WirtschaftIn den Nachrichten
Medienkritik LXVIII: Der Sarrazin, der Straubhaar, der Euro und ein Flugzeug ohne Landebahn.

Am morgi­gen Dien­stag erscheint Thi­lo Sar­razins neues Buch “Europa braucht den Euro nicht!”, in dem er ange­blich pos­tuliert, dass der Euro gequirl­ter Käse sei und wir ohne ihn bess­er wirtschaften kön­nten. Ich habe das Buch noch nicht gele­sen, aber Thomas Straub­haar tat es — schwarz kopiert? — und lässt auf STERN.de verkün­den:

Sar­razins Buch ist Zeitver­schwen­dung

Warum? Tscha, eh’ zu spät, schreibt Thomas Straub­haar:

Thi­lo Sar­razin hat Recht: Aus ökonomis­chen Grün­den hätte es den Euro in der Tat nicht gebraucht. Aber darum geht es nicht (mehr)!

Jeden­falls Thomas Straub­haar geht es nicht darum, er hat sich mit seinem Schick­sal in der Euro­zone abge­fun­den. Damit er sich nicht so allein fühlt, ver­sucht er seine Spielka­m­er­aden nun mit Quen­geln und Auf­stampfen um sich zu scharen; jeden­falls virtuell, denn “Fakt ist” ist in der deutschen Sprache das Äquiv­a­lent zum Auf­stampfen und ein sicheres Zeichen für Unsicher­heit dessen, der es ver­wen­det:

Fakt ist (sic!), dass Europa den Euro seit 1999 als Gemein­schaftswährung hat, seit 2002 für jeden Bürg­er auch sicht­bar als Euro-Münzen und Euro-Scheine. Deshalb stellt sich die Frage nicht mehr, ob Europa den Euro braucht. (…)

Es macht eben einen riesi­gen Unter­schied, ob man im fliegen­den Flugzeug sitzt und aussteigen will, oder man gar nicht erst ein­steigt. In bei­den Fällen will man draußen sein, aber fak­tisch hat nur wer draußen geblieben ist, eine Wahl­frei­heit. Wer mit­fliegt, ist mit­ge­gan­gen und damit mit­ge­fan­gen.

(Im Orig­i­nal verko­rk­ste Zeichenset­zung unverän­dert über­nom­men, Her­vorhe­bung aber von mir.)

Fakt ist eben auch, dass Deutsch­land ein halbes Jahrhun­dert lang die Deutsche Mark ver­wen­dete, seit 1949 für jeden Bürg­er auch sicht­bar in seinem Porte­mon­naie. Wir haben ander­er­seits gel­ernt: Die Umstel­lung eines Währungssys­tems bedarf im Zweifels­fall nur einiger Entschei­der, die nicht mehr alle Lat­ten an der Murmel haben, ein Währungssys­tem ist aber kein Naturge­setz wie die Schw­erkraft oder dass dumme Men­schen gern deutschen Rap hören.

Und so ver­hed­dert sich Thomas Straub­haar so tief im Kom­mad­schun­gel, dass er ein paar angek­lebte Flügel für ein Flugzeug mit unendlich großem Tank hält und zu feige ist, mal in seinem Ruck­sack nach einem Fallschirm zu suchen. In der ersten Klasse (“Thomas Straub­haar ist Leit­er des Ham­bur­gis­chen WeltWirtschaftsIn­sti­tuts (HWWI)”, prost!) sitzt man eben auch in sein­er Fan­tasie ziem­lich bequem.

Der Euro existiert. Er ist All­t­ag.

Das hat die Ver­nichter der Deutschen Mark auch nicht gestört. Die DDR war übri­gens auch mal All­t­ag.

Natür­lich wün­scht­en sich viele Eltern gele­gentlich eine Zeit ohne Kinder, die ner­ven, zurück. Aber genau so wenig, wie Kinder ungeschehen gemacht wer­den kön­nen, gab und gibt es einen Plan B, der den Euro beseit­igt.

Der Euro als quen­gel­ndes Kind, das die eigene solide Finanzwirtschaft mit ständi­gen Anforderun­gen (“MAMA, KAUF MIR EIN EIS” bzw. eben “Deutsche, schenkt den Griechen mal was”) ruiniert, ist natür­lich ein schönes Bild. Gibt es dazu schon eine Karikatur? Übri­gens gibt es sehr wohl, zumin­d­est auf dem Papi­er, einen Plan B: Während Deutsch­land zwar einen Ver­trag unter­schrieben hat, der es dazu verpflichtet, Mit­glied der Währung­sunion zu bleiben, würde dieser Ver­trag automa­tisch ungültig, sobald Deutsch­land aus der EU aus­tritt.

