Ich habe eine Theorie.
Hans-Peter Friedrich, der sich als Innenminister dadurch einen Namen gemacht hat, dass er mehr Internetüberwachung und Vorratsdatenspeicherung für kleinste Vergehen forderte, mit der flächendeckenden Überwachung der Bürger kein Problem hatte und sie, wenn’s andere taten, auch für nicht so wichtig hielt, ist nun, wie allenthalben zu lesen ist, von seinem Amt als Rübenminister zurückgetreten.
Die Netzgemeinde jubelt, dass einer ihrer ärgsten Gegner nun — nach Ende seiner Amtszeit — doch noch gestrauchelt ist; allerdings über ein ganz anderes Thema. Nein, so ein Innenminister tritt nicht zurück, wenn er die Interessen seiner Wähler konsequent missachtet. Das ist ihm doch schnurzpiepegal. Herr Friedrich hat seine Amtszeit als Innenminister bis zum Ende völlig unbeschadet überstanden. Nein, im Hause CDU/CSU ist Vollversagen kein Rücktritts‑, sondern Aufstiegsgrund.
Nun wurde aber bekannt, dass er in seiner Amtszeit als Innenminister nicht nur politisch versagt, sondern auch noch mit der Opposition geklüngelt haben soll. “Verdacht auf Geheimnisverrat” heißt das wohl auf Juristendeutsch. In der CDU/CSU kann man sich eben eine Menge krimineller Taten (Schwarzgeldkonten, Waffenhandel, Trojanerverbreitung) erlauben, ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen; aber sich mit dem Feind einzulassen ist eines wahren Christdemokraten nicht würdig. Rübe runter!
Ich habe eine Theorie.
Hans-Peter Friedrich ist nicht “auf politischen Druck” zurückgetreten oder weil ihm sein Fehler bewusst geworden wäre. Der merkt nichts mehr. Der politische Druck während seiner Amtszeit als Innenminister war ihm ja auch einigermaßen egal.
Hans-Peter Friedrich hat lediglich sein ungeliebtes Amt auf elegante Weise abgelegt.
Als Innenminister hat man Macht, wird einigermaßen gut bezahlt und kann einem Haufen Menschen das Leben zur Hölle machen. Als Rübenminister ist man nicht mehr individuell, sondern qua Amt eine Witzfigur.
Hans-Peter Friedrich, als krimineller Innenminister — ich wiederhole mich — vollkommen unbeschadet geblieben, wird nun im Netz dafür ausgelacht, dass er statt des Amtes, das er zum Zeitpunkt seiner kriminellen Aktivitäten innehatte, ein Amt verlassen “musste”, in dem er ungefähr so gefährlich war wie eine Schachtel Bioerdbeeren; und so teuer und blass noch dazu. Er wird weiterhin auf Kosten der Steuerzahler Kuhlen in Bundestagsstühle sitzen und dumm gucken; von seinen Pensionsansprüchen reden wir lieber nicht, sonst regen wir uns wieder nur auf.
Juchhei, er ist zurückgetreten! Das Netz hat gesiegt! Ja, das hat das Netz gut hinbekommen, dass seine Amtszeit als Innenminister pünktlich mit der Neuwahl endete.
Ich habe eine Theorie.
Es ging denen, die Herrn Friedrichs Rücktritt forderten, nicht um seine Missetaten, denn den Rücktritt des ebenfalls beteiligten Vizekanzlers Sigmar Gabriel, der sich als bislang schweigender Empfänger des verratenen Geheimnisses durchaus nicht von jeder Schuld reinwaschen kann, fordert aus den Reihen der vox populi kaum jemand. Es ging um bloße späte Rache für verschiedenste Verfehlungen, von denen ich ja oben einige genannt habe. “Aber der hat doch damals…”
Früher wäre es nie so weit gekommen. Früher hatte so ein Volk ja noch etwas weniger Geduld mit kriminellen Ministern.
(Bonuspointe: Zum Thema “Rücktritt eines Versagerministers” möchte sich morgen im DLF Katrin Göring-Eckardt äußern. Katrin Göring-Eckardt hat den misslungenen Wahlkampf der “Grünen” zu verantworten und ist trotzdem im Amt geblieben. Es spricht also eine Fachfrau. Schön!)

