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Piratenpartei: Nebenwirkung Meinungsbildung

Die gestrige Wahl in Berlin hat­te wie immer keinen Wahlver­lier­er, von der F.D.P. (1,8 Prozent der Stim­men und somit weniger als die NPD) ein­mal abge­se­hen. Auch Wahlver­lier­er Klaus Wow­ere­it, dessen SPD ohne jeglich­es Pro­gramm ange­treten ist und dafür im tra­di­tionell SPD-regierten Berlin nicht ein­mal 30 Prozent der Stim­men bekam, ließ sich wie selb­stver­ständlich als bestätigter Ober­motz feiern, immer­hin waren all die anderen Parteien noch schlechter.

Insofern gab es eigentlich nichts span­nen­des über die Wahl zu bericht­en, also wandten sich die Medi­en wie schon anlässlich der Bun­destagswahl 2009 der Piraten­partei zu, die mit Pauken, Trompe­ten und 8,9 Prozent der Stim­men ins Abge­ord­neten­haus ein­zog. Und als hätte man nicht das ganze Port­fo­lio an Unsinn über die Piraten­partei damals schon abge­feuert, macht man es gle­ich noch mal. Bei Nerd­core gibt es das Bull­shit-Bin­go für die heuti­gen Leitar­tikel, und ich nehme an, läse ich mehr als eine Tageszeitung, ich kön­nte den Zettel heute voll­ständig abhak­en:

Und immer wieder tauchen die längst zur Genüge beant­worteten Fra­gen auf. Die grüne “Lib­erale” Zora Hocke etwa hält es für ein Und­ing, dass die Piraten­partei keine Frauen­quote lanciert; sich mal ein wenig zu informieren und festzustellen, dass Frauen in der Piraten­partei sog­ar Lan­desvor­sitzende wer­den dür­fen, gar Bun­desvor­sitzende, wenn sie sich nur zur Wahl stell­ten, war wohl ger­ade nicht drin, so eine grüne Wahlpar­ty ist eben anstren­gend. In die gle­iche Kerbe schlug übri­gens Clau­dia Roth, die die Pirat­en “an Bord willkom­men” hieß, “Piratin­nen” gebe es ja nicht so viele; ganz anders bei den Grü­nen, die kon­se­quent Geschlechter tren­nen und somit einiger­maßen abstoßen­den Sex­is­mus prak­tizieren, übri­gens.

Unverän­dert ste­ht in der Bun­dessatzung der Pirat­en:

Die in der Piraten­partei Deutsch­land organ­isierten Mit­glieder wer­den geschlecht­sneu­tral als Pirat­en beze­ich­net.

Wer Poli­tik machen will, sollte dafür zunächst ein­mal Ahnung mit­brin­gen. Brüste statt Befähi­gung — nun, das mag bei den Grü­nen funk­tion­ieren, aber eine Wahl gewin­nt man so ja nicht. (Eigentlich ist es erstaunlich, dass ein Herr Fis­ch­er Außen­min­is­ter wer­den durfte, ohne auf jedem Parteitag der Grü­nen als Sex­ist beschimpft zu wer­den, der gefäl­ligst Platz für eine Frau machen soll, wis­senschon, Frauen­quote.)

Die, wir erin­nern uns, strahlen­den Sieger in der SPD, deren “wählt lieber uns statt irgendwelch­er Protest­parteien” den Pirat­en eini­gen Zus­pruch gegeben haben dürfte, machen sich der­weil darüber lustig, dass Kan­di­dat­en der Piraten­partei Fra­gen, auf die sie nicht vor­bere­it­et sind, nicht mit irgendwelchem leeren Geschwätz, son­dern ehrlich­er Unwis­sens­bekun­dung beant­worten, und stellen damit eher sich selb­st bloß, denn Schaden­freude ist keine Gegen­maß­nahme, ist die eigene Mehrheit in Gefahr. Ganz anders aber, und das erstaunt mich am meis­ten, die Hal­tung von Chris­t­ian Sick­endieck, dessen Het­zblog ich hier aus tra­di­tionellen und poli­tis­chen Grün­den auch weit­er­hin unver­linkt lasse, der am 10. Mai 2010 noch schrieb:

Die Piraten­partei wird eine kleine Split­ter­partei bleiben. (…) Die Piraten­partei segelte einen Som­mer durch das poli­tis­che Deutsch­land, nun ist die Titan­ic auf den Eis­berg der Irrel­e­vanz aufge­laufen.

