Ihr habt es wahrscheinlich bereits mitbekommen: “Ausgerechnet” (Augsburger Allgemeine, RP Online, SPIEGEL ONLINE) Fußballfunktionär Ulrich “Uli” Hoeneß, der 2005 angeblich der widerwärtigen “BILD” mitteilte, er wisse, dass das doof sei, aber er zahle weiterhin Steuern, hat nun beschlossen, doch lieber nicht doof zu sein, und sich selbst wegen Hinterziehung einer Kapitalertragsteuer angezeigt. Das Wort “Kapitalertragsteuer” scheint auch so ein Problem der Reichen zu sein, mein Kapital zum Beispiel ertrage ich oft nicht. Mit denen möcht’ ich nicht tauschen!
Von Steuerhinterziehung ist ja häufiger in den Nachrichten zu lesen. Bekannt wurde 2011 etwa der Fall einer Hausfrau aus Wassenberg, die es versäumt hatte, das Finanzamt über eine größere Erbschaft zu informieren. Die Frau wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. In der medialen Berichterstattung wurde, so weit ich das sehen kann, über diesen Fall weitgehend nüchtern und sachlich informiert. Anders sieht es aus, wenn jemand wie “ausgerechnet” Ulrich “Uli” Hoeneß Steuern hinterzieht. Das betrifft dann keine Hausfrau, sondern Herrn Hoeneß selbst. Vielleicht kann er so niedlich gucken; nach medialem Dafürhalten ist er dann jedenfalls kein Verbrecher. Er ist laut Frankfurter Rundschau etwas ganz anderes:
Uli Hoeneß, Manager und Präsident des FC Bayern München, ist ein Steuersünder.
Der Herr hat eine beeindruckende Karriere hinter sich: “Erfolgreicher Wurstfabrikant und Fußball-Manager — und nun Steuersünder?” (RP Online); in Kurzform eben auch: “Ein Saubermann wird zum Steuersünder” (Hamburger Abendblatt). Ein solcher Sündenfall geht schon traditionell auch an der Christlich-Demokratischen Union nicht vorüber: Kanzlerin Merkel (ist) enttäuscht von Steuersünder Hoeneß und distanziert sich von Steuersünder Hoeneß.
Und so wird “Steuersünder Hoeneß” (WAZ), sofern denn seine Selbstanzeige überhaupt berechtigt war, vom Dieb — Steuerhinterziehung ist letztendlich nur Diebstahl ohne physischen Transfer — zum Sünder. Während Diebe in der Gesellschaft eher wenig willkommen sind, sind Sünden beinahe Voraussetzung, um gleichberechtigt an ihr teilnehmen zu dürfen. Und wie leicht das ist!
Ein durchschnittlich aufmerksamer Mensch sollte in den letzten paar Jahren aus Werbung und akzeptablen Medien nämlich allerlei über Sünden erfahren haben und längst wissen, wie schwierig es ist, nicht zum Sünder zu werden: Schokolade ist eine Sünde, Häkeln ist eine Sünde, Metal ist eine Sünde, Gummibären sind eine Sünde, Kaffee ist eine Sünde, Sexualität vor der Ehe ist eine Sünde, Liebe ist eine Sünde, Abtreibung ist eine Sünde, Alkoholgenuss ist eine Sünde, ausbleibender Alkoholgenuss ist auch eine Sünde, alle Untugend ist Sünde und offenbar ist auch Steuerhinterziehung eine Sünde. Zum Glück ist wenigstens eines keine Sünde: Micky Maus.
Wenn also allgemein in dieser vorgeblich säkularisierten Medienwelt darauf bestanden wird, “Uli” Hoeneß sei kein Dieb, sondern ein Sünder, wäre es dann nicht vielleicht angebracht, anstelle des Finanzamts die Inquisition zu benachrichtigen? Ein positiver Nebeneffekt wäre es, dass die Zahlungsmoral mittels sanften psychischen Drucks deutlich steigen dürfte. Das hat doch früher auch funktioniert.
“I’m a winner, I’m a sinner / Do you want my autograph?”
– Supertramp: Take A Look At My Girlfriend

nota bene:
zur Integrität kommerzieller Berichterstattung
zur Integrität des Hoeneß und seines damaligen Finanzministers
Vom Menschen zum Leistungsträger. Vom Bürger zum Steuerzahler. Vom sozial Benachteiligten zum Sozialschmarotzer. Vom Verbrecher zum Steuersünder. Schon toll so eine Gesellschaft 2.0.
Da wird ein Kavaliersdelikt zum schlimmsten Verbrechen heraufbeschworen. Steuerhinterziehung muss natürlich bestraft werden. Aber man sollte alles hier in Grenzen halten.
Verbrechen zu relativieren halte ich für fragwürdig.