In den NachrichtenNerdkrams
War­um „Ubun­tu für Win­dows“ den plötz­li­chen Jubel nicht ver­dient

Nun, da die erste gro­ße Wel­le der Begei­ste­rung abge­flacht ist und die bei­den ver­fein­de­ten Lager sich nach Aber­tau­sen­den von Kom­men­ta­ren erschöpft zurück­ge­zo­gen haben, um neue Kraft für das wei­te­re Gesche­hen zu sam­meln, möch­te ich die­se Mel­dung an die­ser Stel­le auch nicht unkom­men­tiert las­sen:

Micro­soft hat ein Linux-Sub­sy­stem für Win­dows 10 ent­wickelt, mit dem sich Linux-Pro­gram­me für die Kom­man­do­zei­le direkt unter Win­dows aus­füh­ren las­sen.

Was einen „Jour­na­li­sten“ von „hei­se online“ gera­de­zu vor Begei­ste­rung auf die Tasta­tur spei­cheln lässt, ist für erfah­re­ne Com­pu­ter­nut­zer ein alter Hut: Eine sol­che Abstrak­ti­ons­schicht kennt man aus Syste­men wie Free­BSD – dort heißt sie „Linuxu­la­tor“ – schon seit Jah­ren. Dar­um wur­de aber merk­wür­di­ger­wei­se nie so ein Gewe­se gemacht wie um die fas­zi­nie­ren­de Neu­ig­keit, dass Micro­softs anfangs noch für das Betriebs­sy­stem OS/2 geplan­ter NT-Ker­nel schon immer in der Lage war, ver­schie­de­ne Sub­sy­ste­me zu nut­zen. Win­dows NT 3.1, die erste „NT-Ver­si­on“ von Win­dows, wur­de von vorn­her­ein neben dem Win32- auch mit einem POSIX- und einem OS/2‑Subsystem aus­ge­lie­fert, es war also, wie man bei „hei­se online“ heut­zu­ta­ge wohl schrei­ben wür­de, drei Betriebs­sy­ste­me in einem.

Wäh­rend die OS/2‑Unterstützung zum letz­ten Mal mit Win­dows NT 5.0 („Win­dows 2000“) aus­ge­lie­fert wur­de, hat­te das POSIX-Sub­sy­stem noch eine glän­zen­de Zukunft vor sich: 1999 kauf­te Micro­soft mit Inte­rix (bis 1998 als OpenNT ver­kauft) eine voll­stän­di­ge­re Imple­men­tie­rung eines Unix-Sub­sy­stems (ein­schließ­lich vi, grep und so wei­ter) und nahm es in sein Port­fo­lio auf. Die Unter­stüt­zung für die bis­her letz­te Ver­si­on des­sen, was mitt­ler­wei­le „Sub­sy­stem for UNIX-based Appli­ca­ti­ons“ hieß, ende­te mit der Ver­öf­fent­li­chung von Win­dows 8 im Jahr 2012, seit­dem fuß­te Win­dows im Wesent­li­chen auf dem Win32-Sub­sy­stem und harr­te der Ent­wick­lung eines Nach­fol­gers für das „SUA“.

Die­ser Nach­fol­ger scheint nun gefun­den:

A team of sharp deve­lo­pers at Micro­soft has been hard at work adap­ting some Micro­soft rese­arch tech­no­lo­gy to basi­cal­ly per­form real time trans­la­ti­on of Linux syscalls into Win­dows OS syscalls. Linux geeks can think of it sort of the inver­se of „wine“ – Ubun­tu bina­ries run­ning natively in Win­dows.

Die eigen­ar­ti­ge Impli­ka­ti­on „Ubun­tu === Linux“ ein­mal bei­sei­te gelas­sen (obwohl es dazu sicher­lich noch ein paar span­nen­de Fra­gen gäbe, zum Bei­spiel, ob die Nen­nung von Ubun­tu nicht den guten Ruf von Win­dows zer­stört): Der Nach­fol­ger von Inte­rix ist also weder POSIX-kom­pa­ti­bel (denn das ist Ubun­tu auch nicht) noch hält sich die­ser Ubun­tu-Unter­bau an die Linux Stan­dard Base (denn die benennt RPM als das Stan­dard-Paket­for­mat, „Ubun­tu für Win­dows“ ver­wen­det aber wie auch Ubun­tu selbst das .deb-For­mat). In punc­to Stan­dards ist hier also ein deut­li­cher Rück­schritt zu erken­nen, statt eines ein­zi­gen Stan­dards wer­den hier gleich meh­re­re miss­ach­tet. Das gilt auch für die ver­wen­de­te Shell: Die bash (das war die Shell mit den rie­si­gen Sicher­heits­lücken) mag unter GNU/­Li­nux-Dis­tri­bu­tio­nen die meist­ge­nutz­te Shell sein, der POSIX-Stan­dard wur­de aller­dings auf Grund­la­ge der ksh erstellt.

