Nerdkrams
Mensch 2.0

Liebe Leser,

als ver­späteten “kleinen” Nach­trag zu dem vorigen Ein­trag und aus­nahm­sweise unter Ein­fluss der aktuellen Aus­gabe von NEON möchte ich als erk­lärter Antipath von ach so hip­pen Trends auch mal meinen Senf zum “Web 2.0” mit all seinen Nutzern und App­lika­tio­nen abgeben.

Es mag ver­wun­der­lich klin­gen, aber ich schäme mich dafür, durch mein Weblog als Teil dieser selt­samen “Bewe­gung” behan­delt zu wer­den. Sich­er, das TuxBlog ist auch bei weit­em nicht so “aufre­gend” und “inno­v­a­tiv” wie all die trendy Tre­ff­punk­te für Geschmacksverir­rte jeden Geschlechts — vor kurzem nan­nte man der­ar­tige Web­seit­en noch Dot­Com-Blasen und wollte nichts mit ihnen zu tun haben.
 
Was soll denn über­haupt so neu, geil, noch nie dagewe­sen sein? Das Schlag­wort des Web 2.0 lautet Inter­ak­tiv­ität; frei nach Ste­fan Gärt­ner kann man es so for­mulieren: Je Möglichkeit, desto Web. Alles soll benutze­ror­i­en­tiert­er wer­den, Sta­tik ist out. Dass die Wikipedia, erstes Flag­gschiff der Gen­er­a­tion 2.0, in ein­er Zeit ent­standen und gewach­sen ist, in der Inter­ak­tiv­ität noch Bestandteil des täglichen Sur­fens und kein hip­per Mod­e­trend war, wird heute gern überse­hen; und dass Weblogs — auch dieses! — nicht viel mehr sind als Gäste­büch­er mit Über­schrift, traut sich kaum noch jemand zu behaupten: wer möchte schon frei­willig als “untrendy” gel­ten?
 
Man ist als halb­wegs informiert­er und kri­tis­ch­er — unfrei­williger! — Teil­nehmer dieser selt­samen Bewe­gung oft geneigt, sich zu fra­gen, wer eigentlich diesen däm­lichen Trend wieder in die Welt geset­zt hat. Wer hat fest­gelegt, dass jed­er Surfer jeden noch so ural­ten Link in sein (natür­lich Pflicht-)Weblog set­zen muss, sich über Videos der Machart “Mann kriegt Ball in Weichteile” nur noch bei YouTube beöm­meln darf und alle zwei Stun­den sein Meer­schwein fotografieren soll, das er dann bei Abfall­samm­lun­gen wie Flickr (min­destens) der ganzen Welt zeigen kann?
(abge­se­hen davon, dass ich bei “Flickr” höch­stens an diese wider­lichen Dis­co-Stro­boskop­blitze und/oder Bild­schirm­flim­mern denke, ist diese Darstel­lung nicht mal über­trieben!)
 
Um diese Frage zu beant­worten, muss man die Tech­nik hin­ter der Inter­ak­tiv­ität ver­ste­hen. Wie bere­its erwäh­nt, ist die Inter­ak­tiv­ität an sich alles andere als neu — Gäste­büch­er und Foren sind ja nun auch schon ein paar Jahre alt. Die “neue” Inter­ak­tiv­ität aber wird vor allem durch ein Akro­nym definiert: AJAX. Dieser erst vor weni­gen Jahren auf ein­er Kon­ferenz zur Entwick­lung des Web erfun­dene Begriff ste­ht für “Asyn­chro­nous JavaScript And XML” und beze­ich­net eigentlich nichts anderes als die Möglichkeit, Seit­en­in­halte mit­tels Javascript nachzu­laden, ohne die ganze Seite neu laden zu müssen, was natür­lich für ein gewiss­es “Echtzeit­ge­fühl” sorgt, das man zurzeit sehr schön z.B. bei AJAXwrite nachvol­lziehen kann.
Neu ist freilich auch das nicht; die tech­nis­chen Möglichkeit­en gab es schon 1995, als Netscape die damals noch wirk­lich inno­v­a­tive und neue Sprache JavaScript erfand. Lediglich einen Namen für die AJAX-Tech­nik gab es damals noch nicht, und der Großteil der Webge­meinde war noch damit beschäftigt, sich in das eben­falls noch recht neue HTML einzule­sen.
 
