In den Nachrichten
10 Jahre Grabenkampf

10 Jahre alt ist die Wikipedia nun unge­fähr, nur wenig jünger die deutschsprachige Aus­gabe. Seit eben­falls etwa 10 Jahren entzweien sich die Men­schen an der Frage: Wikipedia gut oder nicht so gut?

Diese Frage ist ja nicht ein­mal in der Gruppe der­er, die ersteren Stand­punkt vertreten, abschließend gek­lärt. Aus­sagen wie “ich nutz eh nur noch die englis­che Wikipedia” sind üblich, nicht nur an Lehranstal­ten, deren Bedi­en­stete den Schlachtruf “Wikipedia ist Schrott” stets wie auf Abruf ertö­nen lassen. Qual­ität oder Quan­tität?

Ich und die Wikipedia

Natür­lich ist die Wikipedia auch für mich ein wichtiger Aus­gangspunkt für Recherchen jedes Fachge­bi­etes gewor­den. Allerd­ings ver­suche ich der Gemein­schaft auch etwas zurück­zugeben: Ich schreibe seit 2005 unregelmäßig in der Wikipedia mit, ent­fehlere beste­hende Artikel, füge aber auch gern neue hinzu und ver­suche beste­hende vor dem Löschen zu ret­ten. Eine der vie­len Erfahrun­gen, die mich während dieser Zeit das Ökosys­tem Wikipedia lehrte, ist, dass die Annahme, die deutschsprachige Wikipedia sei zu bürokratisch, zu fehler­haft, zu klein oder zu steif (Fre­unde der Regel 34 wer­den um Dezenz gebeten), “zu deutsch” eben, irrig ist.

Ein Beispiel aus mein­er eige­nen Tätigkeit:

Über den Dateiman­ag­er Pro­to, dessen Bedi­enkonzept ein Alle­in­stel­lungsmerk­mal ist, das für die Erfül­lung der Rel­e­vanzkri­te­rien in der deutschsprachi­gen Wikipedia genügt, schrieb ich einen Artikel, der Entwick­ler hat mir auch die Nutzung des Screen­shots aus­drück­lich genehmigt. Nun aber fand der Entwick­ler meinen Artikel so inter­es­sant, dass er mich bat, ihn auch in die englis­chsprachige Wikipedia zu set­zen. Da begann dann ein Prozess, der anschaulich dar­legt, wieso Sätze wie “die deutsche Wikipedia ist ungut” bei mir eher höh­nis­ches Gelächter als zus­tim­mendes Nick­en aus­löste.

Zuerst ver­schwand näm­lich dort der eben­falls eingestellte Screen­shot, obwohl ich die Freiga­be erwäh­nt hat­te, beina­he kom­men­tar­los; die Lizenz sei “ungek­lärt”. Nun gut, dachte ich, und nahm den Vor­fall Achseln zuck­end zur Ken­nt­nis. Wenig später dann wurde allerd­ings der gesamte Artikel mit der Lieblings­be­grün­dung all der­er, die sich gern über die deutschsprachige Wikipedia bekla­gen, gelöscht: Pro­to sei “irrel­e­vant”. Habe ich schon erwäh­nt, dass der Artikel in der ach so furcht­baren Löschhölle der de.WP (ich kürze das jet­zt mal ab) bis heute unbean­standet geblieben ist?

Rel­e­vanz ist Fir­lefanz

Apro­pos Rel­e­vanzkri­te­rien: Man hört ja so aller­lei. Dabei ist das doch ganz leicht, denn let­ztlich muss man nur eine ein­fache Liste von oben nach unten durchge­hen. Es gilt: ODER, nicht UND. Erfüllt ein Artikel ein Rel­e­vanzkri­teri­um, ist er rel­e­vant, erfüllt er vierzig, ist er auch nicht rel­e­van­ter. Dass die Liste der “RK” so lang und unüber­schaubar wirkt, lässt dem willi­gen Autor so weitaus mehr Frei­heit­en als eine andere Lösung, denn let­ztlich ist jedes Rel­e­vanzkri­teri­um eine Frei­heit.

Men­schen, die sich hämisch über die Qual­ität der Artikel “ihres” Fach­bere­ichs aus­lachen, kann ich nicht ver­ste­hen, so gern ich das auch würde. Fak­tisch sind viele Artikel in der de.WP länger und mit mehr Bele­gen verse­hen als ihre englis­chsprachi­gen Pen­dants. Anson­sten haben viele, so scheint es mir, das Konzept der Wikipedia immer noch nicht ver­standen. Web 2.0, Alter! Mit­mach­web! Die Wikipedia ist ein Geben und Nehmen. Ich war bis­lang der Annahme ver­fall­en, seit die Leute ein Wort dafür ken­nen, find­en sie das Prinzip, nicht mehr nur als bloße Kon­sumenten ihr Dasein im Inter­net fris­ten zu müssen, total aufre­gend und nachah­menswert, aber die Wikipedia als ein­er der Vor­re­it­er des “Mit­mach­webs” scheint inter­es­san­ter­weise den gegen­teili­gen Effekt her­vorzu­rufen. Ist Mit­machen der Nor­mal­fall gewor­den, sehnen sich die Nutzer nach etwas, das sie bloß kon­sum­ieren kön­nen, ohne unver­hält­nis­mäßi­gen Aufwand treiben zu müssen.

