Einer der Nachteile von Textverarbeitungssoftware ist, dass man sich als Autor stets genötigt sieht, sich außer dem reinen Text auch auf dessen Darstellung zu konzentrieren. Während ein Absatz geschrieben wird, werden automatisch Absatz- und Formatierungsmarken eingefügt. Wenn später ein anderes layout angewandt werden soll, ist das oft eine fürchterliche Klickerei; selbst das Anlegen von Absatz- und Dokumentvorlagen befreit nicht von der Ablenkung durch die bereits vorhandene Darstellung. WYSIWYG ist zwar schön bunt, aber oft auch entsetzlich nervig.
Wenn man seine Autorentätigkeit ins web verlegt, kommt man vom Regen in die Traufe: Auch HTML, dem WYSIWYM-Konzept zumindest nicht völlig entgegengesetzt, ist anfällig für Ablenkung durch Formatierung. Einfach einen Text, der aus mehr als einem Absatz im Fließtext besteht, ins Netz zu stellen setzt, wenn man sich nicht auf die wenigen Möglichkeiten von sozialen Netzwerken beschränken möchte, ebenfalls bereits beim Schreiben einige Formatierungsarbeit voraus, die mit steigender Textlänge womöglich auch immer wieder Änderungen benötigt. Eine einigermaßen flexible Formatierung geht nur per CSS — wiederum etwas, das bereits beim Schreiben aufgrund der manuellen Zuweisung von class-Attributen womöglich mehr Zeit verschlingt als das Erstellen des eigentlichen Inhalts. (So ein Besucher guckt sich Webseiten ja normalerweise nicht nur deshalb an, weil sie so schön bunt sind.) Zumindest hierfür hat sich mit Markdown und MultiMarkdown eine Lösung etabliert, die HTML-Formatierungscodes durch Interpunktion ersetzt und in verschiedenen Dialekten zum Beispiel auf Stack Overflow, in sozialen Netzwerken (Google+, Diaspora) und neueren Blogplattformen wie Ghost zum Einsatz kommt.
Eine Trennung von Format und Inhalt wäre aber auch im Druck wünschenswert: Ich als Autor möchte mich darauf konzentrieren können, einen Text digital zu erfassen, und mir erst danach, wenn ich einen Gesamtblick auf diesen Text habe, Gedanken über seine Darstellung machen müssen. Kommt zwischen zwei Kapitel meines Buches jetzt jeweils ein Seiten- oder nur ein Zeilenumbruch? Sollen Kapitelüberschriften zentriert und kursiv oder linksbündig und fett dargestellt werden? Das ist alles erst dann relevant, wenn das Buch, die Abschlussarbeit oder zum Beispiel das Bewerbungsschreiben fertig ist.
Natürlich gibt es da eine Lösung: LaTeX. LaTeX ist im Wesentlichen eine Sammlung von Makros und Vorlagen für das Textsatzsystem TeX, das in diesem Segment den Quasistandard darstellt. (Ich bitte diesen Ausdruck zu entschuldigen, ich verbringe offenbar zu viel Zeit mit den Ergüssen von Schlipsträgern.) Dabei funktioniert es nach dem WYSIWYM-Prinzip: Will ich ein neues Kapitel beginnen, dann schreibe ich das genau so auf.
\chapter{Das erste Kapitel} Alles, was hier steht, gehört zum ersten Kapitel.
Wie ich diesen Text hinterher formatiere, könnte ich zu diesem Zeitpunkt bereits per Vorlage und/oder Formatierungsmakros entscheiden, ich muss es aber nicht. Das ist natürlich nun nur ein kurzer Ausschnitt aus einem LaTeX-Dokument; ein vollständiges Beispiel ist auf Wikibooks zu finden.
