Da ich gestern mit dem ÖPNV und ÖPFV durch das Land gurkte resp. gurken ließ, hatte ich wieder einmal das Vergnügen, mich in der Gegenwart einer Horde Jungmenschen aufhalten zu dürfen; trotz Ferien: Volle Züge.
Und sie, die Jungmenschen, trugen nicht gerade dazu bei, dass meine oft gescholtenen Vorurteile gegenüber dieses Menschenschlages wichen. Ich stelle die Situation, auch im Interesse der Leser, die mich immer wieder um Berichte aus den öffentlichen Verkehrsmitteln bitten, einmal verkürzt dar:
Von den zahlreichen anwesenden Jungmenschen im trotz des Zeitpunktes (Montag Abend) recht vollen Regionalzug von Hannover nach Braunschweig bildeten jedenfalls vier eine Gruppe, darunter ein Pärchen, bestehend aus blondiertem Mauerblümchen und einem Exemplar Männchen, dessen konsistenter Gesichtsausdruck zwischen geistiger Überlegenheit und Apathie einzuordnen war, sowie ein igelhaariger Machotyp, dem nur noch das Goldkettchen zum Klischee gefehlt hätte, und ein nicht näher erwähnenswertes, unspektakuläres weiteres Weibchen, das immerhin selten zu reden begann.
Das Wort “Pärchen” habe ich bewusst gewählt; Pärchen zeichnen sich gegenüber Paaren bekanntlich durch eine gewisse Penetranz in jeder gemeinsamen Aktivität aus, und wenn ein solches Pärchen fortwährend derart geräuschvoll Zärtlichkeiten austauscht, dass ein ganzes Zugabteil daran teilzuhaben befähigt wird, und sich anschließend triumphierend umschaut, als wolle es sagen: Seht her, wir machen rum, ihr nicht, ätschebätsch, dann schwelgt der stille Beobachter weniger in Neid denn vielmehr in Abscheu. Die Geräuschkulisse einer Schweinefütterung lässt ja auch die wenigsten Menschen in erotische Verzückung geraten.
Dieses Quartett jedenfalls, allesamt, wie den Gesprächen zu entnehmen war, etwa 17 Jahre alt, ließ seine Umwelt ungefragt, weil lautstark, an der eigenen Coolness teilhaben und sprach, Jägermeister “auf Dings” (sic!) trinkend, fortwährend von dem Mehrwert eines Besäufnisses für die eigene Lebensqualität, ob auf Klassenfahrt oder zu anderen Gelegenheiten. Der Igelhaarige ließ es sich nicht nehmen, den Jägermeisterfleck auf seiner Hose zum Anlass für ein Erwähnen desselben zu verwenden, als wäre es ein Zeichen von Männlichkeit, sich mit Likör zu besabbern; wie er es eben auch für einen Mehrwert hielt, mit 17 allein Auto zu fahren, obwohl er das “eigentlich nicht dürfte, na und?”.
Natürlich durften auch die Freuden des Alkoholismus’ im Urlaub nicht fehlen: “Wir waren Italien und Barcelona”, Präpositionen sind voll so 90-er, Aldah, “und eigentlisch durften wir ja nisch saufen und so”, und natürlich haben sie es trotzdem getan, weil hart. Um Himmels Willen. Das Gespräch über Alkoholika endete jedenfalls unverhofft mit einer weiteren Pointe: Gehüllt in eine Wolke aus Jägermeisterduft saß das Rudel beieinander, als plötzlich Frauenparfüm den Raum erfüllte und den Schnapsgeruch vertrieb. Und tatsächlich nahmen die Trinkenden diese Änderung ihrer Umwelt wahr, die den Igelhaarigen zu der Frage veranlasste, was denn “hier so scheiße rieche”, und das eigentlich angemessene “deine Mutter, Idiot” konnte ich, von dem unterprivilegierten Geschwall der vier Schwallenden längst nicht mehr nur amüsiert, mir gerade noch so verkneifen. Es hätte mir aus Niveaugründen wohl auch Leid getan. Ich brauche Urlaub.
Apropos Spanien und nachdem übrigens mindestens “ganz Deutschland” dem Krakenorakel treu zu Füßen liegt:
Wisst ihr schon, wem der Oktopus den Sieg weissagte?
Ein wahrlich schlaues Tier.



- “Ein wahrlich schlaues Tier.” Opportunist: http://tuxproject.de/blog/?p=2664
— “Deine Mutter, Idiot” verkniffen: Damit hättest Du garantiert aufe Fresse gekriegt.
Das mit der Ironie üben wir noch mal. Ja, hätte ich wahrscheinlich. Wobei Hunde, die bellen, selten auch zu beißen pflegen.
ich finde sowas immer wieder klasse , wie du das auf den punkt bringst
danke das du sowas für die nachwelt aufschreibst *lach*
vielleicht kann ich dir demnächst auch neues material liefern.
Ich freue mich darauf!