SonstigesPiratenpartei
Für mehr Respektanz!

Die Suche, nein, S(ehns)ucht nach Anerken­nung liegt in der Natur viel­er denk­ender (zumeist Rudel-)Tiere, und auch der Men­sch ist davon nicht ausgenom­men. Eine der meistver­bre­it­eten Aus­drucks­for­men dieser Anerken­nung ist der Respekt. Der Duden, bekan­ntlich sprach­ab­bilden­des Werk, ken­nt zurzeit drei weite Bedeu­tun­gen des Wortes “Respekt”, von denen uns Nicht-Schrift­set­zer nur zwei inter­essieren müssten:

  1. auf Anerken­nung, Bewun­derung beruhende Achtung
  2. vor jeman­dem auf­grund sein­er höheren, über­ge­ord­neten Stel­lung emp­fun­dene Scheu, die sich in dem Bemühen äußert, kein Miss­fall­en zu erre­gen

Wie ich nun darauf komme? Offen­bar wer­den auf der gegen­wär­tig noch andauern­den Bun­destagsauf­stel­lungsver­samm­lung des Piraten­lan­desver­ban­des Berlin außer Ja- und Nein-Stim­mzetteln auch so genan­nte “Respek­tkarten” verteilt, die offen­bar keinen Wahlzweck­en dienen, son­dern nur darum bit­ten, die Men­schen­würde zu acht­en oder so.

Dumm nur: Das ist kein Respekt.

Die meis­ten Men­schen, die von “Respekt” sprechen, meinen damit “Furcht vor Kon­se­quen­zen”. Wer seine Vorge­set­zten respek­tiert, der will damit meist zum Aus­druck brin­gen, dass er ihren Anweisun­gen Folge leis­tet — nicht aus Bewun­derung, son­dern, weil er son­st sehr schnell keine Vorge­set­zten mehr haben wird. Natür­lich kenne ich Aus­nah­men, also Vorge­set­zte, die tat­säch­lich Respek­ta­bles geleis­tet haben. Respekt auf­grund von Autorität ist aber keine Achtung, son­dern Scheu.

“Respekt muss man sich ver­di­enen”, so lautet eine Weisheit. Man kann nicht zur Respek­tsper­son gewählt oder befördert wer­den, dadurch wird man allen­falls zur Ehrfurchtsper­son. Die Silbe “-furchts-” ist hier übri­gens sehr wichtig, denn sie hebt den Unter­schied zwis­chen den bei­den Begrif­f­en her­vor. Es ist gefährlich und dumm, Ein­schüchterung, Respekt (also “auf Anerken­nung, Bewun­derung beruhende Achtung”) vor Men­schen und “Respekt” vor Eigen­schaften von Men­schen (etwa der Men­schen­würde) miteinan­der in einen Topf zu wer­fen.

Es ste­ht für mich außer Frage, dass es wichtig ist, jedem Men­schen seine Menschen‑, jedem Bürg­er seine Bürg­er­rechte zuzugeste­hen, ob Ver­samm­lungs­frei­heit, Gerechtigkeit bei der Suche eines Arbeit­splatzes oder das Recht darauf, nicht ver­prügelt zu wer­den, nur weil man die falsche Haut­farbe, Weltan­schau­ung oder Parteizuge­hörigkeit besitzt.

Bei den erwäh­n­ten “Respek­tkarten” geht es darum, “ein Zeichen für Tol­er­anz” zu set­zen. Nun, “Tol­er­anz” ist auch so ein Wort: Was man toleriert, muss man noch lange nicht akzep­tieren. Wom­öglich ist es empfehlenswert, das Wort “Tol­er­anz” aus dem aktiv­en Wortschatz zu stre­ichen, in fast jedem Fall — von der Math­e­matik abge­se­hen — ist einzig “Akzep­tanz” der passende Begriff. Respekt gle­ich Tol­er­anz gle­ich Akzep­tanz, bedeutet ja doch alles das­selbe? Keineswegs!