Dass LaTeX vor allem für wissenschaftliche Publikationen konzipiert wurde, bedeutet im Übrigen nicht, dass man sich auf diese Art des Druckerzeugnisses beschränken muss. Einer der typischen Einsatzzwecke von Textverarbeitungsprogrammen — das Schreiben von Briefen — ist natürlich auch mit LaTeX umsetzbar; Vorlagen inklusive. Mit dem KOMA-Script, das heutzutage fester Bestandteil von LaTeX-Distributionen ist, muss man sich auch über Besonderheiten deutscher Briefstandards keine Gedanken machen, die enthaltenen Vorlagen erledigen die meiste Arbeit quasi von selbst. (Dass auch eigene Vorlagen möglich sind, bedarf wahrscheinlich keiner weiteren Erwähnung. Hoppla, zu spät!)
Um aus LaTeX-Code ein fertiges Dokument zu generieren, werden zunächst einmal ein Texteditor und LaTeX selbst benötigt. Zu Ersterem komme ich weiter unten noch, für Letzteres empfehle ich das erfreulich unaufdringliche TeX Live. Installieren, läuft.
Um aus einem solchen LaTeX-Dokument im “Reintext” jetzt zum Beispiel unter Windows eine PDF-Datei zu erzeugen, empfehle ich eine Batchdatei folgenden Inhalts zu erstellen (damit man sich nicht ständig wiederholen muss):
@echo off latex eingabedatei.tex latex eingabedatei.tex pdflatex eingabedatei.tex
Die ersten beiden latex-Aufrufe “parsen” die LaTeX-Datei und legen zum Beispiel ein Inhaltsverzeichnis an. (Falls keines benötigt wird, genügt normalerweise ein einziger Aufruf von latex, aber ein zweiter ist ja dann auch zu verschmerzen.) pdflatex baut dann aus den generierten Daten eine PDF-Datei zusammen. Theoretisch funktioniert das auch ohne vorherigen Aufruf von latex, aber die “Hilfsdateien”, die dadurch entstehen, erleichtern so manches (zum Beispiel, wenn man AUCTeX benutzen möchte).
AUCTeX? Ach so, ja, das mit den Texteditoren. Ein LaTeX-Dokument lässt sich einigermaßen komfortabel in den meisten großen Texteditoren bearbeiten, Syntaxhervorhebung und manchmal automatische Vervollständigung inklusive. Noch komfortabler wird es, wenn man einen speziellen LaTeX-Editor einsetzt. Für Emacs gibt es etwa das AUCTeX- und für Vim das LaTeX-suite-Plugin; wer mit beiden Editoren nicht viel anfangen kann, dem sei TeXworks (in TeX Live enthalten) oder LyX empfohlen. Diesen Editoren ist eine Integration von LaTeX-Distributionen gemein, PDF-Dokumente lassen sich jeweils sozusagen per Tastendruck erzeugen. Obwohl für diesen Zweck Markdown deutlich besser geeignet ist, lässt sich LaTeX auch in WordPress einsetzen — ein Plugin, das die Einbindung von LaTeX-Code erlaubt, ist etwa WP-LaTeX.
Und wenn man dann ein LaTeX-Dokument erstellt hat, aber derjenige, der es überarbeiten will/soll, nur Microsoft Office benutzt? Pandoc eilt zu Hilfe:
pandoc -s eingabedatei.tex -o ausgabedatei.docx
Wie LaTeX (LPPL) steht auch Pandoc unter einer “freien” Lizenz (derzeit unter der GPL). Es ist nicht alles schlecht.
Fragen oder Anregungen sind willkommen.

Für die Freunde von Linux sei noch auf kile als “IDE” verwiesen.
Der Zusammenhang zwischen Kile und Linsux erschließt sich mir nicht.
Ich habe gerade mal versucht ein Dokument von mir von LaTeX zu DOCX zu konvergieren. Es scheint aber die \input{..}-Befehle zu ignorieren. In meinem Dokument sind nämlich alle \section{..} als Überschrift vorhanden und Inhalt wird dann aus einer anderen .tex-Datei hinzugefügt.
Das ist richtig, \input kann Pandoc (anscheinend) nicht.