Persönliches
Herz und Heimat / Der Habeck in mir

Eigent­lich bin ich wie Robert Habeck, sieht man vom Cha­ris­ma ab.

Nicht nur habe auch ich ein gesun­des Ver­ständ­nis vom Völ­ker­recht (Hüh­ner, Schwei­ne, Kühe mel­ken), son­dern ich emp­fin­de auch, je älter ich wer­de, zuse­hends bzw. ‑füh­lens nach, was er zum all­ge­mei­nen Miss­fal­len bzw. Ver­gnü­gen in ein Buch schrieb:

Patrio­tis­mus, Vater­lands­lie­be also, fand ich stets zum Kot­zen.

Als der Text, den ihr gera­de lest, erscheint, bin ich auf dem Weg zu einem Flug­ha­fen (ist jetzt eh egal), um es den Bri­ten gleich­zu­tun und end­lich mal wie­der die EU zu ver­las­sen, und fra­ge mich, was Hei­mat ist.

So etwas habe man doch, eine Hei­mat, sagen die Men­schen, mei­nen damit oft den Ort der Geburt oder wenig­stens des Her­an­wach­sens und erwar­ten dann, dass man auf­grund die­ses Wür­fel­er­geb­nis­ses eine bestimm­te Sport­mann­schaft, eine bestimm­te Spra­che oder auch nur eine bestimm­te Jah­res­end­ver­an­stal­tung für den Super­la­tiv hält.

Dabei spre­chen die mei­sten von ihnen selbst ihre Mut­ter­spra­che so, als wür­den sie’s nicht ernst mei­nen.

Ich habe zeit­le­bens Nie­der­sach­sen noch nie für län­ge­re Zeit als weni­ge Wochen unun­ter­bro­chen ver­las­sen, ich bin in einer öden deut­schen Stu­den­ten­stadt gebo­ren, woh­ne nach eini­gen dörf­li­chen Umwe­gen inzwi­schen in einer ande­ren, weni­ger öden deut­schen Stu­den­ten­stadt und wer­de mög­li­cher­wei­se auch im hohen Alter noch in einer unter Umstän­den wie­der­um ande­ren deut­schen Stu­den­ten­stadt woh­nen. Aber ist die Hei­mat da, wo man gebo­ren ist (und womög­lich nicht lan­ge leb­te); oder wech­selt man sie etwa beim Umzug, ist sie also nur ein pathos­ge­tränk­ter Begriff für die Wohn­an­schrift? Mir wäre das zu wenig.

Hei­mat sei kein Ort, son­dern ein Gefühl, sang Her­bert Grö­ne­mey­er. An sei­ner Stel­le wäre mir Bochum auch unan­ge­nehm. Wann immer ich aber rei­se, was seit dem Abschluss mei­nes Stu­di­ums nicht nur häu­fi­ger, son­dern auch in grö­ße­re Ent­fer­nung geschieht, füh­le ich weder bei der Ankunft noch bei der Rück­kehr eine „Hei­mat“. Ich bin hei­mat­los, ohne staa­ten­los zu sein.

Gǣð ā wyrd swa hīo sċel.
Beowulf

Sicher: Ich kann mir, wie hier und auch anders­wo gele­gent­lich geschrie­ben und gesagt, durch­aus vor­stel­len, für län­ge­re Zeit in ande­ren Gegen­den Deutsch­lands zu leben, und auch in einem ande­ren Land, des­sen Spra­che ich spre­che, könn­te es mir so schlecht nicht erge­hen. Ich wand­te ein­mal ein paar Tage dafür auf, im Gro­ben dar­über nach­zu­den­ken, ob ich nicht ganz grund­sätz­lich eher für die bri­ti­sche Insel als für die nord­deut­sche Tief­ebe­ne und Umland geeig­net bin, und kam zu dem Schluss, dass ich, wäre ich nicht schon viel zu faul für ernst­haf­te Aus­wan­de­r­ei, dann ver­mut­lich schon bald ein ande­res Land bevor­zu­gen wür­de, weil Rei­sen inter­es­san­ter ist als Nie­der­las­sen. Ich schla­ge kei­ne Wur­zeln. Ich bin kein Baum.

Ich mache mir nicht viel aus Deutsch­land (die Men­schen sind mir zu laut, die Regie­rung ist mir zu tol­pat­schig, die Spra­che ist mir zu zer­kratzt, die Gesell­schaft ist mir zu auto­ri­tär und die Archi­tek­tur ist mir zu zer­bombt), bin den­noch gern in den inter­es­san­te­ren unter sei­nen Städ­ten zu Gast. Ich füh­le mich etwa stets wohl, wenn ich in Ham­burg bin, und hal­te den Zustand, dass ich anschlie­ßend wie­der Stadt und Stadt­land (und Stadt­land­fluss / Elbe) ver­las­se, weil ich woan­ders woh­ne, trotz­dem nicht für schwer erträg­lich. Ich ken­ne zwar nicht das Gefühl der Hei­mat, doch ken­ne ich Wahl­hei­ma­ten; jetzt gera­de ist es Braun­schweig, es könn­te jedoch in der Tat auch Ham­burg, Lon­don oder viel­leicht sogar Wien sein. Mein Herz aber hängt nicht dar­an, wo ich woh­ne, wo ich lebe oder wo ich auch bloß bin.

