den näm­lich, dass Klei­der zwar Leu­te machen, dass aber, wer über­haupt gemacht wer­den muss, in jedem Kleid nur ein grau­es, schwit­zen­des Nichts bleibt.

Es sind die Details.

(In T‑Shirt und drecki­ger Hose von der Stan­ge geschrie­ben.)

Senfecke:

  1. wer anzug trägt hat die kon­trol­le über sein leben ver­lo­ren

    ne is klar. :D spä­te­stens ab errei­chen der voll­jäh­rig­keit stellt man doch fest, dass kla­mot­ten immer situa­ti­ons­be­dingt sind. dach­te ich zumin­dest.

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