“Everybody needs someone to live by.”
– Talk Talk: Desire
… Eigentlich hätte es ganz anders kommen sollen.
Hatte er den Fremden nicht stets beneidet um den Platz in ihrem Herzen, den er selbst, das wusste er, niemals würde erringen können? Nein, sagte sie, dazu bestünde kein Anlass, zwischen dem Fremden und ihr würde niemals das Band bestehen, das sie beide verband. Er glaubte ihr. Und doch schlich der Fremde sich immer wieder in ihr Leben und nahm sich die Zuwendung, die er brauchte; und sie liebte dieses Spiel.
Der bloße Gedanke, er würde das, was er errungen hatte, eines Tages an den Fremden verlieren, ließ ihn oft verzweifeln. Sie versuchte ihm die Gewissheit zu geben, dass er mehr war als das, und dennoch — er hätte alles dafür gegeben, er zu sein; sie mit seiner bloßen Anwesenheit betören zu können. Aber er hatte, das wusste er, etwas erreicht, was nur schwer zu überbieten war. Ihr Herz konnte er nicht gewinnen, aber er hatte mehr; mehr, als er sich jemals erhofft hätte, als er ihr ungelenk und verschämt seine Zuneigung gestand.
Aber was bedeutete diese Zuneigung? Er hatte nicht darüber nachgedacht. Er liebte sie nicht; er wollte sie. Er wollte sie um sich und bei sich spüren. Er brauchte keine Beziehung, er wusste nicht einmal so genau, was eine Beziehung eigentlich war. Er war süchtig nach ihr, ihrem Körper, ihren Küssen, ihren metertiefen Augen. Niemals hätte er riskieren wollen, sie nicht wieder in die Arme schließen zu dürfen.
Er wirkte oft kalt, und das machte ihm Angst, weil er nicht wusste, was das bedeutet. Menschen wie er seien so, sagte sie manchmal, und damit war es gut. Was er aber nun empfand, war weit von jeder Kälte, jeder Distanziertheit entfernt. Er würde diese Kälte nun wahrlich genießen, wenn er sie nur umfassen könnte. “Puh”, dachte er, “doch nicht verrückt.”
Nun lag er wach in seinem Bett. War wirklich erst eine Woche vergangen, seit es ihr genügt hatte? Für ihn fühlte es sich wie Monate an.
Er hätte genügsam bleiben sollen, vielleicht wäre all das dann nicht passiert. In seiner Vergangenheit aber war zu viel geschehen, das ihn hatte vorsichtig werden lassen. Sein Verstand wusste, dass nichts und niemand außer ihm selbst einen Keil zwischen sie treiben könnte, aber genügte das? Wann immer er sich der Gegenwart des Fremden bewusst wurde, kam ihm ihr Bekenntnis in den Sinn, dass in ihrem Herzen noch für lange Zeit nur Platz für den Fremden sein würde; zwar auf einer Ebene, die keine Gefahr für das darstellte, was sie hatten, aber doch genug, um ihn zu verunsichern.
Sie hatte ihn, vielleicht nur zum Scherz, Schatz genannt; ein Wort, das seine Welt aus den Fugen warf. Nun hatte sie ihm mehr als nur den Kopf verdreht. Er würde sie bald wiedersehen, hatte sie gesagt. Es fiel ihm jeden Tag schwerer, sie zu meiden, obwohl er ihr viel zu viel Zeit geraubt hatte. Aber er wusste, dass er das schaffen würde, nein, musste. Alles, was ihm von all den Küssen, den Umarmungen, der Wärme geblieben war, war die Hoffnung, dass er sie nicht aufgeben müsste. (Was sie wohl gerade machte?)
Und er hatte nicht die leiseste Ahnung, was er ihr sagen würde, wenn er sie jemals wiedersehen würde. Was er aber nicht sagen würde, das wusste er genau.
Seit sie fort war, schien es, als wäre ihr Name eingebrannt in jedes Detail seines Lebens. Was aber sollte er denen sagen, die ihn täglich fragten, wie es ihr ging? Er hätte es selbst gern gewusst.
“Wir sehen uns” hatte sie gesagt. Dabei sah er sie fast jede Nacht im Traum; und er griff nach ihr und erwachte allein. Eine Sternschnuppe erleuchtete seinen Heimweg. In der Nacht der Sternschnuppen hatte er nur einen einzigen Wunsch; so auch diesmal. Dieser Wunsch aber sollte nicht vergeudet sein. Er schloss die Augen und spürte, wie eine Träne sie verließ. Er hatte nur diesen einen Versuch. …
“Oh my dear, every salted tear, it wrings bitter-sweet applause.”
– Roxy Music: Bitter-Sweet

