Musik
Ich mag die Beatles nicht.

Im Novem­ber 2021 soll — wer­be­fre­undlich von einem auf drei Filme gestreckt, was die Absicht dahin­ter bere­its vor­weg­n­immt — eine “neue” Doku­men­ta­tion von Peter Jack­son (“Brain­dead”) erscheinen, die sich mit den Bea­t­les beschäftigt. Vertreiben soll’s Dis­ney, was eine passende Kom­bi­na­tion ist, denn mit Vertreiben ken­nt Dis­ney sich eben­so aus wie damit, dass dauernd irgendw­er singt und dem Pub­likum das ganz fürchter­lich auf den Weck­er fällt.

Als weit­ere Gemein­samkeit hat­te ich aus­gemacht, dass Dis­neypro­duk­tio­nen wie auch die Bea­t­les eigentlich vor allem für gefäl­lige Bespaßung ein­er genügsamen Masse geeignet sind. Ich habe allerd­ings den ver­meintlichen Fehler began­gen, diese Beobach­tung öffentlich kundzu­tun. Ich rate unbe­d­ingt davon ab, sich öffentlich kri­tisch über beliebte Berühmte zu äußern, sofern an Har­monie gele­gen ist. Mir per­sön­lich ist Har­monie in Musikdin­gen ander­er­seits fremd, wie wiederkehrende Kom­men­ta­toren an dieser Stelle oft anmerken. Dies­mal nicht, dies­mal mache ich das selb­st. Ätsch.

Die Bea­t­les seien doch die am aller­meis­ter­er verkauftesten meistverkauftesten (ich wasch’ mir gle­ich die Tas­tatur mit Seife aus) Musik­er aller bish­eri­gen, gegen­wär­ti­gen und zukün­fti­gen Zeit­en und es sei erschreck­end, dass ger­ade ein Pro­gres­sive-Rock-Hör­er — gemeint war ich — sich als so unkundig erweise, dass er die Grandiosität ein­er Band, deren Pub­likum nicht grund­los kreis­chend in Ohn­macht gefall­en war, nicht anerkenne, ertönte es aus meinem Pub­likum. Mein Ein­wand, dass an Rihan­na (immer­hin unge­fähr eine Viertelmil­liarde bish­er verkaufter Kopi­en von Musikalben) im Ver­gle­ich mit ihren Stilkol­le­gen nun auch nichts beson­ders über­ra­gend sei, wurde mit dem Hin­weis quit­tiert, sie (Rihan­na) habe aber nicht nur eine schöne Stimme, son­dern schreibe manch­mal sog­ar einen Teil der von ihr darge­bote­nen Texte selb­st. Das sei ja großar­tig, antwortete ich, dass jemand zu den derzeit bestverkauften Musik­ern gezählt wer­den könne, obwohl er sog­ar selb­st etwas dazu beitrage.

Der Beat­leszwist war damit aber noch immer nicht beigelegt, denn es stand noch die Behaup­tung im Raum, dass man mit schlechter Musik wohl kaum ein so großes Pub­likum anziehen kön­nte. Dieser Behaup­tung das Beispiel Phil Collins ent­ge­gen­zuhal­ten erschien selb­st mir nicht zum The­ma passend, daher erwähne ich es auch hier nur aus Unter­hal­tungs­grün­den. Bei den Bea­t­les war der Erfol­gs­fak­tor aber nicht ihre irgend­wie aufre­gend neue Musik (ich möchte hier­mit aus­drück­lich als bezweifelt kund­tun, dass es im Rah­men irgen­dein­er Veröf­fentlichung der Bea­t­les über­haupt zu ein­er musikalis­chen Neuerung kam, die es bis dahin nie gegeben hat­te), son­dern, dass ihre ersten pro­fes­sionellen Auf­nah­men von ein­er ver­mark­tungs­freudi­gen Plat­ten­fir­ma unter­stützt wor­den waren. Die “Beat­le­ma­nia” habe 1964 ihren Höhep­unkt erre­icht, behauptet die deutschsprachige Wikipedia; in diesem Jahr erschienen das dritte (“A Hard Day’s Night”) und das vierte (“Bea­t­les for Sale”) Stu­dioal­bum der Gruppe. Bei­de enthiel­ten auss­chließlich zeit­typ­is­che Pop­musik und eignen sich mein­er Mei­n­ung nach kaum, um eine beson­dere musikalis­che Großar­tigkeit der vier Musik­er zu beweisen. Aber immer­hin: Sie haben sog­ar einen Teil der Lieder selb­st geschrieben.

Dass die Bea­t­les um 1966 herum — sie gaben bald keine Konz­erte mehr und waren trotz­dem erfol­gre­ich (und zwar noch, nicht schon) — zumin­d­est weniger schlechte (wenn auch kaum inno­v­a­ti­vere — Psy­che­del­ic Rock war damals auch keine beson­ders bemerkenswerte Sel­tenheit) Musik aufzunehmen began­nen, was ich für eine unmit­tel­bare Folge ihres mas­siv­en Dro­genkon­sums zu hal­ten gewil­lt bin, führt die bei­den getren­nten Aspek­te “Qual­ität der Musik” und “Verkauf­szahlen” aber auch nicht zusam­men. Ein weniger pop­uläres Beispiel, mit dem dieser Effekt belegt wer­den kön­nte, ist die Band Talk Talk: Mit radiokon­former Musik, die dem Zeit­geist fol­gte, wur­den sie groß und reich, die wirk­lich guten, weil musikalisch inter­es­san­ten Alben (allen voran “Spir­it of Eden”) aber fan­den kein annäh­ernd so großes Pub­likum. Ger­ade ein Pro­gres­sive-Rock-Hör­er ver­ste­ht den Unter­schied zwis­chen “wird viel gekauft” und “ist ungewöhn­lich” und käme kaum jemals auf die Idee, da uniro­nisch eine Kausal­ität ein­fü­gen zu wollen.

