In den Nachrichten
Medi­en­kri­tik LIX: Pro­vinz­jour­na­list Micha­el Nau­mann ist über­for­dert.

Vol­ker Kau­der, Vor­sit­zen­der der Uni­ons­frak­ti­on im Bun­des­tag, hat sich für mehr gemein­sa­me Poli­tik in Euro­pa aus­ge­spro­chen und dabei den Feh­ler began­gen, sich bild­lich aus­zu­drücken, denn mit so etwas kön­nen deut­sche Jour­na­li­sten bekannt­lich nicht umge­hen. Unter dem Ein­druck der star­ken Euro­pa­po­li­tik von (aus­ge­rech­net) Ange­la Mer­kel sprach er unter ande­rem dies:

Kau­der dekli­nier­te den Beschluss noch ein­mal durch und bezog sich mehr­fach auf die Rede von CDU-Che­fin und Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel am Mon­tag. Er füg­te hin­zu: „Auf ein­mal wird in Euro­pa Deutsch gespro­chen.“ Nicht in der Spra­che, aber in der Akzep­tanz der Mer­kel-Poli­tik, sag­te der CDU-Poli­ti­ker.

(Her­vor­he­bung von mir.)

Ein­mal davon abge­se­hen, dass der rela­ti­vie­ren­de Nach­satz mir deplat­ziert erscheint, denn Deutsch ist nach wie vor eine wich­ti­ge Amts- und Arbeits­spra­che in der Euro­päi­schen Uni­on, rief die­se Rede Cice­ro-Chef­re­dak­teur Micha­el Nau­mann auf den Plan, der Spott und Häme über Vol­ker Kau­der aus­schüt­te­te und bei der Gele­gen­heit auch gleich zeig­te, dass Cice­ro, sei­nes Rufs unge­ach­tet, auch nicht unbe­dingt hel­le­re Köp­fe beschäf­tigt als die „Bild“, zumal Kai Diek­mann sich dort mit­un­ter zu Wort mel­den darf.

Micha­el Nau­mann näm­lich hat offen­kun­dig bei sei­nen, wie üblich, gründ­li­chen Hin­ter­grund­re­cher­chen kurz­zei­tig den Faden und die Beherr­schung ver­lo­ren und stam­melt also unter der Über­schrift „Pro­vinz­po­li­ti­ker Kau­der und die deut­sche Spra­che“ unter ande­rem fol­gen­den Unsinn in sein vir­tu­el­les Heim­blatt:

„In Euro­pa wird wie­der Deutsch gespro­chen“, rief der CDU-Frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der sei­nen Par­tei­freun­den beim jüng­sten Well­ness-Kon­gress (sic!) der Uni­on zu. „Oh, real­ly?“ ant­wor­te­te die bri­ti­sche Pres­se mit der insel­ty­pi­schen Empö­rung.

Die „insel­ty­pi­sche Empö­rung“ hat übri­gens einen deut­schen Fach­be­griff, er lau­tet „Sar­kas­mus“.

Sind wir also wie­der im Natio­na­lis­mus des frü­hen 19. Jahr­hun­derts mit­samt sei­nem Spra­chen­streit und Spra­chen­hoch­mut gelan­det?

Wen Micha­el Nau­mann mit „uns“ meint, bleibt offen. Herrn Kau­der jeden­falls nicht, denn das The­ma „Spra­che in Euro­pa“ war kein Teil sei­ner Rede. Even­tu­ell möch­te Herr Nau­mann sich selbst damit an die Öffent­lich­keit wagen. Tap­fer!

Unver­ges­sen ist der Hoch­mut deut­scher Histo­ri­ker, als sie ent­deck­ten, dass pein­li­cher­wei­se Deutsch die „Arbeits­spra­che“ im ersten pan­sla­wi­sti­schen Kon­gress zu Mos­kau (1867) war.

Unver­ges­sen ist auch der Hoch­mut des Micha­el Nau­mann, der weder mit den euro­päi­schen Arbeits­spra­chen der Gegen­wart noch mit der Rede, über die er sich aus­lässt, ver­traut zu sein scheint. Aber bekannt­lich kommt Hoch­mut vor dem Phal­lus Fall.

Wann also wird Herr Kau­der beim irgend­wann fäl­li­gen Gespräch mit dem neu­en Vor­stand der Deut­schen Bank, dem indi­schen Bri­ten Ans­hu Jain, dar­auf behar­ren, dass der Viel­fach­mil­lio­när doch bit­te die Lan­des­spra­che benut­zen möge?

Nun, wahr­schein­lich nie; erstens, weil Indi­en kein euro­päi­sches Land ist, zwei­tens, weil hier­zu kei­ne Ver­pflich­tung besteht. Aber ich bin beein­druckt, dass Micha­el Nau­mann den Umstand, dass Herr Jain Viel­fach­mil­lio­när ist, für erwäh­nens­wert hält; als habe er als ein sol­cher selbst­ver­ständ­lich jedes Recht auf eine Son­der­be­hand­lung. Cice­ro, das kapi­ta­li­sti­sche Blatt für Stamm­tisch­brü­der.

