Morgen — an einem Sonnabend — ist der 1. Mai. Deutsche sind in diesem Jahr besonders benachteiligt, denn man darf am Tag der Arbeit weder arbeiten noch einkaufen, und wenn Deutsche sonnabends nicht einkaufen können, ist die Revolution so zum Greifen nahe wie sonst nur selten. Vor einem außerordentlich schlecht sortierten und viel zu engen Supermarkt sah ich heute eine Schlange, deren Drinsteher die Zahl derer, die gleichzeitig drin sein dürfen, ungefähr erreicht haben, wie mir schien. Anscheinend muss man sonnabends gar nicht einkaufen können, an anderen Abenden haben ja auch alle Zeit. Hoffentlich spricht sich das nicht herum.
Nach dem Einkaufsexzess mit vollem Kühlschrank kann es morgen dann mit den “Proteste[n] gegen Kapitalismus zum 1. Mai” (“Deutschlandfunk”) losgehen; endlich können die, die mit den Sorgen und Nöten der Arbeiter dank eines reichen Elternhauses wenig verbindet, wieder für ihre eigene Enteignung seitens des freundlichen Staates kämpfen — gefilmt, fotografiert und auf kapitalistischen sozialen Netzwerken geteilt via Luxussmartphone, versteht sich. Aber Kapitalismus ist nicht das Problem.
Von den Alten ist wenig geblieben, denn ohne den äußeren Freund und inneren Feind erlahmt auch die Kampfeslust. Unvergessen bleibt mir diesbezüglich ein Dialog mit einem Alt-68er, der sagte, er könne doch nicht mehr “Ho Ho Hồ Chí Minh” rufen, wobei er teilironisch eine Faust reckte, woraufhin ich fragte, warum nicht, woraufhin ihm keine Antwort einfiel. Meines Wissens hat er seitdem aber trotzdem nicht mehr “Ho Ho Hồ Chí Minh” gerufen.
Seine Altersgenossen, die Gewerkschaftsgreise vom DGB und angeschlossenen Sendeanstalten (DKP, ver.di und so weiter), werden es sich dennoch nicht nehmen lassen, zumindest vorübergehend in den Städten zu randalieren Informationsmaterial zu verteilen, während die Jungen mit ihrer seit Jahrzehnten kaum veränderten Choreographie (schlimme Parolen, schlimme Aktionen, schlimme Empörung), dankbar wiedergekäut von denen, die für diesen Zirkus den Eintritt kassieren (“Journalisten”), ihren Teil dazu beitragen, ihr Andenken in gesamtgesellschaftliche Vergessenheit zu entsenden.
Montag kann man wieder einkaufen. Der Kampf geht weiter.

SCHEI-ISSE! meine milch is alle! hoffentlich hat der späti unter der eberswalder offen, tabak is auch fast alle! SCHEI-ISSE!
bei mir auf der Strasse siehts aus, als ob die Polizei verschiedener Bundesländer sich zum Wandertag treffen. Gesellig, mit Wurstelbrötchen und Plastebecher belagern sie Parkplätze und Nebenstrassen.
Hier steht ein Dutzend vermummter Antifas doppelt so vielen Polizisten gegenüber und hält schweigend dumme Banner in der Hand. Das ist nicht meine Revolution.
Welche Revolution? Oder sind Betriebsausflüge revolutionär?
Die AntiXas sollen sich angeblich im Grunewald zum Gesang treffen.
Passt.
Hoffentlich nicht nach 21 Uhr, dann hält der Todesvirus nämlich Nachtruhe.