Man nehme nun nicht an, ich empfände für die Bea­t­les ähn­lich wie für die meis­ten anderen Pop­grup­pen, denn tat­säch­lich besitze ich sog­ar Kopi­en weniger ihrer Alben und unter­stelle, dass sie (anders als spätere Musik­er) richtige Instru­mente akzept­abel benutzen kon­nten; auch möchte ich keines­falls den Ein­druck entste­hen lassen, es gebe kein einziges Lied der Bea­t­les, das ich wirk­lich mögen würde. Ich gebe aber zu bedenken: Sind die meist­ge­spiel­ten und ‑nachge­spiel­ten Lieder der Bea­t­les deshalb so beliebt, weil sie so gut sind, oder, weil sie so ein­fach sind? (Wer zu erster­er Antwort tendiert, dem hänge ich noch eine artver­wandte Frage an: Ist “Won­der­wall” wirk­lich so ein bril­lantes Musik­stück, dass es jed­er spie­len will?)

Die Musik der Bea­t­les sei doch zweifel­los große Kun­st, die nur einem Banau­sen ver­schlossen bleibe, wurde mir ent­geg­net. Ich bin geneigt zu meinen, dass das Erken­nen großer Kun­st auch eines größeren Geistes ver­mag. Das ver­ste­he man nach Belieben.

Senfecke:

  1. Ger­ade wenn man sich die “Best of”-Alben anhört sieht und hört man ganz deut­lich die Diskrepanz von “am meis­ten verkàuft” und “wirk­lich” aussergewöhn­lich.
    Nehmen wir, da Du die Bea­t­les erwähnst, die “dt.” Bea­t­les, näm­lich The Rat­tles. Die haben unzäh­lige “Best of” verkauft, nur um damit ständig die gle­ichen belan­glosen “am meis­ten verkàuften ‘Hits’ ” zu füllen. Wenn dann ein “Ken­ner” den Comp. zusam­mengestellt hat find­et man tat­säch­lich geniale Songs wie deren Garage Stom­per “It’s alright” (wobei das eigentlich wirk­lich gute Lied “It’s my fault” auf keinem zu find­en ist).
    Die Moral von der Geschichte und was ich eigentlich sagen will ist, dass “Best of”-Alben massenkom­pat­i­ble Belan­glosigkeit ist mit denen die “super­tollen” Bands berühmt gewor­den sind. Die eigentlichen Inno­va­tio­nen find­et man i.d.R. ver­steckt auf den B‑Seiten.

    “Aber die am meist verkauften…” ist für mich das gle­iche däm­liche Nicht-Argu­ment wie “…aber das tut doch jed­er”.

  2. Nun, ich mag die Bea­t­les. Obwohl ich noch ein Bub war und sie ger­ade ken­nen­lernte, als sie 1970 schon zu Ende waren. Also war ich qua­si gezwun­gen, kurz darauf Pro­gres­sive-Rock-Fan zu wer­den. Was ich bis heute bin, und gerne dazu. Obwohl es eigentlich schon ab ca. 1975 etwas pein­lich zu wer­den begann, diese ProgRock-Sache. Die Plat­ten­fir­men hat­ten gesiegt, die Stücke wur­den Radio-kurz und Stro­phen-Refrain-LaLaLa, und die Bands began­nen, sich langsam, aber sich­er zu zer­legen. Dann fol­gten jew­eils die end­losen Best-Of-Jahre und Tourneen mit Aufgewärmtem. Eine mein­er (dama­li­gen) Lieblings­bands, Yes, tut das ja im Grunde bis heute oder wenig­stens bis kür­zlich. 8 Jahre seit 1969 sagen­haft gut und (!) erfol­gre­ich, danach nicht mehr, statt dessen ständi­ge Zer­legung und Wiederzusam­men­fü­gung, ohne jemals wieder echt pro­duk­tiv zu sein. Das haben die Bea­t­les zumin­d­est bess­er und vor allem nicht der­art pein­lich gemacht.

    Im Grunde ist doch die einzige ProgRock-Band, die seit ’69 weit­ge­hend ohne Pein­lichkeit bis zulet­zt for­tex­istierte, King Crim­son.

    Zum Glück habe ich dann irgend­wann ein­mal Steven Wil­son und Por­cu­pine Tree ken­nen­gel­ernt, damit war das unan­genehme Gefühl weg, mich entschuldigen zu müssen, wenn ich erwäh­nte, dass ich seit den Siebzigern ProgRock-Fan bin.

    Wie gesagt, ich mag die Bea­t­les, auch wenn ich sie kaum noch höre. Die haben sich aufgelöst, als es ger­ade noch nicht pein­lich zu wer­den dro­hte, und waren dann weg und sofort Leg­ende. Die Stones haben sich für’s ganz langsame Senilieren entsch­ieden und wer­den bald auf der Bühne plöt­zlich zu Staub zer­fall­en.
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