Nicht ohne Belustigung wurde ich heute, in allzu gewöhnliche Gedanken versunken, mittels krähender Konversation auf die Gegenwart deutlich jüngerer Zeitgenossen aufmerksam gemacht, die in dem von mir benutzten Verkehrsmittel herumtollten. (Machen die das eigentlich mit Absicht?) Das Sodbrennen, das sich prompt einstellte, hinderte mich nicht daran, dem Spiel aufmerksam zu folgen.
Wie es hieß, brachte ich nicht in Erfahrung, aber der Zweck des Spieles schien es zu sein, dass durch Akklamation zunächst ein Mitspieler ausgewählt wurde, der dran war. Dessen Aufgabe war es anschließend, dieses Dransein durch Berühren eines Mitspielers und erstaunlich indezente Erwähnung des Wortes “Schweinegrippe” einem jeweils anderen Mitspieler aufzutragen, dem dann seinerseits die gleiche Aufgabe zuteil wurde.
Die Schwierigkeit dieses bis hierhin recht simpel erscheinenden Spiels war es, dass lediglich nicht geimpfte Spieler dran sein konnten. Geimpft war ein Spieler, wenn er beliebige Gliedmaßen kreuzte, was er anscheinend jederzeit nach Gutdünken tun und unterlassen konnte; folgerichtig krähte mir ein Zweieinhalbkäsehoch nach beinaher Dranwerdung “Ich bin geimpft, ich hab die Beine über Kreuuuuz!” fast ins Ohr. Hat sich eigentlich schon einmal ein Mediziner mit dieser alternativen Heiltheorie befasst?
In meiner Kindheit, so entsann ich mich, gab es dieses Spiel auch bereits, damals wurde noch möglichst infantil “Pest!” statt “Schweinegrippe!” gebrüllt; was einerseits mein Alter unschön betont, sich andererseits aber auch weit besser brüllen ließ. Es erfüllte mich jedenfalls mit Freude, dass in dieser Gesellschaft, in der ich jede Hoffnung auf eine noch nicht vollends dem Medienkonsum zum Opfer gefallene Jugend längst verloren glaubte, immer noch Platz für simple Unterhaltung dieser Art bleibt. Ist, immerhin, besser als Fernsehen.
Das zweite positive Erlebnis des heutigen Tages (was ist bloß los?) folgte im Supermarkt. Die Warentrennhölzer aus Plastik oder anderem Kunststoff (quasi Warentrennplastiken oder andere Warentrennkunststoffe), die in ihrem Originalzustand den “nächsten Kunden” anzukündigen, waren dergestalt modifiziert worden, dass sie nunmehr den “nächsten Kurden” zur Ablage der zu erwerbenden Waren aufforderten, womöglich von einem der zahlreichen Angehörigen jenes Volks, die, von der Berufsschule kommend, die auch ich zwei Jahre lang besuchte (allein das Wort schon!), bisweilen gemeinsam in diesem Supermarkt anzutreffen sind.
In der erwähnten Berufsschule wurde während meiner Zeit dort auch erläutert, dass es selbst im Falle eines plötzlich nahenden Ablebens keinesfalls genügt, “Tach, krank, tschüss!” in den Hörer zu röcheln, um einen Fehltag genehmigen zu lassen; und ähnliches scheint auch die Kassiererin gelehrt worden zu sein, denn statt der leider dieser Tage durchaus üblichen gelangweilten Preisnennung folgte auf das vollendete Einlesen der Preisauszeichnungen ein Singsang, der außer der Gesamtsumme auch gute Wünsche für den restlichen Tag beinhaltete, obendrein vorgetragen mit freundlicher Miene.
Mit dem Schnee, so scheint es, schmilzt auch die menschliche Kälte. Der Frühling naht meist sonderbar.

Zu meiner Zeit gab es nur ein einziges Spiel einiger Perverser (maskulin!) und das nannte sich “Sackgrabschen”. Übrigens, jemand, der dieses Spiel mit Hingabe betrieb, war ein Türke, der heute in Hannover als Musikproduzent arbeitet, von dem aber an sich keiner so recht weiß, was er macht. Fand ich echt nicht horny.
Klingt aber sehr sexy.
Na ja, ich habe getrost darauf verzichtet.
Schade. Soll Spaß machen, berichtete Kaya Yanar einmal.
Nee, der kommt nit bei mir rein.
Durchaus eine weise Entscheidung. Aber ich war ja auch mal jung. (Lange her.)
(Ach, ich habe in obigem Artikel eine Pointe zu meiner ehem. Berufsschule vergessen. Hätte man dort “nächster Kurde” gerufen, hätten sich die Flure gefüllt. Na ja.)