Im März 2021 schrieb ich, der Verödung von Innenstädten könne man mit dem Bau von Einkaufszentren keineswegs entgegenwirken. Einen nicht unerheblichen Aspekt hatte ich dabei noch gar nicht erwähnt.
Ich komme allmählich in das Alter, in dem ich so etwas wie eine Kneipenkultur entwickle. Ich denke offen darüber nach, das Wort künftig mit Doppel‑P zu schreiben, weil das dann so schön nach Fußbad und nicht hässlich nach „der alte Mann orgelt sich achtarmig Fusel rein“ klingt. Was davon im Übrigen zutrifft, überlasse ich der Fantasie des Lesers. In einer mir bis dahin unbekannten Kneipe in einer ansonsten nicht weiter interessanten Stadt jedenfalls geriet ich vor einer Weile – das passiert mir neuerdings des Öfteren – mit dem Wirt ins Gespräch, einem redefreudigen Auswärtsstämmigen, der es mehr oder weniger geschafft hat, sein mittlerweile eigenes Etablissement durch die Krise zu tragen. Das ist nicht allen gelungen, was ich bedaure.
Es war ein eher ereignisarmer Wochentag, weshalb man in dieser Kneipe kein enthemmtes Gedränge vorfand, sondern eine einstellige Zahl an Gästen, die sich im Laufe des Abends auf drei reduzierte. Es sei ja, klagte der Wirt, nicht mehr so viel los, seit die Leute sich daran gewöhnt haben, abends blöde zu Hause zu sitzen. Schon zuvor allerdings war ein gesellschaftlicher Wandel zu erkennen und die da oben sind daran schuld.
Vor etwa zwanzig Jahren boomte (also bumste) die Bautätigkeit der in mehrerlei Hinsicht stillosen ECE Group in Niedersachsen, mehrere Städte erhielten unfassbar hässliche Einkaufszentren anstelle der zuvor an derselben Stelle befindlichen Parks oder sonstigen Flächen. Dass kurz darauf der Internethandel dazu führen würde, dass zusehends mehr Menschen sich das alberne Geschubse in diesen Geschäften schlicht ersparen würden, hätte man zwar ahnen können, aber es hat ja auch offenbar niemand von Belang danach gefragt. Jetzt stehen die Klötze da und keiner will mehr rein. Tja.
Zu denjenigen Gebäuden, die vor ein paar Jahren auf Geheiß eines anderen Investors einem Einkaufszentrum weichen mussten, gehörte in mindestens einer Stadt auch eine seit Jahrhunderten etablierte Kneipe. Das ist zwar, für sich genommen, zunächst einmal nur eine einzelne Anekdote, aber das Ausdünnen der Kneipenlandschaft bei gleichzeitiger rasanter Ausdehnung von Läden beobachte ich mittlerweile hinreichend lange, so dass ich mindestens eine Korrelation erkenne: je mehr Konsum, desto weniger Geselligkeit.
Man kommt im Supermarkt nicht mal eben mit Fremden ins Gespräch, sieht man von den Panikhamstern jeden Sonnabend – morgen is’ zu, morgen is’ Weltuntergang – ab, die Umstehende gern darauf hinweisen, dass ihresgleichen zu lange an der Kasse steht, wenn ihresgleichen vor ihnen dran ist. Ein Herumgedrücke auf dem Smartphone ersetzt kein Bruderschafttrinken am Altholztisch. Auf Supermarktregalen hinterlässt niemand (warum eigentlich nicht?) seltsame Zeichnungen oder wenigstens die Anekdote, er sei „hier gewesen“. Der Mensch vereinsamt nicht wegen des Digitalen, sondern, weil er mit der Abschaffung des Analogen ins Digitale getrieben wird. Biertrinken vor’m Computer ist unbefriedigend, so lange der Körper nicht danach verlangt. Dann allerdings ist es für vieles zu spät, was auch – gerade – eine Kneipe nicht mehr zurückholen könnte.
Mehr Einkaufszentren zu und mehr Kneipen auf. Eingekauft wird online, gefeiert wird, wo Platz ist. Was spricht eigentlich dagegen?

