NerdkramsNetzfundstücke
Tore zum Mistmachweb (6): Das zweite wirthsche Gesetz

Medial wird beklagt:

Ein weiteres Kernvorhaben ist es, das von der großen Koalition geplante Recht auf schnelles Internet für alle Bürger einzuführen, um ihnen die "soziale und wirtschaftliche Teilhabe" an der digitalen Gesellschaft zu ermöglichen.

Zu meinem großen Erstaunen macht sich aber niemand Gedanken darüber, warum im Jahr 2020 plötzlich Leitungen mit einem Vielfachen der Leistung eines der rauschenden und zwitschernden Modems aus den Neunzigern notwendig sein sollten, um sozial und wirtschaftlich an der digitalen Kommunikation teilhaben zu können. Die Angebote von Konzernen wie Netflix und Spotify eignen sich nicht als Argument, denn diese sind bestenfalls ein Ersatz für den Rundfunk, nicht aber geeignet zur aktiven Teilhabe an mehr als belanglosen Gesprächen über fiktive Gestalten.

Mit dem Niedergang auf wenig Ressourcenverschwendung optimierter Dienste wie Gopher, Usenet und mittlerweile sogar E-Mail bleibt nach dem Ausschlusskriterium eigentlich nur noch das Web als Auslöser übrig. Und tatsächlich gab es dazu im Mai 2020 eine Untersuchung, deren Ergebnis mich nicht mal theoretisch überrascht (Übelsetzung von mir):

Vor 23 Jahren sah das Internet von dem, das wir heute nutzen, noch recht verschieden aus. Google existierte noch nicht, weniger als 20 Prozent der Haushalte in den USA waren ans Internet angeschlossen und nutzten hierfür noch eine Einwahlverbindung. (…) Überraschenderweise, trotz der heutigen viel höheren Netzwerkgeschwindigkeiten und Computerprozessoren, werden Menschen, die heutzutage das Internet benutzen, noch immer von genau derselben Frustursache gequält: langsame Websites.

Dass die Autorin implizit einen Internetdienst mit dem Internet gleichsetzt, sei hier nur am Rand bemerkt, denn an der wesentlichen Aussage ändert es nichts. Weiter:

Wie Sie sich vorstellen können, ist es auf mobilen Geräten noch schlimmer – sicherlich haben sich die Geschwindigkeiten verbessert, aber in den letzten zehn Jahren haben sich die mobilen Ladezeiten von Websites, die Httparchive beobachtet hat, sogar noch erhöht.

1995 hatte Niklaus Wirth, der Entwickler mehrerer Programmierumgebungen wie Pascal und Oberon, in einem Artikel den Merksatz geprägt, dass Software schneller langsamer werde als Hardware schneller. Ich bin geneigt, dem ein zweites Gesetz beizufügen: Das gilt auch für Websites.

Hoffentlich hebt bald jemand die lästige Pflicht auf, dass man zur Anzeige von zwei Absätzen Text auf einer Website mindestens fünf Megabyte JavaScript-Unfug einbinden und dessen Laden erzwingen muss.

Senfecke:

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