„Aber“, rufen jetzt die­je­ni­gen, die noch bis eben kei­nen Grund zur Besorg­nis sahen, „jetzt kann man doch so vie­le tol­le Pro­gram­me unter Win­dows nut­zen“, was man bis­her ja auch konn­te, nur eben per zusätz­li­cher Emu­la­ti­ons­schicht, die jetzt weg­fällt. Und oft nicht ein­mal das: Von Vim, das als leuch­ten­des Bei­spiel genannt wird, gibt es neben der offi­zi­el­len, auf dem GNU-Emu­la­tor MinGW/MSYS basie­ren­den Win­dows-Ver­si­on auch eine nati­ve Umset­zung (Offen­le­gung: von mir), die völ­lig ohne Linux­un­ter­stüt­zung funk­tio­niert. Auch sonst – um lei­der noch­mals „hei­se online“ zu zitie­ren – implo­diert der Zau­ber schon beim Hin­se­hen; so …

(…) lau­fen unter ande­rem (…) die Tools rsync, find, grep, und sed, die Netz­werk­pro­gram­me ssh, curl und wget, die Edi­to­ren vim und Emacs, Apa­che, Mysql (sic! A.d.V.) und die Ent­wick­ler­werk­zeu­ge Python, Perl, Ruby, PHP und GCC unter Win­dows 10. Linux-Ent­wick­ler kön­nen sich so unter Win­dows eine ver­trau­te Umge­bung zum pro­duk­ti­ven Arbei­ten ein­rich­ten.

Das konn­ten sie zwar bis­her auch, aber es stand nicht „Ubun­tu“ dran, über­dies war (zum Bei­spiel) GNU Emacs bis­lang nur in einer MinGW-Ver­si­on ver­füg­bar; dass man künf­tig statt­des­sen auch eine eben­falls nicht Win32-nati­ve Kon­so­len­ver­si­on „aus Ubun­tu“ nut­zen kann, ist aber sicher­lich eine deut­li­che Ver­bes­se­rung: Das Nut­zen von ELF- statt PE-Binär­da­tei­en auf einem für PE opti­mier­ten System, die anson­sten aus dem iden­ti­schen Quell­code erzeugt wur­den, zu nut­zen hat bestimmt irgend­ei­nen Vor­teil, der sich nur Men­schen mit dem wah­ren Glau­ben erschlie­ßen mag.

„Kommt bald Win­dows mit einem Linux­ker­nel?“ fra­gen nun from­me Linux­blog­ger, von denen eini­ge die Unter­schie­de zwi­schen den bei­den Ker­neln im Betrieb wahr­schein­lich nicht ein­mal bemer­ken wür­den, geschwei­ge denn, dass sie über­haupt erken­nen lie­ßen, dass sie wüss­ten, wor­in über­haupt der Vor­teil eines sol­chen Unter­fan­gens bestün­de, hoff­nungs­froh, als hät­ten sie einen unmit­tel­ba­ren Vor­teil davon, dass Win­dows jetzt auch für Leu­te, die bis­lang wegen der bash Linux genutzt haben, noch inter­es­san­ter als bis­her gewor­den ist. Flan­kiert von den Linux­be­jub­lern in „Fach­ma­ga­zi­nen“ wie „hei­se online“ und dem „SPIEGEL“ beschwö­ren sie gera­de­zu manisch, aber ver­ge­bens das bal­di­ge Ende des­je­ni­gen Systems her­auf, des­sen tech­ni­sche Über­le­gen­heit das omi­nö­se „Linux auf dem Desk­top“ seit mitt­ler­wei­le einem Vier­tel­jahr­hun­dert bei unter fünf Pro­zent Markt­an­teil hält.

Kennt ihr den mit dem Mist­hau­fen und der Flie­ge?

Senfecke:

  1. Irgend­wie untert­reicht dein neu­er Anstrich anläss­lich des ersten Aprils die Belang­lo­sig­keit die­ser Nach­richt noch zusätz­lich … Auf jeden Fall begei­stert mich dei­ne Kit­ty Hell gera­de mehr als Ubun­tu (von Linux wird in die­sem Zusam­men­hang ja so wenig wie bei Android gespro­chen) auf Win­dows 10.

    Mag­ste das noch eine Wei­le so las­sen? Das bringt biss­chen Far­be in mei­ne täg­li­che Blog Rota­ti­on =)

    • Ein unfai­rer Ver­gleich. Android hat ja eigent­lich nur den Ker­nel mit GNU/Linux gemein, Ubun­tu hat (noch) einen Groß­teil des rest­li­chen GNU-Unsinns an Bord.

  2. Beim The­ma Ker­nel kann ich dir voll bei­pflich­ten.

    PS: Dein The­me ist häss­lich: Die „Git­ter“ an der Sei­te sind schreck­lich. Und die Senf-But­tons funk­tio­nie­ren bei mir jetzt auch nicht mehr. Arrrrrr! Anson­sten gefällt mir das The­me aber sehr gut.

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