Diese irrel­e­vante Split­ter­partei nun bedachte der­selbe Chris­t­ian Sick­endieck gestern Abend mit diesen Worten:

Der sozial-lib­erale Lan­desver­band der Berlin­er Pirat­en hat vielle­icht kein All-Inklu­sive-Ange­bot, aber sie bietet dur­chaus eine poli­tis­che Alter­na­tive. Diese heißt nicht Protest, son­dern ist eine neue Form der Poli­tik: Ehrlichkeit, Trans­parenz, Soziales und Bürg­er­rechte. (…) Die Berlin­er Pirat­en haben den Wäh­lerin­nen und Wäh­lern eine Alter­na­tive, keinen Protest, ein Pro­gramm ange­boten. Damit haben sie einen sen­sa­tionellen Erfolg errun­gen.

Der “sen­sa­tionelle Erfolg” ist hier vielle­icht vielmehr, dass Chris­t­ian Sick­endieck kurzzeit­ig vergessen hat, dass er die Piraten­partei eigentlich gar nicht mag.

Jet­zt gilt es, dem Wäh­ler zu zeigen, dass seine Stimme nicht “im Gul­ly” (Gui­do West­er­welle 2009 über die Piraten­partei) ist. Dass da ver­mut­lich Ent­war­nung gegeben wer­den kann, haben die Medi­en jet­zt immer­hin schon ver­standen.

Nach­dem wir die For­malien nun also fünf Jahre nach Parteigrün­dung endlich bei­seite schaf­fen kon­nten: Ein dreifach­es Arrr! für die 15 Enter­pi­rat­en — und allzeit eine Hand­bre­it Wass­er unterm Kiel!

Senfecke:

  1. Jet­zt analysi­er, reflek­ti­er und argu­men­tier doch nicht so viel! Für Pirat­en ist es Zeit, sich ein­fach mal zu *freuen*!

    (Ich als Musik­er zit­tere der­weil, denn es ist offen­sichtlich nur noch eine Frage der Zeit, bis ich endgültig kün­st­lerisch enteignet werde. Wenig­stens besitze ich kein Auto, das sie mir abfack­eln kön­nen…)

  2. Als Pirat freue ich mich, als Pub­lizist analysiere und reflek­tiere und argu­men­tiere ich, warum ich mich freue. ;)

    Autos abfack­eln? Die Antifa ist ja nun eher die SA der Linken, kein poli­tis­ch­er Arm der Pirat­en.

  3. Soweit ich weiß, war es früher dur­chaus üblich, dass Pirat­en Schiffe über­fall­en und hin­ter­her angezün­det haben… und weil Berlin keine Hafen­stadt ist, wäre es doch üblich, dass sie auf Autos auswe­ichen?

    Nein, aber ern­sthaft, es ist nicht wirk­lich raus, wer die ganzen Autos anzün­det, oder? Die Antifa hat ein Prob­lem mit Nazis, von daher würde es mich wun­dern, wenn sie jahre­lang Autos abbren­nt. Das wäre doch unl­o­gisch.

  4. Autos, ander­er­seits, sind ein Sta­tussym­bol des Kap­i­tal­is­mus’ als Erzfeind der neokom­mu­nis­tis­chen “Linken”; nicht zu vergessen der Umstand, dass Volk­swa­gen als Inbe­griff des “Fahrvergnü­gens” ursprünglich ein wesentlich­er Bestandteil von Hitlers Pro­pa­gan­da war.

  5. Hal­lo, lösche doch bitte den Namen und die Ver­linkung von Zora aus deinem Pro­fil. Danke und viele Grüße! :)

  6. Du schreib­st: “Eventuell abmah­n­fähige Texte oder solche, die Sie in Ihrer Entwick­lung zu einem voll­w­er­ti­gen Mit­glied der Gesellschaft neg­a­tiv beein­trächti­gen, bitte ich via Kom­men­tar­funk­tion zu monieren, das spart uns bei­den viel Zeit, Geld und Ner­ven.” und hin­ter­lässt keine Möglichkeit, dich pri­vat zu kon­tak­tieren. Daher bitte ich doch noch ein­mal, den Namen und Ver­linkung zu löschen oder ich muss mich direkt an die Home­page-Betreiber wen­den. Spar uns doch bei­den Zeit und Ner­ven…

  7. Was an der Ver­linkung stört dich aus welchem Grund? Ich kann mich nicht an ein Gesetz erin­nern, das die Ver­linkung öffentlich­er Twit­terkon­ten unter­sagt.

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