Warum aktiv wer­den?

Klar, der Men­sch ist eine bequeme Spezies. Wenn man einen Artikel sucht, find­et man ihn ohne­hin bere­its, not­falls (hierzu siehe mein Gegen­beispiel oben) in der englis­chsprachi­gen Wikipedia. Warum sollte man sich dann noch damit aufhal­ten, beste­hende Infor­ma­tio­nen zu verbessern, wenn man nicht ein­mal Geld und/oder Ruhm dafür erhält?

Das ist eine nicht ganz triv­ial zu beant­wor­tende Frage. Wenn ich jeman­dem meine Autoren­schaft in der de.WP enthülle, ernte ich in der Regel ver­ständ­nis­los­es Kopf­schüt­teln. Ich begreife mich aber als Teil von etwas Großem, als Baustein im Sys­tem. Schreibe ich nicht, schreiben eben andere; aber was wür­den die für einen Unsinn schreiben? Qual­ität statt Quan­tität gilt für mich beim Insin­ter­ne­trein­schreiben eben­so wie in der Wikipedia. Mein bish­er umfan­gre­ich­stes Pro­jekt dort, die grundle­gende Über­ar­beitung des Artikels über The Vel­vet Under­ground, dauerte einige Wochen, resul­tierte aber darin, dass der Artikel schließlich mit der Ausze­ich­nung “Lesenswert” verse­hen wurde. Auch, wenn nir­gends im Artikel mein Name ste­ht, so bleibt den­noch das Wis­sen darum, einen Teil zur qual­i­ta­tiv­en Verbesserung der de.WP beige­tra­gen zu haben. Zwar bringt es mir keinen materiellen Wert, aber ich darf damit prahlen, sofern mir der Sinn danach ste­ht.

Und wie?

Fast jeden Tag lese ich auf irgendwelchen Diskus­sion­s­seit­en zu Artikeln in der de.WP Hin­weise wie etwa:
“Der dritte Absatz ist falsch, das war ganz anders.”

Das ist sich­er schön zu wis­sen, mitunter ste­hen auch Quellen dran (“ste­ht im Buch …”, “hat … im Inter­view gesagt” oder ver­gle­ich­bares), aber, liebe Neunutzer der Wikipedia, die wenig­sten Artikel, die ihr dergestalt kom­men­tiert, sind halb- oder vollges­per­rt. Das bedeutet, dass ihr nicht ein­mal ein Benutzerkon­to in der de.WP besitzen müsst, um einen Artikel zu bear­beit­en und eure Änderun­gen einzufü­gen. Habt ihr einen Fehler gefun­den und kön­nt ihn bele­gen? Ein­er der Leit­sätze der Wikipedia, ohne die sie nicht dauer­haft beste­hen kön­nte, ist: Seid mutig! Das Beste ist es, ihr habt eine Quelle parat, etwa “Inter­view mit Mick Jag­ger am 30.2.2008 auf 3sat”, aber so detail­liert müsst ihr nicht ein­mal vorge­hen. Let­z­tendlich wird euch auch kein­er den Kopf abreißen; schlimm­sten­falls wird eure Änderung zurück­ge­set­zt.

Selb­st, wenn der bean­standete Artikel für Bear­beitun­gen unangemelde­ter Benutzer ges­per­rt ist und ihr euch nicht anmelden wollt, ste­ht es euch frei, den entsprechen­den Hin­weis auf der Diskus­sion­s­seite zu hin­ter­lassen, aber auch dann ist es schwierig, den Artikel entsprechend zu verbessern, wenn außer “is falsch, macht ma richtig” nicht viel dort ste­ht. Belege oder zumin­d­est ein Ver­weis darauf, was genau der Über­ar­beitung bedarf, sind gern gese­hen.

Trotz alle­dem sollte man nicht vergessen:

Die Wikipedia ist kein Lexikon!

Eine Enzyk­lopädie ist eine Enzyk­lopädie ist eine Enzyk­lopädie. Sie hegt aber in kein­er Aus­prä­gung, auch nicht in der englis­chsprachi­gen, den Anspruch, das gesamte Wis­sen der Men­schheit zu kon­servieren. Einige natur­wis­senschaftliche und juris­tis­che Fra­gen sind in der Wikipedia beant­wortet wor­den, den­noch ist sie wed­er eine Fach­pub­lika­tion für Natur­wis­senschaftler noch für Juris­ten. Entschei­dend sind hier aber die Einzel­nach- und Inter­netver­weise, die meist auf entsprechende Pub­lika­tio­nen ver­weisen. Die Wikipedia ist als kon­tinuier­lich erweit­ertes und aktu­al­isiertes Nach­schlagew­erk ein nicht zu unter­schätzen­der Aus­gangspunkt für Recherchen, in der deutschsprachi­gen Aus­prä­gung nicht min­der als in allen anderen, denn die Ver­weis­dichte ist, auch auf­grund des Regel­w­erks, in dieser über­durch­schnit­tlich hoch.

