Vor einigen Tagen schwebte ein Tweet in meine Aufmerksamkeitsblase, der eine Karte des gesamten Internets von Mai 1973 enthielt:
Das Internet (“das war doch das mit dem blauen E / der bunten Kugel, ne?”) hat sich seitdem verändert, wenn auch nicht unbedingt zum Besseren. Nicht immer ist mehr auch besser, gerade qualitativ ist das Netz durch den Zuwachs an Linuxforen, Personalityblogs und spammenden Mailservern nicht gerade gewachsen. Dass die Benutzer selbst dabei eine große Rolle spielen, ist nicht von der Hand zu weisen, und wahrscheinlich wäre vieles gewonnen, würde das Grundrecht auf Internetnutzung (sinngemäß spätestens 2013 vom Bundesgerichtshof etabliert) an ein Mindestmaß an Medienkompetenz gebunden, so dass diejenigen, die alles anklicken, was wie ein Link aussieht, und dadurch einer Menge Menschen gelegentlich eine Menge Schaden zufügen, gezwungen wären, sich ein weniger schädliches Hobby zu suchen. Nebeneffekt: Die Spammerbranche würde ausgetrocknet. Dass Freiheit nicht vor Sicherheit gehe, ist ein viel zitiertes Memorandum der geschätzten Bundesregierung — und nie wäre seine Umsetzung willkommener als in diesem Kontext.
Aber die Regierung (nun: die Judikative) tut ihr gewohnt Bestes, die Verbreitung von Spam gesetzlich einzuschränken, indem sie zum Beispiel Verlinkungshaftung etabliert (selbstredend nur für die Anderen), was zumindest dem Abmahnunwesen einen neuen Aufwind verschaffen dürfte.
Ganz ungeachtet dessen, dass Verlinkungen sozusagen das Rückgrat eines wie auch immer gearteten Kommunikationsnetzes bilden, versteht sich.
Die Digitalisierung ist ein wertvolles Kulturgut? Je nach Definition von Kultur. Wenn meine Kloschüssel über des Nachbarn WLAN meinem Kühlschrank sagt, er solle schon mal mein Auto hochfahren, dann ist einiges im Argen. Aber auch das ist nur ein Symptom der Digitalisierung von Narren. Tatsächlich: sie war es einmal und sie könnte es wieder sein, schlösse man nur endlich die Kulturbanausen aus. Ein globales Kommunikationsnetz nationaler (Quatsch: regionaler, nämlich Hamburger) Jurisdiktion zu unterstellen ist jedenfalls in mehrfacher Hinsicht problematisch. Worüber soll ein deutsches Landgericht denn noch so entscheiden dürfen — Bundeswehreinsätze? TTIP? Klimaabkommen? Die Existenz eines Gottes gar? (Indes: Angesichts der bisherigen Historie des durchweg antiliberalen Landgerichts Hamburg wäre voraussichtlich nichts davon irgendwie zu begrüßen.)
Jaja, deutsches Internet muss unter deutschen Gesetzen stehen, sagen seine Juristen. Ich sage: Eine Entdigitalisierung der Welt in den Grenzen von 1973 würde wirklich viele Dinge sehr viel angenehmer machen. Das Grundrecht auf ein Internet sollte dort enden, wo die Rechte eines aufgeklärten, fortschrittlichen Menschen berührt werden.
Also irgendwo kurz vor Hamburg.


Hei, danke dir für deinen Artikel.
Es gibt doch die schöne Einteilung von Techniknutzern. Ich selber würde mich da als kritischer Optimist einstufen. Ich finde neue Medien total faszinieren, sehe jedoch auch, was sie mit Menschen macht.
Ich finde komplett gut was du sagst und würde nur einfach noch gerne meinen Gedanken äußern. Ich finde es nämlich faszinierend, dass wir an einem Punkt angelangt sind an dem Mehr nicht mehr Mehr ist. Also wenn die Computer schneller werden, die Vernetzung größer, die Nachrichten am Tag mehr, dann geht es uns nicht besser. Langezeit war das anders. Das Auto hilft uns im Alltag sehr. Mittlerweile sehe ich es kritisch, wenn ein SUV 9.5 Liter Diesel verbraucht und die Fahrerstatistik an den Hersteller sendet. Wenn auf meinem Handy mehr Apps sind, werde ich noch mehr überwacht.
Ich würde nicht in die Achziger zurückgehen aber ich finde auch, dass es endlich einen mündigen Umgang mit neuen Medien bräuchte. Und zwar so mündig, dass — ganz nach Schorbs Medienkompetenz — jegliche Faktoren und Ebenen der Mediennutzung in die Entscheidung einfließt, welche Medien wir nutzen.
Schöne Grüße
Thoys
Als ich 1994 zum ersten Mal online war, kam ich mir vor, als wäre ich in der Welt der CB-Funker gelandet. Dicke Männer ohne Sex, die eine geheimnisvolle neue Technik benutzten, ohne dass die Welt das mitkriegt. Aber heute ist ja Hinz und Kunz im Netz und schon stürzen sich Staaten und Konzerne auf die Sache.
Emil Zigeunersoße, Wichtelbach.
Die ersten beiden Beispiele empfinde ich nicht als störend. Für mich persönlich sind Linuxforen sogar praktisch, aber auch BDS‑, Windows- oder Macforen stören mich nicht. Ebensowenig wie Koch‑, Modellbau‑, Philatelistenforen oder Personalityblogs. Es gibt ja keinen Zwang alles lesen zu müssen was im Internet vorhanden ist. Klar, es wird schwerer nützliches in der Masse an Inhalt zu finden, aber früher war dafür weniger Inhalt vorhanden. Es hat sich also von “gibt es das im Internet?” zu “wie filtere ich das gewollte heraus?” verschoben.
Spamschleudern, LG Hamburg, Tracker- und Werbenetze sind aber wirklich nervig. Kann ich (für mich) uninteressanten content noch meiden wird man durch diese zwangsläufig belästigt.
Hat halt alles Vor- und Nachteile. Ich möchte die vielen Erleichterungen durch das Internet nicht mehr missen, aber dem ganzen IoT-Schmarrn stehe ich auch kritisch gegenüber.