Wenn meine üblicherweise eher so maue Stimmung zu kippen droht, schaue ich bisweilen dem Volk aufs Maul und fand bislang noch immer einen Grund zum Lächeln.
Und ich lächelte heute nach langer Zeit wieder einmal ausgiebig über die Jugend und ihren grandiosen Diskussionsstil, und das gleich mehrfach:
Einige Reihen hinter mir nahmen zwei offensichtliche Freundinnen, beide augenscheinlich 15 oder 16 Jahre alt, Platz, und eine von ihnen begann geräuschvoll zu schnattern. Dem Geschnatter konnte ich, da es immer wieder von gefühlt minutenlangem “und ich so ey und er dann so ey nä und ich dann so was und er so na”-Scat unterbrochen wurde, recht mühelos folgende Situation entnehmen:
Die dergestalt schnatternde junge Person, der ich an dieser Stelle ein eindrucksvolles Durchhaltevermögen attestieren möchte — ich habe nicht auf die Uhr gesehen, aber ihr Monolog dauerte ohne Unterbrechung von Einstieg bis Ausstieg, weshalb mir ihre offensichtliche Freundin ob ihrer Geduld und ihrer Leidensfähigkeit einen gewissen Respekt abnötigt, aber genug davon -, hatte am oder zum Wochenende aus irgendwelchen, hier nicht zur Diskussion stehenden Gründen ihren Lebensabschnittspartner entpartnert und warf ihm nun in Abwesenheit diverses vor.
So besaß er die Kühnheit Frechheit, nach der Trennung nicht möglichst lange und qualvoll zu leiden, sondern war quasi umgehend wieder von Interessentinnen umgeben. Er weigerte sich außerdem, auf die über diverse Nachrichtenprogramme übermittelten Beschimpfungen seiner ehemaligen Freundin zu reagieren, so dass sie, wie sie mehrfach betonte, “stinksauer” war, “das Arschloch” aus sämtlichen “Listen” entfernte und, was sie ebenfalls gegen Ende der Busfahrt mit steigender Häufigkeit erwähnte, ihm bei einem eventuellen künftigen Zusammentreffen “alle Zähne raus[zu]hauen” beabsichtigte, “Alter”.
Dass sie selbst indes bereits wieder von “süßen Jungs” umschwärmt wurde, was ihr nicht viel ausmachte, erwähnte sie nur in einem Nebensatz; es war ihr wichtiger, anzumerken, dass ihr Verflossener es wagte, sich, nachdem sie ihn verlassen hatte, nach Nachfolgerinnen umzusehen.
Uralte biologische Riten machen sich bemerkbar: Man will selbst nicht mehr mit dem Ball spielen, aber man will um jeden Preis verhindern, dass ihn derweil ein anderer benutzt, oder, wie es ein regelmäßiger Leser meiner Texte bei Konfrontation mit obiger Geschichte formulierte, schön auf das Butterbrot spucken, damit niemand anders es bekommt.
Ich nehme in meinem naiven Glauben an den Sieg des Verstandes an, dass es auch eine andere rationale Erklärung für dieses Verhalten gibt, und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie mich nichts angeht, daher möchte ich hier nun auch keine wirren Thesen aufstellen.
Lediglich zwei rhetorische Fragen möchte ich mir hier erlauben:
Wie, beim Barte des Propheten, soll das einer verstehen? Und ist “beim Barte des Propheten” hier überhaupt der richtige Terminus?
Welcher Prophet ist denn gemeint? Womöglich ein biblischer? Woher ist der Zustand seiner Gesichtsbehaarung bekannt? Fotografie war damals, so weit die Forschung bislang herausfand, noch nicht verbreitet.
Ihr merkt sicher, wenn ich druckvoll versuche, vom Text abzuweichen, daher kehre ich nun flugs zu ihm zurück. Anfangs erwähnte ich, ich hätte mehrfach gelächelt, aber ich unterschlug im Folgetext alle dem ersten folgenden Lächler. Nun, um ehrlich zu sein, waren es insgesamt nur zwei, und der zweite erscheint mir in Relation zum ersten eigentlich fast schon albern und kindisch, aber jetzt habe ich ja schon angefangen, also bringe ich es auch zu Ende:
Zwei andere Mädchen, von mir geschätzt auf ein Alter zwischen 12 und 14 Jahren, fuhren in dem gleichen Verkehrsmittel wie ich. Es sprach die älter aussehende zu der jünger aussehenden über eine Klassenkameradin oder gemeinsame Freundin wie folgt:
“Die war heute voll aufgedreht, die hat zum ersten Mal einen geblasen.”
Natürlich auch dies nicht geflüstert. Ich, der hinten saß, konnte es in ausreichender Lautstärke von ihr, die vergleichsweise weit vorn saß, vernehmen. Ich ließ mir aber nichts anmerken und grinste still in mich hinein.
Um die peinliche Stille, die hier eigentlich angebracht wäre, geschickt zu umgehen, schließe ich diesen Eintrag entgegen meiner Gewohnheit nicht mit einem Verweis auf irgendsowas komisches oder mit einer hier eingebundenen Fotografie oder sonstigen Grafik, sondern einfach so. Und zwar jetzt.
