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Medi­en­kri­tik CXXI: Ster­ne sehen mit der „emo­ti­on“

emotion 01/02 2023„Hur­ra: Es wird ein Kraft­jahr!“ Wie könn­te ich einem Maga­zin wider­ste­hen, das sol­che voll­mun­di­gen Ankün­di­gun­gen in mein Blick­feld setzt? Daher griff ich zu und bin daher nun im Besitz der aktu­el­len Aus­ga­be des Maga­zins „emo­ti­on“ – Unter- bzw. Über­ti­tel: „Für Frau­en, die ihren Weg gehen“. Hur­ra.

Im Leit­ar­ti­kel führt „Chef­re­dak­teu­rin und Löwe“ Frie­de­ri­ke Trud­zin­ski aus, dass eine desi­gnier­te Astro­nau­tin ihr Heft im Wesent­li­chen bescheu­ert genannt habe, weil es Horo­sko­pe ent­hal­te, aller­dings kom­men „die mei­sten von uns“, wie sie wei­ter schreibt, „den Ster­nen nie näher als beim Horo­sko­pe­le­sen“. Ich habe schon Schnaps getrun­ken, der mich den Ster­nen näher gebracht hat­te als jedes Horo­skop, aber ich bin auch kein Idi­ot und somit nicht unbe­dingt Teil der klas­si­schen Ziel­grup­pe der „emo­ti­on“.

Nicht mal drei­ßig der 148 Maga­zin­sei­ten sind nach erster Schät­zung als rei­ne Wer­bung zu ver­ste­hen. Einer­seits wüss­te ich gern, wie die „EMOTION Ver­lag GmbH“ sich die Pro­duk­ti­on über­haupt lei­sten kann, ande­rer­seits ist die Gefahr zu groß, dass ich so Din­ge erfah­re, die ich nicht hät­te wis­sen sol­len.

Die­se Aus­ga­be der „emo­ti­on“ (auch eine inter­es­san­te Idee für’s Kapi­tal: „dort vorn geht’s zur Emo­ti­ons­aus­ga­be“) hat also zum Schwer­punkt die Astro­lo­gie. Das drei­zehn­sei­ti­ge „Jah­res­ho­ro­skop“ ver­spricht, pro „Stern­zei­chen“ kate­go­ri­siert in „Her­zens­sa­chen“, „Job-Chan­cen“ und „Mars-Mis­si­on“, wobei letz­te­re Kate­go­rie den Ein­fluss des Pla­ne­ten Mars zusam­men­fas­sen soll oder so. Weil kei­ner außer mir gro­ße Lust haben dürf­te, den eso­te­ri­schen Quatsch zu lesen, kann ich – alles für die Leser! – froh ver­kün­den: Nie­mand wird lan­ge unglück­lich im Beruf sein und alle wer­den irgend­wie her­zens­zu­frie­den sein. „Sex ist jetzt dei­ne schön­ste Ent­span­nungs­me­tho­de“, ver­spricht mir etwa „mein“ Horo­skop für Novem­ber und Dezem­ber 2023. Unklar, womit ich mich vor­her ent­span­nen soll. Lei­der bin ich zu früh gebo­ren; eine „gute Zuhö­re­rin“ sind nur die Spä­ter­ge­bo­re­nen (m/w/d). Sieh­ste, Chef. Ich hab’s schrift­lich: ich kann nichts dafür.

In einer falsch „Dos­sier“ beschrif­te­ten Kolum­ne beant­wor­tet Prof. Dr. Ange­li­ka Zir­ker, „Pro­fes­so­rin für eng­li­sche Lite­ra­tur an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen“, die Fra­ge, ob fan fic­tion „die bes­se­re Lite­ra­tur“ sei. Nun kann das bekann­te­ste Werk der fan fic­tion, die Bibel, im direk­ten Ver­gleich mit dem ersten Platz der „SPIEGEL“-Bestsellerliste Ende Okto­ber 2002, der „Auto­bio­gra­fie“ Die­ter Boh­lens, dies­be­züg­lich kaum über­zeu­gen, trotz­dem schafft Prof. Dr. Ange­li­ka Zir­ker, „Pro­fes­so­rin für eng­li­sche Lite­ra­tur an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen“, es, die in der Über­schrift gestell­te Fra­ge nicht zu beant­wor­ten, son­dern statt­des­sen die völ­lig ande­re Fra­ge zu beant­wor­ten, was fan fic­tion über­haupt sei und wel­che Aus­wir­kun­gen sie auf die Gesell­schaft habe. Kann ich ja ver­ste­hen, es war ein­fach nicht genug Platz im Druck, denn direkt dar­auf folgt ein Gespräch mit Tokio Hotel. Wie lan­ge habe ich geschla­fen?

In einem ande­ren Rück­griff auf olle Kamel­len lässt Sarah Kess­ler „Poli­ti­ke­rin­nen von SPD, Grü­nen und FDP sowie zwei Exper­tin­nen“ (ich nei­ge dazu, das als Kon­tra­va­lenz zu ver­ste­hen) einen „gro­ßen ‚Gedöns‘-Check“ durch­füh­ren, indem der Ein­fluss des Femi­nis­mus und des Que­er­ak­ti­vis­mus auf die zeit­ge­nös­si­sche Poli­tik mit einem Rück­griff auf ein olles Ger­hard-Schrö­der-Zitat über­prüft wird. Die erste Fra­ge geht an Ulle Schauws von den Grü­nen, die gefragt wird, ob der Part­ner der Fra­ge­stel­le­rin eine grö­ße­re Gefahr für sie sei als Krebs, wor­auf­hin Ulle Schauws ant­wor­tet, „sol­che Ver­glei­che“ sei­en „schwie­rig“. Das Niveau bleibt unge­fähr so, bemer­kens­wert sind anson­sten eigent­lich nur die Fra­ge an Leni Brey­mai­er (SPD und auch sonst merk­wür­dig drauf), war­um „trans Frau­en“ kein Blut spen­den dürf­ten, obwohl „trans“ doch ein Adjek­tiv ist und es daher „tran­se Frau­en“ hei­ßen müss­te, und die Ant­wort von Leo­nie Stamm („Exper­tin“) auf die Fra­ge, was eigent­lich die von Anna­le­na Baer­bock beschwo­re­ne „femi­ni­sti­sche Außen­po­li­tik“ sei, näm­lich eine Außen­po­li­tik, die „nicht mehr nur die Sicher­heit des Staa­tes“, „son­dern die Sicher­heit von Indi­vi­du­en“ berück­sich­ti­gen möch­te. Kennt man ja: Staat ist, wenn es kei­ne Men­schen gibt.

„Tra­vel-Blog­ge­rin Sele­na Tay­lor“ wird in einem Rei­se­be­richt aus Lech am Arl­berg in Öster­reich mit den Wor­ten zitiert, sie füh­le sich beim Blick auf die dor­ti­ge Land­schaft „wie in einer Schnee­ku­gel“. Man möch­te der Dame Schwin­del­ta­blet­ten geben.

Am 1. Febru­ar 2023 soll die näch­ste Aus­ga­be der „emo­ti­on“ erschei­nen, dann unter ande­rem mit einem Text zum The­ma „bewuss­tes Atmen“ bezie­hungs­wei­se zum Besuch eines „Atem-Retre­ats“. Fühlt ihr euch auch schon so kräf­tig?

Senfecke:

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