Vim – der dieser Tage meistverwendete Nachbau des BSD-Texteditors vi – ist bekanntlich ein Texteditor mit reichhaltigem historischem Ballast; immerhin gehen seine Ursprünge auf die Arbeit von Bill Joy, Führungsfigur der frühen BSD-Versionen, zurück. Ich bin nicht völlig unzufrieden damit, das Erbe des verstorbenen Bram Moolenaar fortzuführen, indem ich eine auf seinen Wunsch hin entstandene Windowsversion bis heute pflege.
Nun hat Vim den historischen Ballast von vi niemals völlig abgeworfen, und so ist es immer noch zumindest theoretisch möglich, eine Konfigurationsdatei aus vi in Vim zu nutzen. Dabei ist es neueren Entwicklungen (und bisweilen bewussten Entscheidungen) geschuldet, dass manche Optionen schlicht entfallen sind. Der alte vi lief auf Hardware, die heute kaum mehr existiert, entsprechend war er in mancher Hinsicht anders konfiguriert als das heutige Vim. In Vim gibt es daher bis heute – :help vi-differences – eine informative Hilfeseite, die über die Unterschiede informiert.
Zu diesen Unterschieden zählen auch Optionen, die mittlerweile nicht mehr vorhanden sind (und deren Vorhandensein insofern folgenlos bleibt). beautify zum Beispiel – Standard: aus. open – Standard: an. Und flash – Standard: unbekannt. Mooooooment. So etwas füttert immer meinen natürlichen Jagdtrieb. Andere Männer gehen tanzen und baggern, ich gehe alten Quellcode lesen. Es galt herauszufinden, wie die Standardeinstellung der flash-Option lautete. Wegen der Dokumentation. Ist wichtig.
Man sollte dazu wissen, dass vi als Erweiterung des nicht grafischen Texteditors ex von Bill Joy, den ich ja bereits erwähnt habe, als Teil von dessen Programmsammlung für Unix, der „Berkeley Software Distribution“ (BSD), entwickelt worden war. Die frühen Unix- und BSD-Versionen sind erfreulich vollständig dokumentiert, doch eine Option für flash ist nicht zu finden; selbst in V10 UNIX, der letzten Version von Unix, bevor dessen Schöpfer mit Plan 9 ein grundlegend neues System zu entwickeln begonnen hatten, ist die Option nicht zu finden, wohl aber in den bisher letzten Versionen von ex/vi, deren Ursprung auf verschiedene Varianten von vi zurückgeht. Fündig wurde ich schließlich im Quellcode von SVR2 („System V Release 2“), das 1984 von AT&T für den Superminicomputer VAX-11/780 veröffentlicht worden war; dort – anders als in der ersten Version von System V – tauchte die Option flash, standardmäßig „an“ (also „1“), anscheinend erstmals auf. Das ergibt durchaus Sinn, weil grafische Anzeigen damals noch eine recht neue Erscheinung waren und das Aufblitzen des Bildschirms insofern nicht als technisch möglich vorausgesetzt werden konnte.
In Vim 9.1.0413 ist diese Lücke in der Vimdokumentation insofern behoben worden. Die Änderung ist recht klein, und ich gehe davon aus, dass kaum jemand sie überhaupt bemerken wird. Um sie anzuregen, hat der Autor dieser Zeilen allerdings mehrere Stunden Arbeit investiert und dabei viel über die Unterschiede zwischen den verschiedenen Entwicklungszweigen von Unix gelernt.
Bitteschön.
