“We can’t afford the time to sit and cry or to wonder why.
We’ve got so many things started to say, we have to get through.”
– Tindersticks: Rented Rooms
… Sie waren zu weit gegangen.
Es spielte keine Rolle mehr, wer sie waren oder was sie einander bedeuteten. Es hatte sich viel getan, seit sie damals in den Wirren der neuen Zeit aufeinandertrafen, fest verwurzelt in ihrem eigenen Geflecht, das sie niemals aufgegeben hätten.
Die Zeit aber blieb nicht stehen. Während ihr Wurzelwerk sich immer feiner verflocht, löste er sich aus seinen Ketten und schwebte davon, ob er wollte oder nicht; und manchmal blieb er auf seinem Flug hängen an den aufsteigenden Ballons, verfing sich in den Lianen seiner Unzulänglichkeit. Sie hatte ihn durch die Wirren begleitet, nie als sein Schatten, jedoch, wenn er wie so oft strauchelte, als jemand, der ihm das Messer lieh, das ihn befreite. Trotz allem, was sie trennte: Nie hätte er das missen wollen.
Eine unachtsame Berührung war es, die ihn aus seinen Tagträumen hochschrecken ließ, versunken im Gedanken an eine Zeit ohne Sorgen, an den letzten Tag, an dem er glücklich gewesen war, an dem Ort, an dem er sich lebendig fühlte. Ob es der seltsam vertraute Ort war, der Alkohol oder die Melancholie, die ihn vom Horizont aus umwehte? Er wusste es nicht und er weigerte sich, darüber nachzudenken.
Er musste fliehen.
Als sie darüber sprachen, schien es ihm noch unwirklicher als je zuvor. War sie immer noch die, die er zu kennen glaubte? Je mehr er über sie erfuhr, desto unsicherer wurde er. Bis dahin war es wie selbstverständlich erschienen, ihr zu begegnen. Je öfter sie sich fortan begegneten, desto verrückter wurde es für sie, die gebotene Distanz zu wahren, da ein Schritt zurück täglich schwerer erschien und ein Schritt nach vorn immer auch ein Schritt näher zur Zerstörung gewesen wäre. Sie wollten einander nicht verletzen und scheiterten an sich selbst.
Nun, da sie einander atemlos gegenüber saßen, berauscht voneinander und doch betrübt von der Gewissheit, dass sie einander zum Greifen nah, aber letztlich unerreichbar waren, sann er sich zurück an den Ort, an dem er sich geborgen fühlte. “Was”, dachte er, “ist Liebe eigentlich?”, während er in ihren Armen lag und wusste, dass nichts mehr von dem, was er jetzt sagen oder tun würde, von Bedeutung sein würde.
Der Mond schwieg, als die Erinnerung seinen Sinn trübte. Wie schön sie doch war; wie schön es doch gewesen war. Er fühlte sich frei und war sich gewiss, dass diese Freiheit ihren Tribut fordern würde. Er ahnte nicht, wie hoch der Preis sein würde. …
“We’re alone and I’m listening;
I’m listening so hard that it hurts.”
– Leonard Cohen: Amen


Gab es denn je “eine Zeit ohne Sorgen” oder einen “Tag, an dem er glücklich gewesen war”? Die anderen Fragmente sprechen nicht unbedingt dafür — aber es sind ja auch nur Fragmente.
Ja.