Und wenn wir schon dabei sind, könnte man auch gleich den einen oder anderen Metalschuppen wiederbeleben 🤘
Kneipe muss man sich auch leisten können. Bei 5 bis 8 € für den Halben gehen viele nicht mehr mit. Früher gab’s sogar noch Partykeller, wo die Leute sich getroffen haben. Ob das wiederkommt? Wohl eher nicht.
Zu viel Narzissmus ist zwar gut für geringe Alkpegel, aber nicht für die Gesellschaft und die Geselligkeit. Vorbild ist hier natürlich die IT, wo jedes narzisstische System zu Hause ist. Wo wendet man aggressives Mikromanagement sonst noch an? Bei Junkies und Gestörten. So war das zumindest mal.
Einkaufszentren muss man sich aber auch leisten können. In Braunschweig gibt’s noch Bier für unter 4 Euro. Wird aber auch weniger.
Partykeller sind „im Osten“ (meinem Osten ;-)) nie ausgestorben. Kneipe wäre mir auch lieber, aber in der Tat muss man sich diese leisten können. Einmal im Monat muss es reichen, häufiger wird schwer und dabei kennt man „sich hier“ noch :-(.
EKZ sind folgerichtig auch nur noch im Osten der Schlager. Die gehen zwar im ReWe oder Edeka (oder, oder, oder) schauen, kaufen dann aber beim Groschenmarkt (…).
ist eigentlich noch die Dreiprozentregel beim Kaufhaus aktiv (Schwund)? Oder kommt man da inzwischen auf 25, so alles zusammen?
Muss ja irgendwo herkommen, dass das Sicherheitssystem mehr kostet, als der Angestellte inkl. Rente.
Im Wesentlichen halten sich die Malls doch nur, wegen den Filmen und Serien und den Klamotten, da immer weniger dabei online Shoppen können, weil die schon mit 9 aus den Leim gehen, nicht erst ü50.
Tatsächlich ist mitunter nen Kasten Bier von der Flaschenpost billiger, als wenn Du ihn selbst nach Hause schleppst (wenn man die eigene Zeit als Arbeitszeit rechnen würde).
Das Shoppingding habe ich eh nie verstanden. Aber den Leuten geht es offenbar um das Bad in der Menge. Kann man auch gut an den sog. Parties ablesen. 50000 Leute auf engstem Raum und jeder will cooler aussehen als der andere und alle zücken das gleiche Smartphone. Hätte früher so nicht funktioniert. Da musste schon Ringelpilz mit Anfassen her. Wer Ölsardinenfeeling brauchte, ist eh auf ein Metalfestival mit am Markt bekannten Bands gegangen und hat sich da konservieren lassen.
Man kann sich nur wundern, dass die Spießbürger sowas besetzen. Der Markt war nie für die gedacht. Aber selbst Punk ist daran verstorben.
Du merkst, dass Du alt bist, wenn neben Dir Oma & Opa sitzen, sich unterhalten und dabei House & Techno aus derem Brüllwiürfel dröhnt ohne das Beschwerdelamentis folgen
Apropos Kneipenkultur. Ich hätte da nen Tipp für Dich. Etwas längsseits der Sturmfestenmetropole, wo die Handballer ursprünglich spielten, gab es einen Laden namens Ente. Zwar ein bisschen zu groß für meinen Geschmack, aber sehr gemischtes Publikum, prima Bedienung und zumeist gute Getränke und vom Geronten bis zum aufgemotzten Teeny sprachen sogar alle miteinander, obwohl sie nicht verwandt waren.
Den Laden kann man mit Bimmelbahn und Pedes ganz gut erreichen.
Wenn der Laden sich das so beibehalten hat, wäre er einen Ausflug wert.
Hier, im tiefsten Osten, halten sich die Eckkneipen nur über den Tiefpreis. Den erreichen sie meist nur, indem sie halt auch Spielautomaten anbieten (und weil Geld gewaschen werden will). Da kommt dann halt auch nicht unbedingt das Klientel rum, mit der man morgen in den Urlaub fährt. Man erlebt allerdings oft was.