Aus der Welt der Politik zurück zur Musik. Noch so ein Album, das 2013 vergessen hat, bei mir vorstellig zu werden, ist übrigens “Either Or” des britischen Trios The Tiger Lillies, dessen älteres Stück “Killer” ich hier im Oktober empfahl. Ich habe ja spätestens seit dem Debütalbum der Stolen Babies ein offenes Ohr für Kabarett-Zirkusmusik mit düsterem Flair und werde hier keinesfalls enttäuscht.
Prägend für die Musik der Tiger Lillies sind Besetzung und Konzept. Auf der Website ist zu lesen: The Tiger Lillies bieten jeder einzelnen Beschreibung die Stirn und handeln innerhalb ihrer eigenen exzentrischen Definitionen. Also gilt es zu paraphrasieren.
Frontmann und Gründer Martyn Jacques gibt bei den Tiger Lillies mit Maske und Akkordeon (manchmal auch Ukulele oder Klavier) den traurigen Clown, der, umrahmt von Adrian Stout (Bass, Singende Säge, Theremin) und Mike Pickering (Schlagzeug, Perkussion), im Falsett skurrile Texte zum Besten gibt:
She licks my cock, it’s kind of sad
as an actress I spose she’s bad
Sailor
Nein, leichte Familienunterhaltung möge der geneigte Leser bitte woanders suchen. Aber darum geht es auch nicht. The Tiger Lillies wollen ihrem Publikum keinen ruhigen Abend bereiten, sie wollen es desorientieren und fordern, schockieren und dadurch amüsieren. Das gelingt ihnen vortrefflich.
Dabei ist das literarische Niveau durchaus hoch. Waren unter den bisherigen Alben der Tiger Lillies neben einer Oper (“Die Weberischen”) auch Adaptionen des “Struwwelpeters” und der Werke Edward Goreys, stellte diesmal die dänische Philosophie die Muse dar: Bereits der Titel des Albums ist ein Zitat des Zweiteilers “Entweder — Oder” von Søren Kierkegaard, die Texte sind überwiegend vom letzten Kapitel in “Entweder” inspiriert. Dass The Tiger Lillies im Gegensatz zu Kierkegaard dem Christentum in der Öffentlichkeit eher kritisch gegenüberstehen, weiß dem Rezensenten ein Schmunzeln zu entlocken.
God almighty you are king
pissing hailstones on me fling
No Sense
Kurt Weills Brecht-Interpretationen seien, so geben es die Musiker an, wichtige Einflüsse für ihre Musik gewesen. In der Tat versprüht auch “Either Or” den Charme klassischer Chansons, ohne dabei altbacken zu wirken. Alte Ideen müssen nicht immer langweilig sein.
Ist ja auch mal nicht schlecht.
Derweil ist SPIEGEL ONLINE völlig außer sich:
Kanzlerin Merkel hält im Bundestag eine Regierungserklärung — im Sitzen. Das hat’s noch nie zuvor gegeben.
Davon werden wir noch unseren Großneffen erzählen!

