Auf Twitter las ich heute etwas über einen pseudonymisierten Jungen, der bilingual aufwachse, aber keineswegs mit Englisch, sondern mit einer anderen Sprache als zweiter Sprache. Das scheint viele Menschen zu erstaunen, mich hingegen nicht, denn meine erste Fremdsprache war Latein.
Spricht hier jemand Altgriechisch?
Marcus Brody
In der EU, quatscht das Internet, lernen 93 Prozent der Kinder Englisch als Fremdsprache, in Deutschland oft bereits vor dem Ende der Grundschule, also lange vor der tatsächlichen Beherrschung ihrer Muttersprache. Die Europäische Kommission hat schon im letzten Jahrtausend empfohlen, jeder Schüler solle wenigstens zwei EU-Sprachen beherrschen, und leider hat sich dabei statt einer wohlklingenden oder wenigstens geistig fördernden Sprache das anspruchslose Englisch in einer Ausprägung, die Briten und US-Amerikaner immerhin gleichermaßen schlecht verstehen, durchgesetzt. Mit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ist die englische Sprache als Unionssprache indes eine seltsame Wahl, denn während Deutsch die Amtssprache gleich mehrerer namhafter Nationen bleibt, ist Englisch nur noch wegen Malta und Irland überhaupt in ihr vertreten. Was für eine Verschwendung!
Nun könnte man argumentieren, dass der weltweite Austausch vor allem in schlechtem Englisch stattfindet, was vor allem dann von Belang ist, wenn man Schüler vor allem als künftige Arbeitsdrohnen versteht, aber dann komme ich zu einer Anschlussfrage: Wäre es, wenn man die Schüler schon nicht auf das Leben, sondern auf das Arbeiterdasein vorbereiten will, nicht vielmehr zielführend, sie stattdessen Chinesisch, Spanisch oder – wenn man die Technikbranche anpeilt – Japanisch zu lehren? Was bringt es ihnen, neben unzureichenden Deutsch- auch noch allenfalls zum Teekaufen in Oxford ausreichende Englischkenntnisse vermittelt zu bekommen, bevor sie überhaupt wissen, was ein Beruf ist und welchen sie später ergreifen möchten? Den für alltägliche Konversation mit Gleichgesinnten hinreichenden Grammatik- und Wortschatz („lol noob“, „your mom is fat“, „fuck you, you fucking fuck“) erwerben sie zudem auch ohne ein ergänztes Curriculum in ihrer Freizeit beim bloßen Spiel.
Chinesisch und Japanisch – oder auch nur sturzfreies Spanisch – seien viel zu kompliziert, mag jetzt ein weniger Kluger einwerfen. Dieser weniger Kluge sei daran erinnert, dass, was einfach ist, selten gelehrt werden muss. Ich empfand in meiner Schulzeit auch Chemie, Physik und Sport als viel zu kompliziert, obwohl ich die Inhalte dieser drei Fächer im Alltag ungefähr so häufig benötige wie Schulbuchenglisch; stattdessen hätte ich mir tatsächlich gewünscht, sprachlich (mündlich wie schriftlich) mehr gefordert zu werden. Finnisch in Sütterlin; das wär’s gewesen!
Es ist noch nicht zu spät.

Sütterlin lernen die Kinder immer noch an den Waldorfschulen, und mit beachtlichem Erfolg: Die Handschrift von ehemaligen Waldorfschülern ist deutlich hübscher und wesentlich lesbarer als meine nur auf dem ersten Blick schwungvoll und sauber aussehende Klaue – so lange sie nicht in Sütterlin schreiben. (Gut, ich kanns noch lesen, aber nicht mehr so schnell wie früher.)
Ich komme ja noch aus der Generation, deren »Schrift« bis zur sechsten Klasse eine Zeugnisnote war. Ab der siebten Klasse begann dann meine persönliche Kryptografie. Wenn es eine nützliche Sache gibt, die ich rückblickend gern gelehrt bekommen hätte, dann ist es Steno. Gut, heute würde ich das nicht mehr brauchen, weil ich fast immer ein Aufnahmegerät in der Tasche habe, aber jahrelang wäre es eine sehr praktische Befähigung gewesen.
Aber Englisch? Ich habe die Schule mit dem Glauben verlassen, dass Englisch viel zu kompliziert für mich ist, bis ich erst Jahre später begriffen habe, dass Englisch eine fast grammatikfreie Sprache ist. Das endlose Durchziehen des lateinschen Zeitensystemes am dazu überhaupt nicht gut passenden Beispiel der englischen Sprache hat mich sehr eingeschüchtert. (Die paar englischen Grammatikeigenarten wie die recht klare und auch weniger aufgeweckten Menschen leicht vermittelbare Bedeutung der Endungen »-er« und »-ee« wie in »trainer« und »trainee« kamen in diesem Grammatikunterricht aus der bundesdeutschen Schulhölle natürlich nicht vor.) Viele Jahre später durfte ich erleben, wie wenig zeitgenössisches Französisch mit dem schulisch gelehrten Grammatik-Apparat zu tun hat – natürlich nicht in »Le Monde«, aber dafür in der alltäglichen Kommunikation auch gebildeter Menschen. Schade, dass die Franzosen so ein hohes Quasseltempo und so eine fürchterliche Neigung zum Alles-in-eine-flugs-hingenuschelte-Phrase-die-nur-noch-ein-komischer-Laut-ist-Unterbringen haben, dass ich keine Lust habe, auch noch das Sprechen und Verstehen gesprochener Sprache zu erlernen. (Die schreiben »Je ne sait pas«, wenn sie etwas nicht wissen, aber sagen »Scheeääpa« oder etwas noch Kürzeres. Das sind die Texaner des Lateins.)
Vielleicht sollte man einfach Latino sine flexione zur europäischen Hilfssprache machen, da findet sich der ganze Kontinent (mit Ausnahme der Basken und Gälisch-Sprecher) ein bisschen drin wieder. Nur wer mal richtiges Latein gelernt hat, kriegt Pickel davon. Und das lernt ja heute fast niemand mehr.
Die Schüler auf humanistischen Gymnasien könnten da noch Glück haben, aber die schwinden – also diese Gymnasien. Französisch habe ich nie verstanden, großes Latinum hin oder her – die Schriftsprache hat mit der tatsächlichen Sprache offensichtlich überhaupt keine auch nur groben Überschneidungen.
Meine Handschrift wurde nie benotet. Schade eigentlich. Neuerdings besitze ich allerdings aus verschiedenen Gründen (u.a., dass ich Kulis nicht leiden kann) wieder einen Füller. Vielleicht hilft mir das. Ich bin ja da tastaturgeschädigt – kaum Computer, schon Klaue.
Geht mir auch so, seit Jahren schreibe ich alles mit Füller. Dennoch bleibt es beim Schriftbild Oberarzt. Ich schreib aber auch wenig. Jahr ein, Jahr aus krampfe ich mich durch die Vorweihnachtszeit da ich dann einigen Menschen in Schönschrift ein paar Zeilen schreibe. Besser ist es bis heute nicht geworden.