Da ich in einem sozialen Netzwerk gestern und heute in eine Diskussion darüber gezogen wurde, ob Deutschland „mehrheitlich christlich“ (ist es nicht) oder wenigstens „traditionell christlich“ (ist es, wenn man die mehreren Jahrtausende heidnischer Tradition nicht berücksichtigt, damit das Narrativ wieder stimmt) sei und ob es einen moralischen Unterschied zwischen der „drohenden“ islamischen („Scharia“) und der bereits in Kraft getretenen christlichen Gesetzgebung (hierzu cf. die landesspezifischen Karfreitagsregelungen) gebe, was ich anzweifle, denn beiden ist gemein, dass mir eine religiöse Minderheit etwas verbieten will, kommt mir dieser Aufsatz von Ayaan Hirsi Ali gerade recht.
In selbigem beklagt sie, dass in der islamischen Gesetzgebung Frauen keinen leichten Stand haben, schafft es aber leider nicht, bei den Fakten zu bleiben:
Polygamie ist natürlich einseitig. Sie besteht aus einem Ehevertrag, in dem der Bräutigam viele Bräute haben kann, die Braut aber nur mit dem Bräutigam verheiratet sein kann.
Als Mitglied der polyamoren Community (ehedem verstand man darunter einen Zusammenschluss aus Freiwilligen, heutzutage kommt man anscheinend automatisch ohne Austrittsmöglichkeit in irgendwelche „Communitys“ rein, sobald man mit anderen Menschen irgendeine Gemeinsamkeit hat; ich gründe morgen die Community der Nasenhaber und ernenne mich zu deren Sprecher, niemand kann etwas dagegen unternehmen, hehe!), ich schrieb und sprach hierzu am Rande schon einmal etwas, beurteile ich diese doch recht patriarchalisch geprägte Sichtweise auf die Mehrbeziehung (mit oder ohne Ringe) als so naiv wie bedauerlich, schließt sie doch aus, dass Frauen in einer funktionierenden Partnerschaft jedenfalls hierzulande noch ein Wörtchen mitzureden haben.
Aus falschen Annahmen lassen sich oft nur falsche Schlüsse ziehen, so auch hier:
Nur eine Religion, die die Liebe zwischen den Partnern nicht als Grundstein der Ehe betrachtet, kann Polygamie zulassen.
Nur jemand, dessen Verständnis von Liebe eine einseitige Abhängigkeit erfordert, kann eine so schlichte Auffassung von Beziehungen haben. Eine Beziehung ist kein Besitzverhältnis. Wer zwei oder mehr Menschen liebt, der entzieht sich nicht seiner gemeinhin so verstandenen Pflicht. Schlimmstenfalls macht er sich selbst das Leben nur schwerer.
Um zu verstehen, woher Ayaan Hirsi Alis rückständiges Verständnis von Beziehungen und ihren Ausprägungen stammt, genügt es indes, diesen einen Artikel gelesen zu haben:
Ich bin mittlerweile der Ansicht, dass das Christentum und nicht der Säkularismus das eigentliche Glaubensbekenntnis ist, auf dem die meisten westlichen Praktiken und Überzeugungen beruhen.
Das, was „der Westen“ als Gesellschaftsvertrag für ein erträgliches Miteinander versteht, hat mit dem Christentum nur wenig zu tun. Bei den alten Römern (über die neuen Römer fehlen mir leider die Quellen) nannte man das, was heute als „christliches Weltbild“ verbrämt wird, schlicht humanitas, mithin: Menschlichkeit. Ich gehe davon aus, dass das Christentum in Ermangelung eines Christus zur Zeit Terenz’ und Ciceros, die jeweils bereits „v. Chr.“ den Unterschied von Mensch und Tier als solchen verschriftlicht hatten, noch wenig Einfluss auf die Gestaltung der paneuropäischen Ethik hatte.
Wir leben nicht in einem christlichen Land. Wir leben in einem Land, dessen grundlegende Werte übernommen worden sind, als das Christentum per Schwert und Gesetz seinen Gott zum führenden obersten Wesen zu erklären versucht hat. Eine gesunde Gesellschaft hält allerdings nur wenig von konservativ gemeinten Heilsvorstellungen einer Minderheit, die mit Dominanzgebaren fehlende überzeugende Inhalte zu kompensieren versucht. Wohl kaum jemand wurde in der Zeit der Bekehrung Europas zum Christen, weil er plötzlich nicht mehr die alten Götter als die seinen betrachtete, und zwar lebe nicht einmal ich schon lange genug, um hiervon selbst Zeuge sein zu können, doch ziehe ich ernsthaft in Zweifel, dass die Praktiken und Überzeugungen meiner vorchristlichen Vorfahren sich von den meinen, wissenschaftliche Erkenntnisse ausgenommen, wesentlich unterschieden haben. Der Mensch war zu allen Zeiten menschlich.