Eine etwas forschere Lösung hat Deutsch­land selb­st in der Ver­gan­gen­heit schon prak­tiziert: Weil “wir” uns weigern, die vorgegebene Richtlin­ie zur Ein­führung der Vor­rats­daten­spe­icherung einzuhal­ten, nehmen “wir” gern eine Ver­tragsstrafe in Kauf. Eine zweite käme uns vielle­icht immer noch bil­liger als weit­eres Dahin­veg­etieren auf Euroba­sis. Aber sich­er weiß Thomas Straub­haar mehr darüber.

Der hat aber ganz andere Sor­gen:

(…) Deshalb provoziert eine deutsche Diskus­sion darüber, “ob Europa den Euro braucht” bei den Nach­barn die schlimm­sten Äng­ste eines nation­al ori­en­tierten wirtschaftlich dom­i­nan­ten Groß-Deutsch­lands. Genau die Kon­se­quenz, die man mit der Wiedervere­ini­gung nicht wollte und mit dem Euro zu ver­hin­dern ver­suchte.

Wie muss ich mir die Ver­tragsver­hand­lun­gen vorstellen? “Ihr kriegt die DDR und den Euro, damit ihr keine Nazis mehr seid”? Diese zwei Sätze sind so unglaublich bescheuert, dass mir nur noch Stich­worte ein­fall­en:

  • Deutsch­land wird nicht zu “Groß-Deutsch­land”, wenn wir uns den Euro weg­nehmen. Unsere Gren­zen sind fest­gelegt.
  • Eine Währung­sunion würde einen faschis­tis­chen Dik­ta­tor nor­maler­weise nicht davon abhal­ten, diese Gren­zen im Zweifels­fall erweit­ern zu wollen. Die Währung­sunion hätte sog­ar tak­tis­che Vorteile, denn sie würde die Vor­bere­itung auf etwaige kriegerische Hand­lun­gen wirtschaftlich erle­ichtern.
  • Deutsch­land ist bere­its wirtschaftlich dom­i­nant, was der Grund dafür ist, dass es reich­lich Geld in irgendwelche europäis­chen Kassen ein­zahlen “darf”.

Übrig bleibt die “nationale Ori­en­tierung”. Natür­lich ist eine eigene Währung auch ein Sym­bol von Autarkie, den­noch ist Deutsch­land noch immer ein Export­land. Eine Abschot­tung inner­halb Europas wäre also ohne Weit­eres gar nicht möglich. (Übri­gens hat die Schweiz auch eine eigene Währung, und wer hat schon Angst vor der Schweiz?)

Wieso aus­gerech­net ein nation­al­is­tis­ch­er Staat wie Frankre­ich Angst vor nationaler Ori­en­tierung hat, erscheint mir übri­gens auch unbe­grei­flich. Wo liegt der tat­säch­lich greif­bare Nachteil eines Staates, der ein wenig Selb­st­bes­tim­mung und Iden­tität zurück­er­lan­gen will? Eine Antwort darauf bleibt Thomas Straub­haar natür­lich schuldig, er weiß es wohl nicht bess­er.

Für ihn jeden­falls ist das The­ma vom Tisch:

Hinge­gen ist es ein nut­zlos­er Ver­schleiß poli­tis­ch­er Kräfte, sich über Alter­na­tiv­en die Köpfe heiß zu reden, die gar nicht mehr zur Debat­te ste­hen.

Da hat Thomas Straub­haar es ein­fach­er: Bei ihm kann anscheinend nicht mehr viel ver­schleißen. Und so kann er zwei “Seit­en” auf STERN.de befüllen, indem er sich den Kopf über ein Buch heiß redet, das er eine Zeitver­schwen­dung nen­nt, weil die enthal­te­nen The­sen für ihn ganz per­sön­lich “gar nicht mehr zur Debat­te ste­hen”, und bezahlt wird er für diesen Metawitz wahrschein­lich auch noch.

Fakt ist: Thomas Straub­haars Aus­führun­gen sind Zeitver­schwen­dung.