In den NachrichtenNerdkrams
Medi­en­kri­tik LVII: Ste­ves Jobs

Ich hat­te mir fest vor­ge­nom­men, das The­ma Ste­ve Jobs an mir vor­bei­plät­schern zu las­sen wie den heu­ti­gen Regen­schau­er. Zu emo­tio­nal ist die­se öffent­li­che Dis­kus­si­on geführt wor­den und wird noch immer zu emo­tio­nal geführt. Apple war Ste­ve Jobs war Apple, so lau­tet der Kanon, nur den Refrain, dass Apple dann jetzt wohl auch lang­sam einen qual­vol­len Tod stirbt, kommt nie­man­dem über die Lip­pen.

Über die tech­ni­sche Rück­stän­dig­keit von App­le­pro­duk­ten, die sie bei Apple mit tol­len bun­ten Bil­dern „aus­zu­glei­chen“ pfle­gen und damit bei ihrer Kli­en­tel unver­än­dert Anse­hen gewin­nen, wur­de ja bereits viel geschrie­ben. Das iPho­ne 4S, das fre­ne­tisch gefei­er­te neue Modell, ist tech­nisch dort ange­sie­delt, wo die andro­ide Kon­kur­renz schon vor einem Jahr stand. Inno­va­tiv? Ach, i wo!

Und es erschreckt mich bei­na­he ein biss­chen, dass inmit­ten der Wel­le an Lob­prei­sun­gen dann tat­säch­lich auch mal die­se Kri­tik in den Medi­en – tra­di­tio­nell ohne­hin meist app­le­nah – ange­kom­men ist, zum Bei­spiel auf faz.net:

(…) streng­ge­nom­men hat er weder den Com­pu­ter, noch den digi­ta­len Musik­spie­ler, das Han­dy oder den Tablet­com­pu­ter erfun­den.

Erstaun­lich; ich hat­te ande­res ver­mu­tet!

Lei­der macht faz.net die­sen einen guten und rich­ti­gen Satz durch eine Men­ge Unfug wie­der wett:

Ohne Jobs und Apple wäre der Com­pu­ter viel­leicht heu­te noch ein grau­er, unge­lieb­ter Kasten unter dem Schreib­tisch und kein ele­gan­tes Tele­fon in der Hosen­ta­sche.

Viel­leicht känn­te man bei faz.net ohne Jobs und Apple sogar den Unter­schied zwi­schen einem Tower-PC und einem Smart­phone und einem Tama­got­chi, in dem eben­falls „ein Com­pu­ter“ arbei­tet; viel­leicht hat das alles aber auch gar nichts mit Jobs und Apple zu tun, denn wenn es um „unge­liebt“ geht, ran­gie­ren zumin­dest bei mir, ganz per­sön­lich, die über­teu­er­ten Life­style-Pla­stik­bier­deckel von Apple weit vor jedem „grau­en Kasten“ unter dem Schreib­tisch. Die IBM-PCs hat­ten – und haben – den App­le­äqui­va­len­ten näm­lich eines vor­aus, und zwar die Offen­heit für jede Form der Erwei­te­rung. Alles aus einer Hand, und der Her­stel­ler diri­giert den Preis­ver­lauf? Na, wem’s gefällt.

Für sei­ne Pro­duk­te muss­te auch die Tech­nik reif sein, die er nicht kon­trol­lie­ren konn­te. Zum Bei­spiel die Über­tra­gungs­tech­nik im Mobil­funk, die den Erfolg des iPho­nes erst mög­lich gemacht hat.

Dass die rele­van­ten Paten­te „im Mobil­funk“ alle­samt Sam­sung und nicht Apple gehö­ren und das mit der Vor­rei­ter­rol­le damit wohl geklärt ist, ist übri­gens auch Bestand­teil der aktu­el­len Kla­gen zwi­schen Sam­sung und Apple. Aber war­um soll­te man auch recher­chie­ren, wenn man einen inhalt­lich fun­dier­ten Bericht über Ste­ve Jobs ablie­fern möch­te?

Ach, halt; das möch­te man ja gar nicht:

Dass heu­te Kin­der und ihre Groß­el­tern mit einem Com­pu­ter umge­hen kön­nen, ist in einem gro­ßen Maße Ste­ve Jobs zu ver­dan­ken.

Wir ler­nen: Win­dows und Linux sind voll­kom­men irrele­vant, und die Fir­ma Xerox, die bereits in den frü­hen 1970-er Jah­ren eine gra­fi­sche Bedien­ober­flä­che samt Maus­be­die­nung ent­wickelt hat­te, hat es nie gege­ben. Da brauch­te es schon einen Ste­ve Jobs, der qua­si im Allein­gang und rück­wir­kend all das ganz allein erfun­den und ent­wickelt und gebaut hat:

Heu­te berüh­ren wir die Bild­schir­me der Tele­fo­ne mit den Fin­ger­spit­zen, weil Jobs das iPho­ne genau so gebaut hat.