Es ist sicher nicht „der Säkularismus“, der „die meisten westlichen Praktiken und Überzeugungen“ geprägt hat, doch ist es noch weniger „das Christentum“, dessen Praktiken und Überzeugungen sich in Kreuzzügen, Hexenverfolgungen, Inquisitionen und nicht zuletzt Schwertmissionen äußern zu müssen meinten. Es ist das Menschsein; und der Mensch an sich stört sich nicht an gleichberechtigter Liebe. Monogamie und ‑amorie kamen bei unseren Vorfahren nicht vor. Ich bezweifle, dass sie — bei allem Weltschmerz, der sich zu allen Zeiten ändert — weniger glücklich waren als unsereins.
Ayaan Hirsi Ali ist 2023 zum Christentum konvertiert und begründete das wie folgt:
Glücklicherweise müssen wir nicht nach einem New-Age-Gemisch aus Medikamenten und Achtsamkeit suchen. Das Christentum hat alles.
Ich bin mir noch nicht abschließend sicher, ob das mit den Medikamenten so eine gute Idee war.

Das Christentum hat die Swingerclubs erfunden, gesellschaftlich etabliert und bezeichnet diese als “Orte der ungezwungenen Geselligkeit”. Oder gehen da nur konfessionslose Paare hin?
Kleine Anmerkung zum kommerziell organisierten Rudelbumsen: “Die Verblödung des Menschen beginnt mit dem Verlust des Schamgefühls!” (Adorno)
Amen.
Adorno hätte ich vorher nicht für einen Spießer gehalten.
Ein Spießer war er immer, aber einer der eben sehr vieles richtig erkannt und gesagt hat.
Die heidnische Tradition dürfte sich allerdings auf Lichterbaum und Osterei beschränken.
Weder werden heutzutage designierte Leichen im Moor versenkt noch sonstiges. Bäume werden weniger verehrt als Industrieanlagen in Wäldern und mehr fällt mir jetzt auch nicht ein.
Schwert und Schil… ähm… Gesetz waren und sind im Übrigen stets hilfreich, um dem sturen Pöbel Konsens zu lehren, so dass der sich auch ‘was merkt. Das hat der auf Diversity gebügelte Mithraskult nun nicht gerade exklusiv für sich.
Pah, so viel zur Traditionspflege!
Maibaum, Percht, Fastnach, ja selbst Halloween — die alten heidnischen Bräuche sind in vielen Regionen Europas noch gepflegt. Oftmals ist den Menschen die ursprüngliche Mythologie dahinter nicht mehr klar, da doe meisten die dieses Wissen hatten, bereits vor 1500 von Christen ermordet wurden.
Dass wir heutzutage über heidnisches Recht und Gesellschaftsnormen überwiegend negative Bilder erhalten haben, liegt daran, dass nahezu sämtlichen schriftlichen Beschreibungen der “Heiden” (die kein einheitliche Volk waren, sondern hunderte verschiedene) von den Siegern verfasst wurden – römischen Feldherrn und christlichen Mönchen und Nonnen – die nunmal aus ihrer Sicht schrieben und zu keinem Zeitpunkt einen wirklich umfassenden Einblick in irgendeine der alten Kulturen hatten.
Und klar klingt “Versenken im Sumpf” erst mal blöd, doch auch die in der Bibel empfohlende Steinigung von Ehebrecherinnen ist nicht weniger martialisch. Wir alle sind aber mittlerweile 2000 Jahre weiter und so manche Gepflogenheiten haben sich wieder und wieder dem Zeitgeist angepasst.
Wir leben zum Glück nicht mehr in einer christlich geprägten Gesellschaft, sondern in einer säkular geprägten Gesellschaft!
Sämtliche modernen Werte wurden in jahrhundertelangem Kampf blutig gegen die christlichen Kirchen errungen; die Deklaration der Menschenrechte ist das genaue Gegenteil “christlicher Werte”. Egal ob die Gleichberechtigung aller Menschen, die Abschaffung von Sklaverei, der Verzicht auf Bestrafung eines Vergehens in ähnlicher Form des Vergehens — all das wurde von säkularen Menschem seit der französischen Revolution erkämpft. “Auge um Auge” findet leider immer noch in zu vielen (christlichen) Köpfen statt, doch emtspricht sicherlich nicht mehr der Mehrheitsmeinung.
Wir brauchen daher keine neue Scharia, sondern müssen uns erst mal endgültig von christlichen Regeln verabschieden. So müssen in DE z.B. auch Angestellte sog. “kirchlicher Einrichtungen” endlich in den Genuss von Arbeitnehmerrechten kommen. (In den letzten Jahren gab es noch genügend Beispiele wo schwule Männer oder Frauen nach einer Abtreibung von ihrem Arbeitgeber gekündigt wurden, wenn dieser Caritas oder Diakonie hieß.)