Keine Inter­net­seite kann auf alles eine Antwort haben; und genau darum nen­nt man das Inter­net auch ein Infor­ma­tion­snet­zw­erk. Infor­ma­tio­nen ver­weisen auf noch mehr Infor­ma­tio­nen. Im Inter­net find­et man über­all ein biss­chen von fast allem. Ein umfassendes Nach­schlagew­erk, das jed­er Kri­tik an seinem Inhalt die Sub­stanz nähme, machte das Inter­net im Prinzip über­flüs­sig.

Zehn Jahre Wikipedia haben das Inter­net verän­dert. Hof­fentlich wird es nicht weit­ere zehn Jahre dauern, bis auch seine Benutzer endlich dort angekom­men sind.

Senfecke:

  1. Hm… OK. Aber wozu über­haupt irgend­was löschen? Ist der Spe­icher­platz so teuer, dass man es sich nicht leis­ten kann, noch 1000 Seit­en mehr irgend­wo abzule­gen? Ist der Traf­fic auf schein­bar irrel­e­vante Seit­en zu hoch oder eben nicht hoch genug, als dass es sich lohnt? So lange die Infor­ma­tion nicht falsch ist, kann sie für irgend wen auf der Welt, in Bezug auf de.WP vorzugsweise in Deutsch­land, auch rel­e­vant oder wichtig genug sein um fest­ge­hal­ten zu wer­den, vorzugsweise an einem Punkt, an dem man diese Infor­ma­tion auch schnell find­et, wie eben in de.WP.

  2. Es gibt nun mal bes­timmte Min­destanforderun­gen. Andern­falls wäre selb­st der Artikel “Bau­tram” rel­e­vant.

    Eine Enzyk­lopädie ist eben kein Per­so­n­en­verze­ich­nis,
    (Siehe WP:WWNI)

  3. Ich halte mich, zumin­d­est für gewisse Personen(kreise), für dur­chaus rel­e­vant. Vielle­icht leiste ich ja auch irgend­wann ein­mal etwas Großes, so dass es dann tat­säch­lich einen Artikel über mich gibt. Darauf wollte ich aber nicht unbe­d­ingt hin­aus. Es gibt sicher­lich hun­derte Artikel, die aus irgen­deinem (ern­sthaften) Grund für irgend­je­man­den dur­chaus wichtig sein kön­nten oder wo es jeman­den gibt, der sagt: Dieser Artikel fehlt mir, ob er nun für andere rel­e­vant scheint oder nicht. Warum dann löschen?

  4. Es ste­ht dir frei, eine Bau­trams­bekan­nto­pe­dia zu eröff­nen, wo du und dein gewiss­er Per­so­n­enkreis eure rel­e­van­ten Infor­ma­tio­nen auf Megabyte­größe auf­blähen kön­nt. ;-)

    Rel­e­vanz ist auch eine Frage des /common sense/. Manch­es ste­ht ja auch nicht im Brock­haus. Löschhölle Brock­haus?

  5. Brock­haus ist ja auch ver­al­tet. Oben­drein ist da der Platz auf­grund der später beab­sichtigten leicht­en Hand­habung begren­zt. Wer stellt sich schon ein “Buch” ins Regal das Aussen­maße hat wie ein 10er-Pack Klopa­pi­er? Fol­glich: Schlecht­es Argu­ment dein­er­seits.

  6. Brock­haus ist ver­al­tet, weil an seine Stelle die Wikipedia getreten ist. Übri­gens mag ich Büch­er sehr,

    In welchem dir bekan­nten NICHT ver­al­teten Lexikon hast du denn Platz gefun­den?
    Oder dein Fre­un­deskreis?

  7. Hitler ist immer gut. Aber der Artikel in der Wikipedia ist ziem­lich unvorteil­haft gehal­ten.
    Frech­heit eigentlich. :evil:

    :mrgreen:

  8. Brock­haus ist ver­al­tet, weil an seine Stelle die Wikipedia getreten ist.

    Ist “der Brock­haus” dann nicht auch irgend­wie irrel­e­vant? Trotz­dem gibts nen Artikel drüber :(
    Tux ist glaub ich der Ober-Lösch­teufel.

  9. Ich bin im Gegen­teil ein­er der armen Teufel, die oft genug ver­suchen, einen Artikel aus der Löschhölle zu ret­ten.
    Manch­mal mit Argu­menten, manch­mal mit grundle­gen­den Verbesserun­gen.
    Manch­mal mit Erfolg. :)

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