1993 sangen Illegal 2001 auf ihrem Debütalbum in einem beachtlichen Refrain: “Mädchen sind doof / Mädchen sind doof, alle doof”. Von diesem Schock haben sich deutsche Musikerinnen sehr lange nicht erholt, bis schließlich Miss Platnum kam und deren Ehre zu verteidigen versuchte.
Miss Platnum, die Älteren unter uns erinnern sich womöglich noch an ihre klugen Gesangsbeiträge (“yeah / oh”) in Marterias überdurchschnittlich gelungenem Gassenhauer “Lila Wolken”, ist laut Presseinformationen “ein nicht wegzudenkender Teil der urbanen deutschen Musikszene”. Für sie (wie für mich) sei “das alles Popmusik”, dennoch seien “Schubladen” für sie “genauso uninteressant wie Gendertalk”.
Wirklich? In ihrem derzeit vielerorts zu hörenden “Lied” “MDCHN (Mädchen sind die besseren Jungs)” (sic!) — leider lässt sie die Vokale beim Intonieren nicht weg — hört sich das ganz anders an.
So heißt es gleich zu Beginn des Textes:
Ihr seid die Dramaqueens / Selfie in Skinny Jeans / Ihr wundert euch, dass ihr nur Kreuzchen bei Tinder kriegt / Mädchen sind die besseren Jungs — yeah
Offensichtlich soll mit dieser Spitze ausgedrückt werden, dass Mädchen “besser” seien als Jungs, da sie auch in schrecklicher Kleidung und sonstwie überhöhtem Weltschmerz noch allerlei Zuspruch von Leuten finden, die gegen ein Stelldichein mit ihnen nichts einzuwenden hätten. Das beliebtere Fleisch ist das bessere Fleisch — yeah.
Das wird im Folgenden nochmals betont:
Ihr sammelt Pfandflaschen, wir sammeln Handtaschen / Brauchen keine 20 Bier, um euch anzumachen
Von der Implikation, man sei als Mädchen nicht nur auch nüchtern leicht zu haben, sondern auch noch offensiv im Engagement, dies auch zu zeigen, einmal ausnahmsweise abgesehen: Wenn man Pfandflaschen nach Jahren zurückbringt, bekommt man Geld dafür, sie sind also eine Wertanlage mit überschaubarer Inflation und überdies viel billiger zu erstehen als die durchschnittliche Handtasche. Außerdem kann man weitaus besser daraus trinken. Auch Ökonomie — bekannt auch als “das Geld zusammenhalten” — ist was für JNGS, wie mir scheint. Schnell etwas Wiederholung im hook (zu meiner Zeit hieß das ja noch Refrain, aber “Hook” — “Haken” — soll wohl ausdrücken, dass es sich um den Teil handelt, der irgendwie hängen bleibt, was immerhin schön ausgedrückt ist, denn den Rest kann man eigentlich auch vergessen; ach, Klammer zu) drauf, denn Wiederholung schafft Wahrheit:
Mädchen sind die besseren Jungs / sind die besseren Mädchen — sind die besseren Jungs / sind die besseren Mädchen — yeah / uuuhuhuu uhhhuhhuu … — yeah …
… Uhu.
Uh bzw. yeah, für ’ne zweite “Strophe” hat es doch noch gereicht, Frau Platnum wird wortreicher mit der Zeit:
Ihr mietet Sportwagen / erzählt von Vorstrafen / wir machen aus Gangsta-Rappern kleine Chorknaben / Mädchen sind die besseren Jungs — yeah
“Wir sind krimineller als ihr, ätschibätsch!” — Moment, das wird jetzt doch kein battle? Nein, keine Sorge, es wird doch ein, nun ja, uninteressanter Gendertalk:
Uns stehen alle Farben — ihr dürft die Koffer tragen
Wir gehen nicht heimlich weinen / wir müssen nicht so leiden / müssen nicht verbluten, wenn wir uns in den Finger schneiden
Wenn die besten Menstruations- und Analsexwitze nicht bereits vor Jahren gemacht worden wären, hielte ich eine wohl ziemlich niveaulose Entgegnung für angemessen, aber so bleibt mir vielleicht zumindest der Hinweis darauf erlaubt, dass die Männer als das “starke Geschlecht” vielleicht schon deswegen häufiger an den Fingern bluten, weil sie Handwerkerei mitunter gern selbst erledigen.
Pardon, ich verfalle selbst in Klischees. Dieses Thema ist aber auch ein heißes Eisen. Schnell zurück zur Strophe, denn vor dem abschließenden Uhu-Yeah-Durchlauf greift Frau Platnum noch mal tief in die Rhetorikkiste und tut sich dabei gehörig an den Fingern weh:
Ihr seid nur stark im Rudel, wir sind Alpha-Mädchen
(Hervorhebung, wie üblich, von mir.)
Schlimm mit diesen Jungs, die immer im Rudel auftreten müssen und allein gar nicht stark sind. Die sollen sich mal ein Beispiel an den Alpha-Mädchen (Plural) nehmen, die zusammen nämlich, ähm… die besseren Jungs! Alpha! Stark!
Die meisten hören nur die Dissonanzen.
Theodor Fontane


+1