Netzfundstücke
Medienkritik CXXIV: Ayaan Hirsi Ali stolpert über vorchristliche Ethik

Da ich in einem sozialen Net­zw­erk gestern und heute in eine Diskus­sion darüber gezo­gen wurde, ob Deutsch­land „mehrheitlich christlich“ (ist es nicht) oder wenig­stens „tra­di­tionell christlich“ (ist es, wenn man die mehreren Jahrtausende hei­d­nis­ch­er Tra­di­tion nicht berück­sichtigt, damit das Nar­ra­tiv wieder stimmt) sei und ob es einen moralis­chen Unter­schied zwis­chen der „dro­hen­den“ islamis­chen („Scharia“) und der bere­its in Kraft getrete­nen christlichen Geset­zge­bung (hierzu cf. die lan­desspez­i­fis­chen Kar­fre­itagsregelun­gen) gebe, was ich anzwei­fle, denn bei­den ist gemein, dass mir eine religiöse Min­der­heit etwas ver­bi­eten will, kommt mir dieser Auf­satz von Ayaan Hir­si Ali ger­ade recht.

In sel­bigem beklagt sie, dass in der islamis­chen Geset­zge­bung Frauen keinen leicht­en Stand haben, schafft es aber lei­der nicht, bei den Fak­ten zu bleiben:

Polyg­a­mie ist natür­lich ein­seit­ig. Sie beste­ht aus einem Ehev­er­trag, in dem der Bräutigam viele Bräute haben kann, die Braut aber nur mit dem Bräutigam ver­heiratet sein kann.

Als Mit­glied der polyamoren Com­mu­ni­ty (ehe­dem ver­stand man darunter einen Zusam­men­schluss aus Frei­willi­gen, heutzu­tage kommt man anscheinend automa­tisch ohne Aus­trittsmöglichkeit in irgendwelche „Com­mu­ni­tys“ rein, sobald man mit anderen Men­schen irgen­deine Gemein­samkeit hat; ich gründe mor­gen die Com­mu­ni­ty der Nasen­hab­er und ernenne mich zu deren Sprech­er, nie­mand kann etwas dage­gen unternehmen, hehe!), ich schrieb und sprach hierzu am Rande schon ein­mal etwas, beurteile ich diese doch recht patri­ar­chalisch geprägte Sichtweise auf die Mehrbeziehung (mit oder ohne Ringe) als so naiv wie bedauer­lich, schließt sie doch aus, dass Frauen in ein­er funk­tion­ieren­den Part­ner­schaft jeden­falls hierzu­lande noch ein Wörtchen mitzure­den haben.

Aus falschen Annah­men lassen sich oft nur falsche Schlüsse ziehen, so auch hier:

Nur eine Reli­gion, die die Liebe zwis­chen den Part­nern nicht als Grund­stein der Ehe betra­chtet, kann Polyg­a­mie zulassen.

Nur jemand, dessen Ver­ständ­nis von Liebe eine ein­seit­ige Abhängigkeit erfordert, kann eine so schlichte Auf­fas­sung von Beziehun­gen haben. Eine Beziehung ist kein Besitzver­hält­nis. Wer zwei oder mehr Men­schen liebt, der entzieht sich nicht sein­er gemein­hin so ver­stande­nen Pflicht. Schlimm­sten­falls macht er sich selb­st das Leben nur schw­er­er.

Um zu ver­ste­hen, woher Ayaan Hir­si Alis rück­ständi­ges Ver­ständ­nis von Beziehun­gen und ihren Aus­prä­gun­gen stammt, genügt es indes, diesen einen Artikel gele­sen zu haben:

Ich bin mit­tler­weile der Ansicht, dass das Chris­ten­tum und nicht der Säku­lar­is­mus das eigentliche Glaubens­beken­nt­nis ist, auf dem die meis­ten west­lichen Prak­tiken und Überzeu­gun­gen beruhen.

