LyrikPersönliches
Sie. (Frag­ment 3)

(Ihr gewid­met.)

… Als er erwach­te, hat­te sich sei­ne Welt ver­än­dert. Müh­sam öff­ne­te er sei­ne trä­nen­nas­sen Augen und blick­te sich um. Aber es war doch alles wie immer?

Nein, etwas war anders. Durch sei­nen Kater schien lang­sam die Erin­ne­rung. Er hat­te wie­der ein­mal ver­sagt. Dabei schien zum ersten Mal in sei­nem Leben alles so perfekt!

Vor Jah­ren noch, als er Suchen­der war, sich längst noch nicht ange­kom­men wähn­te, lern­te er sie ken­nen. Sie wirk­te zart, gar zer­brech­lich. Sie war auf eine geheim­nis­vol­le Art ver­schlos­sen, bei­na­he abwei­send, und den­noch zog sie ihn magisch an. Schon damals hat­te er sich in sie ver­liebt. Die Chan­ce jedoch, die sie ihm gewähr­te, ver­gab er in jugend­li­chem Überschwang.

Er war sich bewusst gewe­sen, dass es nicht leicht wer­den wür­de, ihre Lie­be zu gewin­nen; den­noch hat­te es ihm einen Schlag ver­setzt, als sie ihm zu ver­ste­hen gab, dass die­se Lie­be unmög­lich eine Chan­ce haben wür­de. Dass sie ihn nicht woll­te, konn­te er kaum glau­ben; zumal er in den fol­gen­den Mona­ten betrübt, aber hilf­los sehen muss­te, dass sie schnell Ersatz fand. Trotz alle­dem konn­te und woll­te er sie nicht ver­ges­sen, auch wenn er ihr gegen­über in der fol­gen­den Zeit sei­nem Miss­mut und sei­ner Ent­täu­schung – oder war es blo­ße Eifer­sucht? – deut­lich Aus­druck ver­lie­hen hat­te. Er hat­te nichts zu ver­lie­ren, er hat­te sie schon ver­lo­ren, bevor er sie jemals gewon­nen hat­te. Womög­lich für immer.

Über sechs Jah­re waren seit­dem ver­gan­gen, in denen er sie fast aus den Augen ver­lo­ren, nie aber ver­ges­sen hat­te. Viel hat­te sich geän­dert; nicht nur bei ihm, auch bei ihr. Dass er sie wie­der­se­hen wür­de, kam uner­war­tet, aber es stand unter einem ande­ren Stern. Sie bei­de waren nicht mehr auf der Suche, sie fühl­ten sich längst schon gefan­gen in der Lee­re, in der sie nun­mehr steck­ten. Was pas­sie­ren wür­de, war ihnen vor­her nicht klar. Er hat­te Angst gehabt, sich wie­der auf etwas ein­zu­las­sen, was ihn über­for­dern wür­de. Er hat­te sie zu oft, zu lan­ge ver­letzt; das woll­te er nicht wie­der ris­kie­ren. Und doch war es schon wie­der pas­siert: Er hat­te sich aufs Neue in sie ver­liebt. Sie war noch immer so scheu und zer­brech­lich wie damals, doch dies­mal war ein Ende nicht abzusehen.

Zum ersten Mal wuss­te er, wo er war und was er woll­te; nach all den Jah­ren stand für ihn end­lich fest, wofür er leb­te. Hät­te er, in irgend­ei­nem Dia­log nach sei­nem Leben gefragt, einen Zeit­punkt ange­ben sol­len, an dem er glück­lich war, er hät­te ohne Zwei­fel jede Minu­te her­aus­neh­men kön­nen, die er mit ihr ver­brach­te, und er hät­te sei­ne Wahl nicht bereut. Die Aus­sicht auf ein Leben mit ihr gab ihm wie­der neu­en Lebens­mut. In jeder freie Minu­te, in der sie nicht mit­ein­an­der spra­chen, setz­te er alles dar­an, sie bald wie­der­se­hen zu kön­nen. Wür­de jemals ein Lexi­kon­her­stel­ler einen Arti­kel über „Paar, glück­li­ches“ bebil­dern wol­len, so dach­te er im Stil­len, so wür­de ihrer bei­der Kon­ter­fei bald dort zu sehen sein.

Doch über all dem Glück prang­ten noch immer die Ereig­nis­se aus der Zeit, bevor sie sich getrof­fen hat­ten. So fest er sie auch zu hal­ten ver­such­te, so nahe sie sich auch waren, so unheil­bar klaff­ten doch die alten Wun­den, die er einst auf­riss, in ihrem Herzen.

Er hat­te ihr ver­spro­chen, sich nicht nur wegen längst ver­gan­ge­ner und ver­ge­be­ner Feh­ler an ihr rächen zu wol­len. Er woll­te sie nicht ver­let­zen; das hat­te er zu lan­ge getan. Für ihn war sie kein Spiel, sie war längst sein Leben. Nun aber hat­te sie den Spieß umge­dreht. Sach­te, doch bestimmt zog sie die Mau­er zwi­schen ihnen wie­der hoch, ließ ihn ver­zwei­felt, doch letzt­lich erfolg­los ver­su­chen, eine Tür hin­ein­zu­stem­men. Wähn­te er sich soeben noch im Glücks­rausch, so fiel er nun in ein nicht enden wol­len­des Loch. Sie­ben Wor­te allein lie­ßen sei­ne Träu­me zer­plat­zen; das Luft­schloss, in dem er mit ihr leben woll­te, stürz­te über ihm zusam­men. All the homes that we were buil­ding, we never lived in, could be bet­ter, should be bet­ter les­sons in love.

Das hat­te er, des­sen war er sich bewusst, allein sich selbst zuzu­schrei­ben. Die­se eine, womög­lich letz­te Chan­ce hat­te er sich schon Jah­re zuvor zer­stört; und selbst, wenn es noch eine geben soll­te, wür­de auch sie an den Wor­ten zer­schel­len, die er noch in sei­nem alten Leben – in dem ohne sie – unbe­dacht aus­ge­spro­chen hat­te. Es war sinn­los. Mit dem Stift auf sei­nem Schreib­tisch kra­kel­te er, ohne zu wis­sen, was er tat, eini­ge Zei­len in sein Notizbuch:

Zer­bro­che­ne Träume
Ein Leben aus Glas
Jah­re aus Rauch
Ver­tan, verpasst

Zukunfts­glück
Aus und vorbei
Die gro­ße Liebe
Ver­pufft im Nichts

Er leg­te den Stift zur Sei­te. Vor ihm stand ihr Bild; soll­te es nur noch ein Relikt blei­ben? Er fühl­te sich wie­der leer und son­der­bar allein. Die­se Schram­men wür­den ihm für den Rest sei­nes Lebens blei­ben. „Den Rest mei­nes Lebens“ dach­te er und lächel­te gequält. So konn­te es nicht wei­ter­ge­hen. Etwas muss­te geschehen. …

Senfecke:

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