PersönlichesMusik
Mein Musik­fa­schis­mus: Die „ande­re“ Geschich­te.

Ich hat­te im August 2010 unter dem Titel „Mein Musik­fa­schis­mus“ unter ande­rem geschrie­ben:

Mit dem „Sound­track mei­nes Lebens“ (…) untrenn­bar ver­bun­den sind und blei­ben so die Tex­te der Ärz­te, der Toten Hosen und der Fan­ta­sti­schen Vier. Aber das ist eine ande­re Geschich­te.

Viel­leicht ist es an der Zeit, euch die­se Geschich­te zu erzäh­len. Kei­ne Sor­ge: Sie ist trotz ihrer Zeit­span­ne recht kurz.

In jun­gen Jah­ren war ich, wie so vie­le mei­ner Alters­ge­nos­sen, noch leicht zu beein­drucken von deutsch­spra­chi­ger Rock­mu­sik. Über das Radio geriet ich an Die Ärz­te, über Freun­de an Die Toten Hosen („Zehn klei­ne Jäger­mei­ster“ – wenn man 14 oder 15 ist, fin­det man das zum Brül­len). Wie genau ich an die Fan­ta­sti­schen Vier gera­ten bin, weiß ich heu­te nicht mehr – wahr­schein­lich trägt eben­falls das Radio die Schuld. „Arsch­loch! Arsch­loch! Arsch­loch!“ war tat­säch­lich die zwei­te Lied­zei­le, die ich in mei­nem Leben bewusst aus­wen­dig kann­te; die erste lau­te­te: „Hörst du die Glocken von Stel­la Maria, von Stel­la Maria, von Stel­la Maria?“. – Ich hat­te, wie erwähnt, eine musi­ka­lisch gese­hen nicht unbe­dingt tol­le Kind­heit.

Mit mei­nem ersten ernst zu neh­men­den Lie­bes­kum­mer weni­ge Jah­re spä­ter fie­len also die Kennt­nis der Lied­tex­te von Für uns (Die Ärz­te), Der Frosch­kö­nig (Die Toten Hosen) und Sie ist weg (Die Fan­ta­sti­schen Vier). Das sind viel­leicht kei­ne idea­len musi­ka­li­schen Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­ar­bei­tung der ver­flos­se­nen ersten Lie­be, und gehol­fen hat es auch nicht, aber das wohl wesent­lich hilf­rei­che­re „OK“ von Farin Urlaub lag mir damals noch nicht so nahe. Heu­te erscheint es mir wahr­schein­lich, dass ich see­li­schen Schmerz immer mit Gegen­schmerz zu bekämp­fen ver­such­te statt ihn mit fröh­li­chem Pop zu über­tö­nen. Por­tu­gal. The Man wären ver­mut­lich eben­falls in der Lage, mich aus der dama­li­gen see­li­schen Lage zu befrei­en, aber ich hat­te es schlicht nicht ver­sucht.

Eini­ge Jah­re spä­ter lern­te ich eine Frau ken­nen, die wie ich die Fan­ta­sti­schen Vier vor allem wegen ihrer Tex­te zu schät­zen wuss­te. Wir hör­ten oft „Viel“ und teil­ten unser Leid, dass sich in den Tex­ten eigent­lich unser gan­zes Leben spie­gel­te. Als sie irgend­wann, wie ich es längst gewohnt war, das Inter­es­se an mir ver­lor, begann für mich auch der Text von „Ewig“ etwas Per­sön­li­ches zu bedeu­ten, und immer wie­der auch „Der Frosch­kö­nig“ und spä­ter „Nichts in der Welt“. Dass jun­ge Men­schen heut­zu­ta­ge ihren Kum­mer meist (wenn schon nicht in Alko­hol) in eng­lisch­spra­chi­gem Pop oder manch­mal Grunge erträn­ken, kann ich inso­fern nur begrenzt ver­ste­hen. Kurt Cobain (oder Tay­lor Swift) moch­te gele­gent­lich Ähn­li­ches besin­gen wie das, was im Her­zen der unglück­lich Ver­lieb­ten vor sich geht, aber das Herz spricht nun mal die Mut­ter­spra­che, auch dann, wenn man als unglück­lich ver­lieb­ter Teen­ager „i miss u“ in Baum­rin­den (und auf vir­tu­el­le Pinn­wän­de) ritzt und dabei „ich ver­mis­se dich“ fühlt. Zum Füh­len ist so ein Herz nie zu bequem, und das ist eigent­lich ärger­lich. Viel­leicht ist auch das eine Mani­fe­sta­ti­on mei­nes Musik­fa­schis­mus‘: Gefühls­be­wäl­ti­gung mit eng­lisch­spra­chi­ger Pop­mu­sik kann ich nicht ernst neh­men.

Part­ne­rin­nen also, ob nun mit enger oder nahe­zu ohne Bin­dung gegen­über ein­an­der, kamen und gin­gen, sie blie­ben nie lan­ge. Zurück aber blie­ben immer die Toten Hosen, die Ärz­te und die Fan­ta­sti­schen Vier mit ihren zeit­lo­sen Tex­ten, die so über­zeu­gend wie sonst wohl nur weni­ge die Emo­ti­ons­welt eines Ver­las­se­nen abzu­bil­den und nicht nur zu para­phra­sie­ren ver­mö­gen und so das Leid des Hörers tei­len, statt ihm nur die kal­te Schul­ter zum Aus­wei­nen zu zei­gen.

Dafür soll­ten wir die­sen Künst­lern ewig dank­bar sein.

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