Das, was „der West­en“ als Gesellschaftsver­trag für ein erträglich­es Miteinan­der ver­ste­ht, hat mit dem Chris­ten­tum nur wenig zu tun. Bei den alten Römern (über die neuen Römer fehlen mir lei­der die Quellen) nan­nte man das, was heute als „christlich­es Welt­bild“ ver­brämt wird, schlicht human­i­tas, mithin: Men­schlichkeit. Ich gehe davon aus, dass das Chris­ten­tum in Erman­gelung eines Chris­tus zur Zeit Terenz’ und Ciceros, die jew­eils bere­its „v. Chr.“ den Unter­schied von Men­sch und Tier als solchen ver­schriftlicht hat­ten, noch wenig Ein­fluss auf die Gestal­tung der paneu­ropäis­chen Ethik hat­te.

Wir leben nicht in einem christlichen Land. Wir leben in einem Land, dessen grundle­gende Werte über­nom­men wor­den sind, als das Chris­ten­tum per Schw­ert und Gesetz seinen Gott zum führen­den ober­sten Wesen zu erk­lären ver­sucht hat. Eine gesunde Gesellschaft hält allerd­ings nur wenig von kon­ser­v­a­tiv gemein­ten Heilsvorstel­lun­gen ein­er Min­der­heit, die mit Dom­i­nanzge­baren fehlende überzeu­gende Inhalte zu kom­pen­sieren ver­sucht. Wohl kaum jemand wurde in der Zeit der Bekehrung Europas zum Chris­ten, weil er plöt­zlich nicht mehr die alten Göt­ter als die seinen betra­chtete, und zwar lebe nicht ein­mal ich schon lange genug, um hier­von selb­st Zeuge sein zu kön­nen, doch ziehe ich ern­sthaft in Zweifel, dass die Prak­tiken und Überzeu­gun­gen mein­er vorchristlichen Vor­fahren sich von den meinen, wis­senschaftliche Erken­nt­nisse ausgenom­men, wesentlich unter­schieden haben. Der Men­sch war zu allen Zeit­en men­schlich.

Es ist sich­er nicht „der Säku­lar­is­mus“, der „die meis­ten west­lichen Prak­tiken und Überzeu­gun­gen“ geprägt hat, doch ist es noch weniger „das Chris­ten­tum“, dessen Prak­tiken und Überzeu­gun­gen sich in Kreuz­zü­gen, Hex­en­ver­fol­gun­gen, Inqui­si­tio­nen und nicht zulet­zt Schw­ert­mis­sio­nen äußern zu müssen mein­ten. Es ist das Men­sch­sein; und der Men­sch an sich stört sich nicht an gle­ich­berechtigter Liebe. Monogamie und ‑amor­ie kamen bei unseren Vor­fahren nicht vor. Ich bezwei­fle, dass sie — bei allem Weltschmerz, der sich zu allen Zeit­en ändert — weniger glück­lich waren als unsere­ins.

Ayaan Hir­si Ali ist 2023 zum Chris­ten­tum kon­vertiert und begrün­dete das wie fol­gt:

Glück­licher­weise müssen wir nicht nach einem New-Age-Gemisch aus Medika­menten und Acht­samkeit suchen. Das Chris­ten­tum hat alles.

Ich bin mir noch nicht abschließend sich­er, ob das mit den Medika­menten so eine gute Idee war.

Senfecke:

  1. Das Chris­ten­tum hat die Swinger­clubs erfun­den, gesellschaftlich etabliert und beze­ich­net diese als “Orte der ungezwun­genen Gesel­ligkeit”. Oder gehen da nur kon­fes­sion­slose Paare hin?

    Kleine Anmerkung zum kom­merziell organ­isierten Rudel­bum­sen: “Die Verblö­dung des Men­schen begin­nt mit dem Ver­lust des Schamge­fühls!” (Adorno)

    Amen.

