Das Leben ist zu kurz für etwas anderes als Genuss. Unter Berücksichtigung dieser wertvollen Maxime für jedermanns gutes Leben reiste ich also in inspirierender Begleitung nach Brüssel, wo ich nicht nur sowieso mal hinwollte, sondern auch eine altgediente Musikgruppe auf ihrer wohl letzten Tour sehen konnte. Perfekt.
Brüssel ist hyggeliger hügeliger als das optisch sonst leider ähnliche Prag. Wenn man vom Bahnhof aus zu Fuß zum Hotel schlendert, wird man unterwegs zweimal seekrank. Die Stadt riecht nach Waffeln und Schokolade. Dass trotzdem allerorten mit dem bescheuerten Manneken Pis geworben wird, als gäb’s dort nichts anderes zu sehen, ist eine Vermarktungsstrategie, die etwas einfach scheint, aber funktioniert. Wo man den blöden Brunnen wohl sehen könnte, ergab sich schon beim Schlendern durch die Stadt, denn die großen Schwärme an Touristen aus augenscheinlich aller Welt hinterließen Spuren. Hoffentlich bringt bald jemand eine zweite Sehenswürdigkeit raus.
Niemand weiß, wer man ist, was in einer solchen Vielvölkerstadt auch von Vorteil ist. Der Brauer und Brenner der Brauerei und Brennerei Tipsy Tribe (wärmstens empfohlen) war ebenso diverser Sprachen hinreichend mächtig wie viele einfache Mitarbeiter der Frühstücksgastronomie. Brüssel ist quasi West-Berlin mitten in Belgien. Es seien des Öfteren mal Deutsche da, erzählte der Brauer und Brenner, und im Toilettenraum sei es entsprechend voller deutscher Aufkleber und Aufschriften. Er präsentierte daraufhin zwei Aufkleber des 1. FC Saarbrücken, dessen Anhänger sich in der Tat auch aufm Klo verewigt hatten. Deutscher Fußball scheint in Brüssel allgemein eine große Sache zu sein: Noch vor Ankunft im Hotel begegnete ich einem Aufkleber von Hertha BSC. Wo auch sonst, wenn nicht in Brüssel?
(Aufkleber, sowieso: Selten sah ich so viele palästinafreundliche Beklebungen und Plakate wie hier. Warum eigentlich?)
Es gibt in Brüssel (mindestens?) eine wirklich höchst empfehlenswerte Bar, die zwar nur sehr wenig Bier, aber unter anderem Ziegenkäse- und Rauchteecocktail anbietet, was ich schon beim Lesen so großartig fand, dass meine – nun – Reisegruppe dorthin geführt wurde. Niemand murrte, wir kehrten begeistert nochmals ein. Weil die Wahrscheinlichkeit, dass man mir dort begegnen könnte, einigermaßen klein ist, weil ich ja bereits wieder weg bin, kann ich ja sorglos für sie werben, was hiermit geschehen ist.
Bargeld ist in vielen (wenn nicht: den allermeisten) Geschäften ungern gesehen. Viele Deutsche bekämen hier schon im ersten Lokal eine ernste Krise. Andererseits ist das mobile Netz in Brüssel (dominanter Anbieter: BASE – ja, das BASE) noch erbärmlicher als in Deutschland. So weit kämen sie also vielleicht nicht mal, weil sie nicht anständig recherchieren können. – Apropos: Man kann in Brüssel genau und nur dann hervorragend fast überall frühstücken, wenn man, anders als ich, gegen den Geschmack von Eiern nichts einzuwenden hat. Der typische Brüsseler würde sein Traumfrühstück vermutlich als Eiern mit Ei, Ei und Ei, dazu einen schönen Eiersaft, beschreiben. Eieiei. Die örtliche Gastronomie bildet das leider ab. Mittag- und Abendessen jedoch gibt es in der Stadt geradezu vorzüglicher Natur, so dass der Makel ein eher theoretischer ist.
Vor Beginn des Konzerts, dessentwegen ich überhaupt das Land verlassen habe, während in meiner Stadt der „Tag der Niedersachsen“ Touristen belästigte (würde ich in einer niedersächsischen Stadt einen „Tag der Niedersachsen“ planen, würde ich ja versuchen, die lokale Gastronomie frühzeitig einzubinden statt völlig zu ignorieren, bis es leider zu spät ist, um ihnen einen Stand zu gewähren, aber ich mache das auch nicht beruflich), saßen vor dem Saal Menschen und lasen Bücher. Bücher! Die Verrohung der Gesellschaft ist kaum noch aufzuhalten. – Wenig später habe ich die mir bis dahin vollkommen unbekannte Augustė Vickunaitė vorbandspielend kennen- und umgehend musikalisch zu schätzen gelernt. Crazy shit, sag’ ich euch.
Und – wie gefällt mir Brüssel nun? Um das mit ausreichendem Fundament beantworten zu können, muss ich wohl ein zweites Mal dorthin reisen. Wir werden sehen.
Jetzt aber ist erst mal Montag.





Das mit den palästinafreundlichen Beklebungen ist leicht erklärt: In Brüssel liegt der Anteil der arabischstämmigen Bevölkerung bei ca. 20 Prozent. In Berlin z.B. sind es knapp fünf.
PS.
Brüssel ist auf jeden Fall eine zweite, dritte usw. Reise wert! Mitte bis Ende der 90er war ich ziemlich oft dort und hab mich nie gelangweilt. Vielleicht auch deswegen, weil mir nette, jedoch nicht arabischstämmige Brüsseler den interessanten Brauch beibrachten, kleine Gläschen mit Genever drin in vollen Biergläsern zu versenken.
Zulässige Erklärung. Danke.
Oh. Vom Stadtrat zum Europarat?
Bloß nicht!
Dafür verdienste da aber viel mehr. Allerdings musste dir dafür auch mehr Arschgesichter angucken. (Ich hätte da ein paar sehr schöne Links, aber die spar ich mir lieber, wg. Tagessätzen.)