Piratenpartei
Altpiraten, Neupiraten, Machtpiraten, Schnauze halten.

(Vorbe­merkung 1: Ich bin nach wie vor Mit­glied der Piraten­partei, und dass dies nicht unbe­d­ingt Blind­heit gegenüber dem Zus­tand der Partei und Schön­fär­berei äußerst unan­genehmer Vorgänge mit sich bringt, muss anscheinend gele­gentlich klargestellt wer­den. Das mache ich jet­zt mal.
Vorbe­merkung 2: Dies ist eine Zus­tand­s­analyse und kein offen­er Brief. Sie kön­nte Polemik und/oder über­zo­gene Darstel­lun­gen enthal­ten.)

Ende Juli find­et in Nieder­sach­sen eine neue Auf­stel­lungsver­samm­lung der Piraten­partei Deutsch­land für die Land­tagswahlen im Jahr 2013 statt. Natür­lich sehen das jet­zt viele als ihre Chance, doch noch einen der begehrten Lis­ten­plätze zu ergat­tern, und dum­mer­weise find­et die Presse das inter­es­sant.

Begierig nehmen die Medi­en die Quere­len, die seit Wochen wieder mal hochkochen, auf, ver­drehen sie und sug­gerieren, dass die Piraten­partei mal wieder an der Sturheit weniger Idioten zer­bricht. Und da es ja in let­zter Zeit Mode gewor­den ist, einen Zwist nicht mehr Auge in Auge auszu­tra­gen, son­dern sich nur noch in offe­nen Briefen miteinan­der zu unter­hal­ten, bew­er­fen sich die Pirat­en gegen­seit­ig immer wieder mit neuen Pam­phleten, jedes länger und bescheuert­er als das vorherige.

An die “lieben Neupi­rat­en” etwa wen­det sich ein offen­er Brief, in dem von selb­st ernan­nten Alt­pi­rat­en, die also allein schon deswe­gen wis­sen müssen, worum es bei den Pirat­en geht, erk­lärt wird, worum es bei den Pirat­en ange­blich gehe. Die drei Ver­fass­er vertreten die Grün­dungs­the­sen, was an sich löblich ist, sind allerd­ings auch furcht­bar stolz darauf, dass im piratis­chen Sinne das Pro­gramm um eine lib­erale Dro­gen­poli­tik erweit­ert wurde. Diejeni­gen, die auf dem entsprechen­den Parteitag gegen diesen Antrag ges­timmt haben, wer­den von ihnen indi­rekt als Wichtigtuer beschimpft (“(…) wer war gegen diesen Antrag? Qua­si auss­chließlich Leute, die zuvor nie­mand auf einem Parteitag gese­hen hat­te. Neue Leute.”) und mit einem trau­ri­gen Emoti­con bedacht. Das ist ein biss­chen schade. (Trotz­dem empfehle ich vor dem Weit­er­lesen, besagten offe­nen Brief ein­mal zur Ken­nt­nis zu nehmen, denn im Kern ver­di­ent das dort Geschriebene zumin­d­est meine Zus­tim­mung.)

Dem voraus­ge­gan­gen war ein ander­er offen­er Brief namens “Machen statt labern!”, ini­ti­iert von aus­gerech­net denen, die die Presse übere­in­stim­mend als macht­gierige Emporkömm­linge ansieht. Zusam­menge­fasst sta­tu­ieren sie, dass Pirat­sein bedeutet, dass man sich aktiv ein­bringt, statt meter­lange Monologe auf den pirateneige­nen Mail­inglis­ten zu hal­ten. Dass die Ini­tia­toren selb­st vortr­e­f­flich darin sind, in ebendiesen Lis­ten ihre eigene Arbeit zu loben, ist eigentlich selb­sterk­lärend. (“Machen statt labern” mith­il­fe eines ziem­lich lan­gen offe­nen Briefes — Gelabers — zu fordern set­zt immer­hin auch einige Chuzpe voraus, hier­für Applaus.) Ich äußerte mich hierzu bere­its an geeigneter Stelle.

