Sonstiges
Schmun­zelt­wit­ter ent­po­li­ti­siert

Neu­lich las ich in einem zu einer Par­tei gehö­ren­den Forum die Fra­ge, was die Par­tei tun kön­ne, um in sozia­len Medi­en (etwa auf Twit­ter) um mehr Auf­merk­sam­keit für sich zu wer­ben. Die­se Fra­ge hat mich erschüt­tert, denn bereits der Fra­ge­stel­ler geht von fal­schen Annah­men aus.

Ich blei­be hier argu­men­ta­tiv bei Twit­ter, denn die­ses gal­li­sche Dorf wei­gert sich stand­haft, für den weni­ger poli­ti­schen und dem­ago­gi­schen Aus­tausch unin­ter­es­sant wer­den zu wol­len: Auf Twit­ter haben sich die mei­sten Men­schen, die mir dort bis­her begeg­net sind, zum hei­te­ren Aus­tausch zwi­schen All­täg­li­chem, Alber­nem und Bis­si­gem ein­ge­fun­den, ich selbst bereits im April 2008. Nie­mals ver­misst habe ich dort Pro­dukt­in­for­ma­tio­nen, weder für Penis­pil­len noch für irgend­wel­chen Smart­quatsch und erst recht nicht für sei­ten­lan­ges halb­ga­res Geschwall („Par­tei­pro­gram­me“) zugun­sten von Men­schen, die mir nichts ver­kau­fen wol­len außer sich selbst. Ich habe über­haupt kein Inter­es­se an Wahl­emp­feh­lun­gen in Bus, Bahn und im Freun­des­kreis – aber genau letz­te­re Art der Zusam­men­kunft war es, der Twit­ter irgend­wann so ähn­lich sah, dass schon bald begon­nen wur­de, rau­schen­de Feste mit­ein­an­der zu pla­nen. Hät­te dort jemand ver­sucht, Par­tei­pro­gram­me zu ver­tei­len, man hät­te ihn wohl kein zwei­tes Mal gese­hen.

Selbst­re­dend gibt es auch auf Twit­ter längst die Mög­lich­keit, sich frei­wil­lig von Par­tei­po­li­ti­kern berie­seln zu las­sen – man kann ihnen und/oder den zuge­hö­ri­gen hash­tags ein­fach fol­gen. Von sei­nen Aktio­nä­ren, nicht aber von sei­nen Nut­zern je gewollt war es, dass dort akti­vi­sti­sche Klin­ken­put­zer unge­be­ten in die time­line rie­seln und für die eige­ne Sache wer­ben. Einer der bizarr­sten Aus­wüch­se die­ses Trei­bens scheint es mir zu sein, dass Par­tei­en, die man nur in Wahl­jah­ren über­haupt wahr­nimmt (etwa Volt), nur weni­ge Mona­te vor einer Wahl von Stil­le auf Dau­er­feu­er umschal­ten – irgend­was wird schon hän­gen blei­ben – und damit sogar Erfolg haben.

Das war so nie gedacht. Ein sozia­les Netz­werk dient der Unter­hal­tung, es ist kei­ne Lit­faß­säu­le, kein Pro­dukt­ka­ta­log, kei­ne Platt­form und kein Markt. Die Kri­se (immer noch: Coro­na) hat dar­an eigent­lich nur wenig geän­dert, aber es wird zuse­hends schwie­ri­ger, der stän­di­gen Dis­kus­si­on dar­über, wie furcht­bar das alles ist und wer wohl dar­an schuld sei, zu ent­kom­men. Das geht so weit, dass Schmun­zelt­wit­ter (ein Begriff, der maß­geb­lich als Beschimp­fung für Wit­zet­wit­ter in Abgren­zung zu Politt­wit­ter genutzt wur­de, jedoch inzwi­schen – wie auch „Musik­pi­ra­ten“ in ande­rem Kon­text – als stol­ze Selbst­be­zeich­nung ver­wen­det wird; als sei es eine Unver­schämt­heit, auch mal sei­ne Ruhe vor 24 Stun­den Bun­des­tags­fern­se­hen haben zu wol­len!) lang­jäh­ri­ge Mit­glie­der ver­liert, die ent­nervt auf­ge­ben, sich der Empör­wel­le zu wider­set­zen. (Hier, wir set­zen eine neue Sau ins Dorf. Schnell! Schreib was dazu, Pas­sant! Schreib was, oder gehörst du zu denen? Zu denen? Eben. Los, los, da hin­ten kommt schon die näch­ste! Und – oha – im Sep­tem­ber sind Wah­len. Wähl uns! Kriegst auch einen Kugel­schrei­ber, wenn wir uns mal sehen. Bleib gesund – das wün­schen wirk­lich nur wir, Ehren­wort – wir wie­der­ho­len: Ehren­wort.)

Geduzt wird immer, Duzen senkt die Hür­de des lästi­gen gegen­sei­ti­gen Respekts. Gleich­zei­tig wol­len sie selbst aber natür­lich zu Hau­se nicht mit Wer­bung belä­stigt wer­den, man­che haben Spam­fil­ter im Mail­pro­gramm und eini­ge weni­ge sicher­lich sogar einen Wer­be­blocker im Web­brow­ser. Wer­bung ist es nur, wenn es die ande­ren tun, die eige­nen Pro­dukt­in­for­ma­tio­nen sind aber ein Dienst an der Demo­kra­tie. Nicht, dass die Leu­te noch die Bösen wäh­len. Die hal­ten sich ja auch nicht an das „Bit­te kei­ne Wer­bung einwerfen“-Schild. Dabei ver­ste­hen sie nicht, dass die mei­sten von uns – sofern nicht ohne­hin bereits poli­ti­ker­ver­dros­sen – längst eine par­tei­po­li­ti­sche Prä­fe­renz haben, die aber nicht zum wesent­li­chen Inhalt unse­res all­täg­li­chen Mit­ein­an­ders wer­den soll­te und dar­um auch nicht wird. Wir reden mit dem erwei­ter­ten Freun­des­kreis auf Par­tys, ob online oder echt, nur inner­halb eines gewis­sen Pegel­rah­mens nicht haupt­säch­lich über Poli­tik und Wirt­schaft, wir trei­ben statt­des­sen Scha­ber­nack, trin­ken liter­wei­se Unsinn aus unsin­ni­gen Glä­sern und erlau­ben uns viel­leicht auch mal einen Flirt. Nie­mals kämen wir aber auf die Idee, haupt­säch­lich dar­über zu dis­ku­tie­ren, wel­cher Knall­kopf uns gegen unse­ren Wil­len am über­zeu­gend­sten sei­ne angeb­li­chen For­de­run­gen an die da oben auf den Bild­schirm gerei­hert hat. Nie­mand ist in sozia­len Netz­wer­ken ange­mel­det, weil ihm die tol­len Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen („Info­stän­de“) von Men­schen­fän­gern in der Pan­de­mie so sehr feh­len.

Was eine Par­tei tun kann, um in sozia­len Netz­wer­ken posi­tiv auf­zu­fal­len? Das ist leicht beant­wor­tet: Sie muss deren Teil­neh­mer ein­fach nur in Ruhe las­sen, wenn sie nicht gefragt wer­den.