Joachim Gauck hat in einer Rede die gute, alte Totalitarismusdebatte mal wieder angestoßen: Haben links und rechte Genozide eine andere moralische Grundlage, der eine vielleicht eine bessere?
Hannes Stein, Schreiberling auf Welt.de, bejaht das und führt dafür ziemlich eigenartige Belege an:
Die Liste der Künstler und Schriftsteller, die dem Kommunismus anhingen und Oden auf Stalin verfassten, ist lang. (…) Die Liste der erstklassigen Intellektuellen, die Anhänger der Nazis waren, ist kurz.
Und Intellektuelle irren sich eben nicht; wie auch Hannes Stein in all seiner Objektivität, wenn er weiter schreibt, dass zwar Sowjetunion und Deutsches Reich sich im Massenmord nicht viel nahmen, aber der sowjetische doch irgendwie humaner war, weil:
Aber es hat in der Sowjetunion nie eine so radikale Maßnahme wie die deutsche „Endlösung“ gegeben. Nicht einmal der „Holodomor“ hatte zum Ziel, sämtliche Ukrainer umzubringen. Außerdem bin ich nicht sicher, ob das Wort „Genozid“ hier ganz angebracht ist: Der Hungermord war nicht nur etwas, was Russen Ukrainern angetan haben.
Vielleicht sollte das beruhigend wirken, Axel B.C. Kauss sieht das anders:
Will Stein angesichts solcher Leichenberge auf den zwei Seiten ein- und desselben Irrationalismus (…) allen Ernstes nach mehr oder minder radikalem Massenmord unterscheiden, eine qualitative Bewertung aufgrund „gradueller“ Unterschiede in „Radikalität“ und „Systematik“ millionenfachen (!) Mordens vornehmen? (…)
Ich schaue auf zwei Massengräber, randvoll mit Menschen aller Altersgruppen und Geschlechter. Da kommt ein Journalist des Weges und möchte mir erklären, die Millionen menschlichen Leben im lechten Massengrab seien radikaler vernichtet worden als die Millionen im rinken. Der lechte Genickschuss tötete grausamer als der rinke. Das systematische Verhungernlassen und Erschießen von Millionen rinks ist weniger radikal oder systematisch als Gas und Ofen lechts. Da bleibt mir nicht nur als historisch Interessiertem und Kundigem sowie als studiertem Philosophen, sondern zuvorderst als Mensch ganz einfach die Spucke weg.
Weil Massenmord halt besser ist, wenn wir nicht schuld sind; oder es halt wahllos und nicht systematisch passiert.
Typisch Springer-Verlag.