Ein drit­ter offen­er Brief erre­ichte gestern das Web, dessen Ver­fass­er immer­hin richtig erkan­nt hat, dass das Prob­lem der Pirat­en nicht Alt- und Neupi­rat­en sind, son­dern “Nicht­pi­rat­en”, also diejeni­gen, denen es allein um einen attrak­tiv­en Posten im Land- oder Bun­destag und nicht um die piratis­chen Ide­ale geht. Der kon­struk­tive Ansatz hier fehlt gän­zlich, ein “so kann es nicht bleiben” ist sich­er eben­so gut und richtig wie die (sel­tene) Benen­nung der­er, die die piratis­chen Ide­ale zu tor­pedieren ver­suchen, aber das Zurück­hal­ten von “Ego­is­t­en und Kar­ri­eris­ten” — tre­f­fend zusam­menge­fasst — allein beseit­igt die zwei großen Prob­leme noch nicht, die der nieder­säch­sis­che Lan­desver­band der Piraten­partei zurzeit hat.

Eines dieser bei­den Prob­leme ist die anste­hende Wahl, die natür­lich auch Leute anlockt, von denen man bis dato noch nie etwas gehört hat. Wahlen, infolge der­er die Piraten­partei mit ziem­lich­er Sicher­heit einige Plätze im Land­tag bekom­men wird, sind ein guter Nährbo­den für Leute, die Inter­esse an einem gut bezahlten Ses­sel­furz­er­da­sein haben. Für welche Partei sie in die Ses­sel furzen, ist ihnen weit­ge­hend egal, zumin­d­est erweck­en sie diesen Ein­druck. Als Poli­tik­er muss man zwar in der Lage sein, sich selb­st pos­i­tiv her­vorzuheben, nicht jedoch gegenüber dem Rest sein­er Partei. “Wählt mich, ihr seid alle kacke” wird nie­man­den in einen Land­tag hieven. Wer die Aktiv­en-Mail­ingliste des Lan­desver­ban­des ver­fol­gt (dies geht auch per Web­brows­er), dem dürfte nicht ent­gan­gen sein, dass diese sim­ple Regel offen­bar noch nicht von jedem ver­standen wor­den ist.

Bei den Pirat­en kommt man nicht nach oben, indem man gegen unlieb­same Konkur­renz int­rigiert, ganz gle­ich, wie groß und ver­schla­gen der Kreis der eige­nen Unter­stützer ist. Das sollte sich allmäh­lich mal herum­sprechen.

Apro­pos Ver­schla­gen­heit: Das andere der bei­den Prob­leme ist der gegen­wär­tige Lan­desvor­stand, der sich vor allem dadurch her­vor­tut, dass er die bedin­gungslose Basis­demokratie — bekan­ntlich eines der Grün­dungside­ale der Piraten­partei — und die umfassende Trans­parenz gern mal ignori­ert. Für in dieser — rein poli­tis­chen — Hin­sicht beson­ders ver­acht­enswert befinde ich per­sön­lich Thomas Gaul, den gegen­wär­ti­gen stel­lvertre­tenden Lan­desvor­sitzen­den, der beson­ders das mit der Trans­parenz nicht son­der­lich gut zu find­en scheint. Zwar ist er natür­lich meist über kom­mende Entwick­lun­gen des Lan­desver­ban­des informiert, hält es jedoch nicht für nötig, selb­st auf Nach­frage die Basis ins Bild zu set­zen. Eigentlich kön­nte man Thomas Gaul prob­lem­los durch ein Perl-Skript erset­zen, das auf jede Eingabe mit “Ich weiß es, ihr werdet es erfahren.” antwortet. Es mutet befremdlich an, dass er auf jede Kri­tik an diesem Stil mit “Mach’s doch bess­er!” reagiert und dann trotz­dem nicht zurück­tritt. Ja, was inter­essiert so einen Vor­stand schon der Pöbel, der ja doch nur auf Kreisebene agiert?