„Pro­vinz“ beginnt im Kopf: Vol­ker Kau­der, der offen­sicht­lich stolz dar­auf ist, dass mit deut­schen Steu­er­gel­dern und deut­schen Haus­halts-Vor­schrif­ten euro­päi­sche Ret­tungs­maß­nah­men ver­knüpft wer­den, ist ein Pro­vinz­po­li­ti­ker, gegen den – im Ver­gleich – der Euro­pä­er Hel­mut Kohl aus Oggers­heim ein strah­len­der Kos­mo­po­lit war.

Dabei hat Hel­mut Kohl doch viel dafür getan, dass gera­de Deutsch­land wie­der Deutsch­land sein darf, die deut­sche Ein­heit ein­ge­schlos­sen. Von wel­chem Hel­mut Kohl spricht Herr Nau­mann hier?

Eben­so könn­te man sich fra­gen, von wel­cher deut­schen Spra­che er eigent­lich spricht:

Was hül­fe es (Luther-Deutsch), ihm zu erklä­ren, (…)

„Was hül­fe es“ ist näm­lich genau so „Luther-Deutsch“ wie „ihm zu erklä­ren“, aber Pro­vinz­jour­na­list Micha­el Nau­mann kennt den Kon­junk­tiv II viel­leicht nur aus den Erzäh­lun­gen sei­ner Groß­el­tern und hält ihn daher für ein Anzei­chen eige­ner Sprach­be­herr­schung. Ich stel­le mir gera­de vor, wie Herr Nau­mann beim Schrei­ben die­ses Sat­zes auf­springt, in die Hän­de klatscht und aus­ruft: „Welch form­schö­nes Hoch­deutsch!“. Mei­nen Glück­wunsch, Herr Nau­mann.

Nein, wir leben im 21. Jahr­hun­dert, und die Arbeits­spra­che der inter­na­tio­nal und wis­sen­schaft­lich täti­gen Euro­pä­er ist Eng­lisch. Euro­pa spricht weder fin­nisch, noch deutsch.

Das ist einem Herrn Nau­mann viel­leicht auch ganz recht, denn die deut­sche Spra­che, die zum Bei­spiel zwi­schen „weder“ und „noch“, von ein­ge­scho­be­nen Rela­tiv­sät­zen abge­se­hen, kein Kom­ma vor­sieht, scheint ihn zu über­for­dern. Ein wenig Recher­che aber hät­te ihm aus­nahms­wei­se sicher nicht gescha­det, denn Deutsch ist, wie bereits ange­führt, Amts- und Arbeits­spra­che nicht nur der Euro­päi­schen Uni­on, son­dern auch recht vie­ler ihrer Mit­glieds­staa­ten, zumal die Beherr­schung des bri­ti­schen Idi­oms auch hier­zu­lan­de sel­ten ist. Eng­lisch und Eng­lisch ist eben nicht das­sel­be.

Jetzt hat Herr Nau­mann also zwei „Sei­ten“ im Inter­net mit Gift und Gal­le wegen eines Sat­zes, der so nie gefal­len ist, voll­ge­schrie­ben.

Man wun­dert sich und fragt sich, was das hei­ßen könn­te.

Viel­leicht das Buh­len um Auf­merk­sam­keit, wohl wis­send, dass popu­li­sti­sches Gei­fern bei den Mas­sen bes­ser ankommt als ein­fach mal die Klap­pe zu hal­ten. Man muss dafür ja nicht unbe­dingt wis­sen, wor­über man spricht, die „Bild“ immer­hin ver­kauft sich mit wenig tat­säch­li­chem Hin­ter­grund­wis­sen ja eben­falls nicht schlecht, und auch Micha­el Nau­mann schätzt sie dafür, immer­hin zitiert er sie ein­gangs sogar.

Viel­leicht aber lie­ge ich da auch völ­lig falsch, und Herr Nau­mann hat­te ehren­wer­te Absich­ten. Das aller­dings wer­den wir wohl nie erfah­ren.

Not­hing for ungood.
– Urban Pri­ol, „Neu­es aus der Anstalt“

Senfecke:

  1. „Not­hing for ungood“ wur­de nicht von Urban Pri­ol geprägt, son­dern von Jan Hen­rik Stahl­berg. Do your rese­arch, fuck­wad.

  2. Es gibt nichts, was nicht irgend­je­mand schon vor­her gesagt hät­te. Von „geprägt“ steht in obi­gem Arti­kel jeden­falls nichts. Lern lesen.

  3. Bedeu­tet das, dass du die Qua­li­tät des Tex­tes als min­der­wer­tig erach­test und dich den­noch dazu her­ab­lässt, ihn nicht nur zu lesen, son­dern oben­drein mit­tels des Kom­men­tar­fel­des dar­über mit mir dis­ku­tierst? Ein Wen­de­hals also? Ich ver­ste­he!

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