  2. Die hei­d­nis­che Tra­di­tion dürfte sich allerd­ings auf Lichter­baum und Osterei beschränken.
    Wed­er wer­den heutzu­tage desig­nierte Leichen im Moor versenkt noch son­stiges. Bäume wer­den weniger verehrt als Indus­triean­la­gen in Wäldern und mehr fällt mir jet­zt auch nicht ein.

    Schw­ert und Schil… ähm… Gesetz waren und sind im Übri­gen stets hil­fre­ich, um dem sturen Pöbel Kon­sens zu lehren, so dass der sich auch ‘was merkt. Das hat der auf Diver­si­ty gebügelte Mithraskult nun nicht ger­ade exk­lu­siv für sich.

    • Wed­er wer­den heutzu­tage desig­nierte Leichen im Moor versenkt noch son­stiges.

      Pah, so viel zur Tra­di­tion­spflege!

    • Maibaum, Per­cht, Fast­nach, ja selb­st Hal­loween — die alten hei­d­nis­chen Bräuche sind in vie­len Regio­nen Europas noch gepflegt. Oft­mals ist den Men­schen die ursprüngliche Mytholo­gie dahin­ter nicht mehr klar, da doe meis­ten die dieses Wis­sen hat­ten, bere­its vor 1500 von Chris­ten ermordet wur­den.

      Dass wir heutzu­tage über hei­d­nis­ches Recht und Gesellschaft­snor­men über­wiegend neg­a­tive Bilder erhal­ten haben, liegt daran, dass nahezu sämtlichen schriftlichen Beschrei­bun­gen der “Hei­den” (die kein ein­heitliche Volk waren, son­dern hun­derte ver­schiedene) von den Siegern ver­fasst wur­den – römis­chen Feld­her­rn und christlichen Mönchen und Non­nen – die nun­mal aus ihrer Sicht schrieben und zu keinem Zeit­punkt einen wirk­lich umfassenden Ein­blick in irgen­deine der alten Kul­turen hat­ten.

      Und klar klingt “Versenken im Sumpf” erst mal blöd, doch auch die in der Bibel emp­fohlende Steini­gung von Ehe­brecherin­nen ist nicht weniger mar­tialisch. Wir alle sind aber mit­tler­weile 2000 Jahre weit­er und so manche Gepflo­gen­heit­en haben sich wieder und wieder dem Zeit­geist angepasst.

  3. Wir leben zum Glück nicht mehr in ein­er christlich geprägten Gesellschaft, son­dern in ein­er säku­lar geprägten Gesellschaft!

    Sämtliche mod­er­nen Werte wur­den in jahrhun­derte­langem Kampf blutig gegen die christlichen Kirchen errun­gen; die Dekla­ra­tion der Men­schen­rechte ist das genaue Gegen­teil “christlich­er Werte”. Egal ob die Gle­ich­berech­ti­gung aller Men­schen, die Abschaf­fung von Sklaverei, der Verzicht auf Bestra­fung eines Verge­hens in ähn­lich­er Form des Verge­hens — all das wurde von säku­laren Men­schem seit der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion erkämpft. “Auge um Auge” find­et lei­der immer noch in zu vie­len (christlichen) Köpfen statt, doch emt­spricht sicher­lich nicht mehr der Mehrheitsmei­n­ung.

    Wir brauchen daher keine neue Scharia, son­dern müssen uns erst mal endgültig von christlichen Regeln ver­ab­schieden. So müssen in DE z.B. auch Angestellte sog. “kirch­lich­er Ein­rich­tun­gen” endlich in den Genuss von Arbeit­nehmer­recht­en kom­men. (In den let­zten Jahren gab es noch genü­gend Beispiele wo schwule Män­ner oder Frauen nach ein­er Abtrei­bung von ihrem Arbeit­ge­ber gekündigt wur­den, wenn dieser Car­i­tas oder Diakonie hieß.)

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