Es ist schade, dass der restliche Lan­desvor­stand eben­falls nicht unbe­d­ingt geschick­ter agiert. Kür­zlich etwa wurde gefragt, ob die Mehrheit der Basispi­rat­en in Nieder­sach­sen eine Auf­stel­lungsver­samm­lung in Del­men­horst oder in Wolfen­büt­tel (einige Wochen früher) bevorzu­gen würde. Die Mehrheit entsch­ied sich für Del­men­horst, der Lan­desvor­stand beschloss ein­stim­mig, sich darüber hin­wegzuset­zen. Begrün­det wurde dieses Ignori­eren der basis­demokratis­chen Prinzip­i­en damit, dass es sich nur um eine Umfrage und nicht um eine Abstim­mung gehan­delt habe. Den genauen Unter­schied kon­nten und/oder woll­ten die Ver­ant­wortlichen allerd­ings nicht benen­nen. Dass das bis­lang eine (unrühm­liche) Aus­nahme war und es sich­er gute Gründe für die Entschei­dung gegeben hat, wird den nach­halti­gen Schaden, den es angerichtet hat, nicht zu repari­eren ver­mö­gen. Ich schätze, eine Wieder­wahl wird erfol­g­los bleiben.

Dies alles ein­mal bei­seite gelassen und zurück zum kon­struk­tiv­en Teil: Bei den Pirat­en geht es nicht um alt oder neu, um Basis oder Vor­stand, um Kern­pirat oder Vollpi­rat, wen­ngle­ich ich per­sön­lich diejeni­gen, die eine kon­tinuier­liche Pro­gram­mer­weiterung als notwendig eracht­en, mein­er­seits für real­itäts­fern halte. Eine in fast jed­er Hin­sicht andere Partei wie die Piraten­partei kann damit leben, dass sich immer wieder Neuankömm­linge mit alt­bekan­nten Fra­gen zu Wort melden, weil sie die Piraten­partei mit ein­er Protest­partei oder mit “den besseren Grünen/Linken/Liberalen” ver­wech­seln. Das ist nicht schlimm, so lange diese Neuankömm­linge nicht ver­suchen, die unum­stößlichen Grund­sätze der Partei zu beschädi­gen.

Die Piraten­partei hat keine Parteilin­ie, der man sich unterord­nen sollte. Sie ist nicht “gegen Rechts”, “gegen Hartz IV” oder “gegen schlecht­es Wet­ter”. Die Piraten­partei ste­ht nicht “gegen” etwas. Sie ste­ht “für” etwas. Dieses “für” ist das gemein­same Ziel, eine, wenn schon nicht immer bessere, zumin­d­est andere Poli­tik zu machen. Das geht ohne die Stören­friede genau so gut wie mit ihnen. Das Pro­gramm, das die Piraten­partei ver­tritt, wird nach wie vor von denen gemacht, die die meis­ten Sym­pa­thien ern­ten kön­nen — eben von der Mehrheit.

Was also ist zu empfehlen? Nun, ich bin da prag­ma­tisch: Ihr wollt Poli­tik machen? Dann tut das — und sprecht nicht darüber. Alt­pi­rat­en, Neupi­rat­en, Macht­pi­rat­en: Ein­fach mal Schnau­ze hal­ten. Die Segel des Piraten­schiffs wer­den nicht von der heißen Luft vor­angetrieben, die ihr mit euren offe­nen Briefen fab­riziert. Man kommt auch über Umwege ans Ziel; man sollte es nur nicht weiträu­mig umfahren. Dieses Ziel ist geset­zt. Sucht euch eine Route, aber fragt nicht ständig nach dem Weg. Wenn ihr eure Seekarte ver­loren habt, dann gebt es wenig­stens offen zu, aber fragt nicht die Presse danach, ob sie sie vielle­icht gefun­den hat. Das wird scheit­ern.

Ach, diese Pirat­en sind schon bescheuert manch­mal. Aber liebenswert. Sie sind so men­schlich.

Senfecke:

  1. Liebe Pirat­en,

    mit Migräne habe ich Ihren offe­nen Brief über­flo­gen und sehe mich daher genötigt, Ihnen sofort zu schreiben.

    Ihre Hal­tung zu Israel ist eben­so unerquick­lich wie zukun­ft­sori­en­tiert und hin­ter­lässt mich daher verträumt. Ganz offen­sichtlich wollen Sie nicht ver­ste­hen, wie wir die Prob­leme in Berlin lösen kön­nen. Aus der Wikipedia sollte jed­er wis­sen, dass Ihre Posi­tion gescheit­ert ist.

    Somit hoffe ich, dass mein Brief diese Diskus­sion endlich ver­längert.

    Und damit vor­erst bas­ta!

    Mit fre­undlichen Grüßen

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