(Wäh­rend ich bereits am Mon­tag­abend – hehe, aus­ge­trickst – die­sen Absatz zu schrei­ben begin­ne, ent­flammt in sozia­len Medi­en eine Debat­te dar­über, dass die letz­te leid­lich bekann­te Braue­rei aus Braun­schweig infol­ge der übli­chen Miss­wirt­schaft bald ihre sog. „Pfor­ten“ schlie­ßen wird. Die Braue­rei gehö­re doch eben­so untrenn­bar zu der Stadt wie der grau­si­ge Fuß­ball­ver­ein, und wer – wie ich – auch nur eines davon für ver­zicht­bar hal­te, der möge bit­te umge­hend sei­nen Stand­ort hin­ter­las­sen, der ein­fa­che­ren Anrei­se für die Trä­ger von Fackeln, Teer und Federn wegen. Das ist er, die­ser Patrio­tis­mus, der mit aus­schließ­lich posi­ti­ven Adjek­ti­ven nur mit Mühe zu beschrei­ben ist.)

Es will beim besten Wil­len in mei­nen Kopf nicht rein,
stolz auf einen Zufall zu sein.
Wise Guys: Stolz

Um anstel­le der Wur­zeln den Bogen zu schla­gen, und zwar zurück: Hei­mat, der Begriff, er ist Horst See­ho­fer. (Mich amü­siert, dass die ver­se­hent­lich nicht abge­schal­te­te Auto­kor­rek­tur in die­sem Schreib­pro­gramm hier­aus gera­de „Hor­se See­ho­fer“ machen woll­te.) Abend­brot. Urlaub an der Ost­see. Kamil­len­tee mit Zwie­back. Das hat so was Beschau­li­ches, wenn man im fal­schen Jahr­hun­dert gebo­ren ist und das Dorf­le­ben schätzt. Ich bin aber Stadt­mensch, noch nicht alt genug, um so ver­knö­chert zu sein, und ich habe kei­ne Hei­mat. Ich habe ein Zuhau­se.

Das heißt frei­lich nicht, dass ich allen Orten mit der glei­chen Ambi­va­lenz begeg­ne; man­che Orte (es ist Han­no­ver) ach­te ich weni­ger hoch als ande­re. Am wohl­sten aller­dings füh­le ich mich, wenn schon nicht auf dem eige­nen Sofa, dort, wo die Freun­de sind. Man könn­te sagen, mein Herz ist dort, wo die Freun­de sind. Ein Teil von ihnen ist gera­de auf dem glei­chen Weg wie ich, wor­auf­hin mein Herz, soweit es nicht lie­ber auf dem hei­mi­schen Sofa säße, vor­über­ge­hend in Lon­don sein wird.

(Wenn die Par­tei „Die Hei­mat“ statt­des­sen „Das Herz“ hei­ßen wür­de, wäre sie dann popu­lä­rer?)

Es ist histo­risch begründ­bar, dass vie­le Men­schen gern eine Hei­mat hät­ten und viel­leicht auch haben. Hei­mat, das war für eine kur­ze, aber schö­ne Zeit nicht nur Pferd See­ho­fer, es war lan­ge auch die Abwe­sen­heit von Krie­gen. Seit Krieg aber sei­ne häss­li­che Frat­ze wie­der abge­legt hat, so lan­ge er weit genug ent­fernt und damit als geo­stra­te­gi­sches Werk­zeug geeig­net scheint, gehen dem fried­lie­ben­den Men­schen inzwi­schen die Hei­ma­ten aus. Ist es eine Hei­mat, wenn sie tötet?

Wer tötet eigent­lich nicht?

Der Krieg ent­schei­det nicht dar­über, wer Recht hat, son­dern nur dar­über, wer übrig bleibt.
Bert­rand Rus­sell

Ich, um die Pfer­de­me­ta­phern abzu­schlie­ßen, schwei­fe ab, par­don.

Nach all die­sen Über­le­gun­gen, die ich anstel­le, wäh­rend ich über die Hei­mat nach­den­ke, soll­te ich viel­leicht auch die Prä­mis­se die­ses Bei­trags revi­die­ren, indem ich schrei­be: Ich fin­de die „Vater­lands­lie­be“ nicht „zum Kot­zen“ – ich fin­de sie albern. Ein Vater­land hat fast jeder Mensch. Man­cher wird in Deutsch­land gebo­ren, man­cher in Eng­land, man­cher in Russ­land, hin und wie­der erwischt es sogar einen armen Tropf, der dann Han­no­ve­ra­ner sein muss. Zu lie­ben, wo man gebo­ren ist, weil man dort gebo­ren ist, ist nicht die klüg­ste Form der Lie­be und mit­nich­ten die, für die ich das größ­te Ver­ständ­nis auf­zu­brin­gen bereit bin. Vie­le aber, die ein Vater­land haben, haben noch längst kei­ne Hei­mat – denn das Herz, es ist nicht immer sess­haft.

Eigent­lich bin ich also fast wie Robert Habeck, nur bin ich gleich in Lon­don. Und wahr­schein­lich kom­me ich auch dies­mal wie­der zurück.

Nach Hau­se.

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