Über die derzeitigen militärischen Vorgänge in “der” Ukraine wird dieser Tage vieles geschrieben. Einiges davon ist weniger blöd als anderes.
Ein bisher kaum beachteter Aspekt ist der religiöse, und weil ich ja viele (aus Versehen) merkwürdige und (absichtlich) eher ungesellige Hobbys habe, zu denen Kulturgeschichte zählt, fällt mir dazu gerade etwas ein. Das Heidentum, die Wurzel “des Westens”, das vor etwa 1.100 Jahren (plus/minus 100 Jahre) von ein paar egozentrischen Gewalttätern zugunsten des Glaubens an die jenseitige Heilkraft eines jüdischen Wanderpredigers vermeintlich “besiegt” worden war, hatte, wie spätestens seit der (historisch inakkuraten) Serie “Vikings” allgemein bekannt sein dürfte, auch bei den Rus (im heutigen Kriegsgebiet) seine Anhänger; erst im Jahr 988 wurde das Christentum zur Kiewer Staatsreligion. Wie das mit dem Glauben aber so ist, kriegt man ihn zwar aus dem Mund, jedoch nicht aus dem Kopf herausgeprügelt.
In der Volkszählung (PDF, russisch) für das Jahr 2010 — seitdem sind es vermutlich nicht deutlich weniger geworden — haben sich etwa 1,7 Millionen Russen als Heiden ausgewiesen, davon etwa 44 Prozent slawische Heiden, zum Rest zählten auch germanische Heiden und Druiden. In “der” Ukraine, einem deutlich kleineren Land, wurden vor einigen Jahren etwa 0,2 Prozent slawische Heiden gezählt, was immer noch ein paar Tausend sind.
Ihnen gemein ist, dass sie sich im Kampf um den Donbass jeweils auf eine der beiden Seiten geschlagen haben. Dies dürfte das erste Mal seit einiger Zeit sein, dass Anhänger von Þórr (slawisch Перýн, Perun) einander die Köpfe einschlagen bzw. ‑schießen, weil sie der Ansicht sind, die Götter seien auf ihrer Seite und nicht auf der des Gegners. “Odin”, übersetzte Karl Simrock aus der Völuspá, schleudere “das Geschoss in das Heer: da wurde Kampf in der Welt zuerst”. Es erstaunte mich kaum, fiele in der innerukrainischen Diskussion über die derzeitige militärische Situation kein Synonym für die Götterdämmerung. Dass ich mal Zeitzeuge einer Wikingerschlacht sein würde, hatte ich jedenfalls so nicht erwartet.
Diese Fahrt ist sehr übel und gar nicht wikinggemäß.
Egils saga, Kap. 46; übersetzt von Felix Niedner

