MusikIn den Nachrichten
War­um Keith Jar­rett zu beju­beln ist

Gestern schrieb Cle­mens Setz auf „ZEIT ONLINE“ über ein Kon­zert des unbe­strit­ten erst­klas­si­gen Jazz­pia­ni­sten Keith Jar­rett unge­fähr dies:

Ich war auf­ge­regt. Ich hat­te ihn nie zuvor live erlebt. Der Held mei­ner Jugend, noch aus jener Zeit, als ich dach­te, ich könn­te viel­leicht selbst ein gro­ßer Jazz­pia­nist wer­den. (…) Als Näch­stes kam Keith Jar­rett. Er sah nicht sehr glück­lich aus. Er trat ans Mikro­fon und sag­te: „Ich spie­le nicht eine ein­zi­ge Note auf die­sem Kla­vier, bis die zwei Per­so­nen, die Fotos gemacht haben, das Gebäu­de ver­las­sen haben!“ (…) Jar­rett setz­te, mit einer Hand Schwei­gen gebie­tend, noch eins drauf. Er habe durch unse­re Unver­schämt­heit den Kon­takt mit der Musik ver­lo­ren. (…) Der Künst­ler ent­zieht uns rück­wir­kend sei­ne See­le! Was wir gehört haben, war nicht wirk­lich er. Und falls es uns gefal­len hat, zeigt das nur, wie dumm wir sind. Herr­je.

„Herr­je“, was hat die­ser Künst­ler­arsch doch eine völ­lig fal­sche Vor­stel­lung von Musik! Es steckt kein Herz­blut im Gehör­ten? Das ist egal, es ist belie­big. Der Mann kann uns doch nicht das Atmen ver­bie­ten und das fast genau so wich­ti­ge Belä­sti­gen des inter­es­sier­ten Publi­kums mit Licht­blit­zen erst recht nicht, denn völ­lig unge­ach­tet der Fra­ge, ob die Gefühls­rei­se geneig­ter Anwe­sen­der, auf die sie mit guter Musik auf­zu­bre­chen ver­mö­gen, nicht von blö­dem Geknip­se von Banau­sen unsanft been­det wer­den könn­te und man sich das viel­leicht mal frü­her über­le­gen soll­te, darf man nicht aus den Augen ver­lie­ren, wor­um es wirk­lich geht, wenn man ein Kon­zert besucht, näm­lich um einen wei­te­ren Etap­pen­sieg im ewig wäh­ren­den Wett­kampf um Däum­chen und Stern­chen. Jemand macht was, egal was: Like. War­um den Abend genie­ßen, wenn man ihn auch hin­ter­her auf einem Bild­schirm angucken kann? Die heu­ti­ge Video­tech­nik lässt ver­blüf­fend ech­tes fee­ling auf­kom­men, als wäre man bei dem auf­ge­nom­me­nen Kon­zert selbst dabei gewe­sen.

Krass.

Cle­mens Setz schrieb wei­ter­hin:

Er schien uns zu sagen: Ihr beklatscht ohne­hin alles, also was soll’s, hier ist ein Blues. Zyni­sche Musik. Bit­te­re Imi­ta­tio­nen sei­ner selbst, vir­tu­os hin­ge­knallt für ein dum­mes Publi­kum, das nicht still und unsicht­bar sein kann. (…) Ich stell­te mir vor, wie der Künst­ler vor dem Kon­zert ins Mikro­fon sagt: (…) „Und schau­en Sie nicht dau­ernd auf die Arm­band­uhr. Was hat Tech­no­lo­gie hier neben mir und mei­ner Kunst zu suchen?“

Wenn ich noch drin­gend irgend­wo hin muss oder ein­fach nur den Moment her­bei­seh­ne, dass der Mist vorn auf der Büh­ne end­lich endet, dann ist es nicht die Auf­ga­be des Künst­lers, sei­ne Arbeit so schnell wie mög­lich hin­ter sich zu brin­gen, denn er hat den unge­dul­di­gen Kon­zert­be­su­cher nicht dar­um gebe­ten, an einem Ort zu sein, an dem er gar nicht sein will. Wäre ich selbst Musi­ker, ich wür­de mich gleich­falls erheb­lich an Men­schen stö­ren, die trotz frei­wil­li­gen Bei­woh­nens offen­sicht­lich nicht gewillt sind, mir zuzu­hö­ren. Ich gehe ja auch nicht in eine Metz­ge­rei, wenn ich Lust auf Salat habe, und las­se die aus­blei­ben­de dor­ti­ge Befrie­di­gung die­ser Lust schon gar nicht am anwe­sen­den Metz­gersper­so­nal aus.

Da ich dies gera­de schrei­be, fällt mir auf, wem ich sicher­lich nicht hät­te zuhö­ren sol­len: Cle­mens Setz näm­lich. Aller­dings tu‘ ich ihm nicht den Gefal­len und beschwe­re mich bei ihm dar­über, dass ich mei­ne Zeit damit ver­schwen­det habe, sei­nen Banau­sen­quatsch zu lesen, denn das war mei­ne eige­ne und vor allem freie Ent­schei­dung. Ich höre lie­ber ein wenig Jazz. Das ent­spannt.

Und ich brau­che nicht mal ein Foto vom Kla­vier dafür.

Senfecke:

  1. Dan­ke für Ihre schnel­le Stel­lung­nah­me. Ich habe nun für Die Dschun­gel eben­falls einen Text zu Set­zens unsäg­li­cher Jar­rett-Repor­ta­ge geschrie­ben, sie »» soeben ein­ge­stellt und im Kom­men­tar dar­un­ter auf die­sen Ihren Text ver­linkt.
    Gruß, ANH

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