Ja, „er allein“ (Ber­tolt Brecht), nicht etwa die chi­ne­si­schen Skla­ven­ar­bei­ter, die sich in App­les Fabri­ken bis zum Selbst­mord knech­ten las­sen. Aber wen inter­es­sie­ren schon der­ar­ti­ge Kin­ker­litz­chen?

Ste­ve Jobs mag ein rie­si­ges Talent gehabt haben, App­les Kun­den auch noch den älte­sten Käse als brand­neue Inno­va­ti­on zu ver­kau­fen (ja, selbst Sprach­steue­rung habe ich unter Win­dows schon in den 90-er Jah­ren in bei­na­he brauch­ba­rer Qua­li­tät gese­hen); aber er war kein Hei­li­ger, kein gott­glei­cher Visio­när, ohne den wir alle immer noch auf Bäu­men hocken wür­den. Er war immer ein Ver­mark­ter, nie ein Ent­wick­ler. Sicher­lich wür­de ohne sein Talent zur Ver­mark­tung die Com­pu­ter­welt heu­te anders aus­se­hen. Apple hät­te es wahr­schein­lich nie gege­ben. Die Revo­lu­ti­on des digi­ta­len Zeit­al­ters aber hat­te längst statt­ge­fun­den, als Apple gegrün­det wur­de: Unix gab es schon ein paar Jah­re, gra­fi­sche Bedien­ober­flä­chen waren bereits ein alter Hut, und selbst Tablet-PCs waren bereits erfun­den.

Es ist lei­der zu spät, die mei­sten Medi­en­schaf­fen­den von ihrem Irr­weg abzu­brin­gen; denen aber, die noch mit sich hadern, sei gesagt: Die künst­li­che Über­hö­hung der Per­son Ste­ve Jobs errich­te­te einen Kult um jeman­den, der nie die trei­ben­de Kraft hin­ter dem war, was App­les Pro­duk­te in frü­hen Jah­ren aus­zeich­ne­te. Um Bedien­kon­zep­te zu lizen­zie­ren, braucht man jeden­falls kei­nen krea­ti­ven Visio­när, son­dern einen küh­len Geschäfts­mann. In den letz­ten Jah­ren hat sich die­ses Bild von Apple aber her­um­ge­dreht: Es ging immer weni­ger um tech­ni­sche Details und immer mehr um einen Lebens­stil. Tech­nik war nie Ste­ve Jobs‘ eigent­li­ches Jagd­ge­biet, er sah sich, wie man App­les diver­sen Prä­sen­ta­tio­nen ent­neh­men konn­te, qua­si mehr als Heils­brin­ger. Wen inter­es­siert es, ob die ver­kauf­te Tech­nik der Kon­kur­renz über­le­gen ist, wenn sie nur ein Gefühl der awe­so­men­ess zu ver­mit­teln ver­mag?

In ande­ren, etwas schlich­te­ren Wor­ten aus­ge­drückt: Wäre Apple nicht mehr als „die Fir­ma von Ste­ve Jobs“, könn­te man nun ruhi­gen Gewis­sens sagen: Der Letz­te macht das iLicht aus.

Aber wäre das ange­mes­sen?

(„So … Apple has vacant Jobs now?“)

Senfecke:

  1. Das hat für die Zukunft nichts zu bedeu­ten,

    »Ich hat­te mir fest vor­ge­nom­men, das The­ma Ste­ve Jobs an mir vor­bei­plät­schern zu las­sen…«

  2. Ich bezweif­le, dass er wei­te­re berich­tens­wer­te Schlag­zei­len machen wird, bedenkt man, dass mein ein­zi­ger Arti­kel, der ihn als Per­son the­ma­ti­siert, post mor­tem erschien.

  3. Elvis lebt doch auch.
    Hier­ne­ben habe ich Dich auf­zu­for­dern, die­ses däm­li­che Plug­in mit Wurst und so zu deak­ti­vie­ren und das vor­he­ri­ge Plug­in wie­der zu akti­vie­ren.

  4. Ich lebe eben­falls. Über Elvis schrieb ich aller­dings noch nichts.

    Wel­ches Plug­in fehlt dir? Ich habe kei­nes ent­fernt.

  5. Habe mich geirrt. Kommt sel­ten vor. Der Unter­schied zwi­schen uns bei­den ist, dass ich es zuge­be (die Tak­tik habe ich den Pira­ten abge­schaut. Gut, nicht wahr?)

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