Für die “Gen­er­a­tion BILD”, die — wis­senschaftlich erwiesen — kaum länger als 5 Minuten der­sel­ben Sache wid­men kann und/oder will, ist eine nur 4 Buch­staben lange Beze­ich­nung für etwas, das ihre “meine Katze, meine Fam­i­lie, meine Hobbys”-Webseite noch bunter und schön­er machen kann, natür­lich eine äußerst angenehme Neuigkeit, ganz gle­ich, was immer sie bedeuten mag. Dieses Phänomen war schon früher häu­figer zu sehen, z.B. als jede zweite Web­seite unbe­d­ingt ein großes, buntes und lautes Flash-Intro haben musste; und ich bezwei­fle stark, dass AJAX die let­zte Mod­eer­schei­n­ung in dieser lan­gen Rei­he bleiben wird.

Nein, neu ist die Tech­nik nicht, und das trifft auch auf die Web­seit­en zu, die sie repräsen­tieren sollen und/oder wollen. Neu sind nur die Benutzer. Vor­bei die Zeit­en, in denen man das Inter­net noch nutzte, um sich zu informieren und gele­gentlich mit seinen Fre­un­den ein Spielchen zu machen. Vielmehr wird der gesamte Lebensin­halt eines Men­schen in dieses Medi­um ver­schoben: Man surft nicht mehr im Inter­net, man lebt dort; das “Real Life” dient nur noch lebenser­hal­tenden Zweck­en. Früher hat man sein­er Flamme noch seine Plat­ten­samm­lung oder — noch bess­er! — seine Kon­toauszüge gezeigt, heute ist nur noch der erfol­gre­ich, der eine möglichst lange “Buddy“liste hat; und das trifft lei­der auch auf eine Gen­er­a­tion zu, die eigentlich eine gewisse Lebenser­fahrung besitzen sollte.

Man sollte in der heuti­gen, schnel­llebi­gen Zeit keinen Trend ver­passen, um nicht “uncool” zu sein; man muss ihn ja nicht unbe­d­ingt mit­machen. Was mich bet­rifft, so weiß ich nicht, ob ich, der ich schon jahre­lang erfol­gre­ich ohne zählbare “Fre­unde 2.0”, schaden­fro­he Videos und Meer­schweinchen­fo­tos auskomme, wirk­lich “cool” sein will. Ich bin in diesem Zusam­men­hang ein eher rustikal ver­an­lagter Men­sch; ohne 25.000 virtuelle Fre­unde, ohne YouTube- und Flickr-Accounts, sog­ar ohne MMS-fähiges Handy. Ich ver­bringe meine Freizeit “offline”, mit jew­eils 3 oder 4 “richti­gen” Fre­un­den, manch­mal aber auch mit einem guten Buch oder ein­er noch besseren CD. Was im Leben wirk­lich zählt, kann wohl jed­er für sich entschei­den; virtuelle Fre­unde sind’s jeden­falls nicht. “Ich möchte Teil ein­er Jugend­be­we­gung sein!” — nur bitte nicht dieser.

In diesem Sinne,
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Noch was zu MTV, wo ich schon mal dabei bin: “La musi­ca ist deine pasí­­on?”
Bessere Sprache, schlechteres Deutsch. Schade.


Und, weil das TuxBlog schon immer Aus­druck ein­er poli­tis­chen Mei­n­ung war und sein sollte, noch ein Wort zu der umstrit­te­nen Todesstrafe für Sad­dam Hus­sein (Sie wis­sen schon, das war in den 80-ern der Intimus der USA): Wenn ihr, liebe Übersee-Mit­men­schen, schon den Welt­frieden ret­ten wollt, dann bitte richtig. Hängt Bush gle­ich daneben und lasst uns mit dem Schmu in Ruh (reimt sich!) — besten Dank!