(Vorbemerkung: Um den kulturellen und klugscheißerischen Anspruch dieser Website zu wahren, fange ich abermals eine neue Artikelserie an. In dieser Serie werde ich exemplarisch quasi willkürlich einzelne Zeilen aus mehr oder weniger bekannten Liedern inhaltlich zerpflücken. Ob es weitere Teile geben wird, weiß ich noch nicht.)
Die Ärzte sind wie etwa auch die Fantastischen Vier für ihre tiefsinnigen, gelegentlich auch kindlich-verspielten (“mein Genital tut furchtbar weh / immer dann, wenn ich pisse”, Onprangering) Reime bekannt. Nur selten begehen sie versehentlich einen logischen Fauxpas.
So heißt es etwa im Refrain von “Wilde Welt” auf dem Album “Das ist nicht die ganze Wahrheit…” (1988):
Ich hab’ das Spiele spielen satt;
ich bin am Zug, ihr seid schachmatt.
Dies dürfte das inhaltlich schwächste Zeilenpaar sein, das Bela B. je gesungen hat.
Zunächst einmal das Offensichtliche: “Ich hab’ das Spiele spielen satt”. Konsequent wäre es, das Spiel also zu beenden, stattdessen gibt Herr B. hochmütig bekannt, in dem Spiel, das er satt hat, nunmehr am Zug zu sein.
Um welches Spiel es sich handelt, geht aus der zweiten Zeile (der letzten im Refrain) hervor, nämlich anscheinend um Schach. Beachtenswert ist hierbei die Reihenfolge, die durch die Betonung deutlich wird: Das Schachmatt ist keine Folge des Umstands, dass der Ich-Erzähler am Zug ist, sondern seine Voraussetzung. In den seit 2005 gültigen Schachregeln heißt es aber unter Artikel 5.1a:
Die Partie ist von dem Spieler gewonnen, der den gegnerischen König mattgesetzt hat. Damit ist die Partie sofort beendet, vorausgesetzt, dass der Zug, der die Mattstellung herbeigeführt hat, regelgemäß war.
Wenn bereits ein Spieler regelkonform schachmatt gesetzt wurde, ist niemand mehr am Zug. Eine Ausnahme stellt der Regelbruch dar. Sofern aber ein solcher begangen wurde, ist ebenfalls niemand mehr am Zug. Artikel 12.8 der Schachregeln nämlich besagt:
Andauernde Weigerung eines Spielers, sich an die Schachregeln zu halten, wird mit Partieverlust bestraft.
Bela B. hat also entweder das Spiel per Strafe verloren oder sein Gegenspieler (in diesem Fall “ihr”, also die Hörer des Liedes, mithin sein Publikum) wurde von ihm besiegt, was jeweils nicht unbedingt ein Grund zu prahlen ist.
Die beiden Zeilen im Refrain sollten also wenigstens so lauten:
Wir hab’n das Spiel zu End’ gebracht,
ihr habt gewonnen — gute Nacht!
Da ich im Übrigen davon ausgehe, dass diese Zeilen noch nie in einem Lied verwendet wurden, bleibt das Verwertungsrecht bis auf Widerruf bei mir. Heutzutage weiß man ja nie.