Jedes Mit­glied ein­er mod­er­nen, aufgek­lärten Gesellschaft sollte die Gle­ich­heit der Men­schen (seien’s nun Män­nchen, Weibchen, Trans­sex­uellchen, Men­schen unter­schiedlich­er Eth­nien, Ange­hörige unter­schiedlich­er Reli­gio­nen, Vertreter unter­schiedlich­er Weltan­schau­un­gen und sex­ueller Aus­rich­tun­gen, Linke, Rechte, ich) ver­ste­hen und akzep­tieren und seinen Teil dazu beitra­gen, dass sie durchge­set­zt wird und bleibt. Man sollte aber zwar jeden dieser Men­schen gle­icher­maßen acht­en, jedoch sollte man mit der Ver­gabe des eige­nen Respek­ts nur sparsam haushal­ten. Respekt für eine Per­son ist immer auch eine men­tale Unter­wür­figkeit, und Unter­wür­figkeit sollte niemals von höher­er Stelle erzwun­gen wer­den.

Men­schen sind Ego­is­t­en, das sollte nicht vergessen wer­den.

Jeman­den dafür zu “respek­tieren”, dass er zu ein­er gesellschaftlichen Min­der­heit (Frauen in Führungspo­si­tio­nen, Migranten, F.D.P.-Mitglieder) gehört, ist Käse. Es ist indes gut und richtig, ihn gegebe­nen­falls dafür zu respek­tieren, dass er trotz gesellschaftlich­er Diskri­m­inierung (in jeden­falls zwei der genan­nten drei Fälle) eine starke Per­sön­lichkeit bewahrt und vielle­icht sog­ar Kar­riere macht. Diesen Unter­schied gilt es zu ver­ste­hen. Wenn dies geschafft ist, ste­ht dem Respekt nichts mehr im Wege. (Cineas­t­en empfehle ich an dieser Stelle den Film “Der Pate”.)

“Respek­tiert meine Autoritä!”
– Eric Cart­man, “South Park”

Senfecke:

  1. Jedes Mit­glied ein­er mod­er­nen, aufgek­lärten Gesellschaft sollte die Gle­ich­heit der Men­schen (…) ver­ste­hen und akzep­tieren…

    Sel­ten so einen Schwachsinn gele­sen. Den ken­nt ja noch nicht ein­mal das GG. Ich hätte ja nichts geschrieben, wärst Du nicht Parteim­it­glied.

  2. Das Grundge­setz ist nicht unverän­der­lich und bedarf in manch­er Hin­sicht sicher­lich der Verbesserung.

    Im Übri­gen ist der Frei- und Gle­ich­heits­gedanke nichts, was ein Gesetz umfassend genug abbilden kön­nte.

  3. Juris­tis­che Diskus­sio­nen mit dir enden meist in Spitzfind­igkeit­en, bei denen ich dir nicht mehr fol­gen kann. So viel habe ich gel­ernt.

  4. Erhalte im Moment keine Email­be­nachrich­ti­gung.
    Die Lösung ergibt sich allein beim genauen Lesen des Art. 79 III GG. Und wenn Du dann noch Art. 19 II GG zzgl Kom­men­tierung (oder wenig­stens Wikipedia) liest, kannst Du möglicher­weise beim näch­sten (und vielle­icht let­zten?) Parteitag der Pirat­en so richtig punk­ten.

  5. Merk­würdig, ich schon. Spam­fil­ter?

    Es wird in Nieder­sach­sen nie wieder einen Lan­desparteitag geben, das wurde vor zwei Wochen ein­stim­mig beschlossen.
    Die heißen kün­ftig Lan­desmit­gliederver­samm­lun­gen.

    Und auf Bun­desparteitage gehe ich nicht mehr. Zu viele Affen.

    (Wie gesagt: Juris­tis­che Spitzfind­igkeit­en, bei denen ich dir nicht mehr fol­gen kann.)

  6. Nein, keine Mails im Spam. Die let­zte Benachrich­ti­gung kam wieder an. Im übri­gen nützt es nichts, nur das Türschild zu ändern.

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