Sonstiges
Medienkritik CXVII - Glück gehabt: Onlinezeitungen wol­len mich nicht als Leser.

Wenn jemand - wie zum Beispiel die­ser Tage erst ich - sich wenig­stens theo­re­tisch dafür inter­es­siert, zwecks bes­se­rer Informiertheit von dem Onlineangebot irgend­ei­ner der nam­haf­ten deutsch­spra­chi­gen Zeitungen Gebrauch zu machen, dann muss man das zunächst ein­mal für sich selbst recht­fer­ti­gen: Lohnt es sich, Geld für Medien aus­zu­ge­ben, die man dann, geht es nach den Verlagen, nicht ein­mal ver­lin­ken darf?

Hat man sich dann schließ­lich trotz­dem dafür ent­schie­den, steht die Analyse der ver­füg­ba­ren Onlineangebote an. Als für mich ganz gute Kriterien haben sich neben nach­ge­wie­se­ner Zuverlässigkeit sowie einer Themen- und Informationsvielfalt, was das Wichtigste an Nachrichten sein soll­te, eine nicht all­zu plum­pe Sprache, ein gut orga­ni­sier­ter RSS-Feed, eine erträg­li­che app mit sinn­voll ein­stell­ba­ren Benachrichtigungen (also zum Beispiel nicht all­zu blö­den Eilmeldungen), Werbefreiheit wenig­stens nach Zahlung und die zumin­dest anschei­nend auf das Nötigste beschränk­te Einordnung des Tagesgeschehens erwie­sen. Einordnen kann ich schon allein, dan­ke trotz­dem. Schon beim Schreiben die­ser Kriterien fällt mir sofort ein hal­bes Dutzend Tages- und Wochenzeitungen ein, die so was von raus sind.

Geht man nach dem ersten Rausfiltern der beson­ders ein­drucks­voll so ver­hunz­ten Quatschblätter statt, wie sonst, bloß über­flie­gend mit die­sem Blick an die ein­schlä­gi­gen Qualitätsmedien her­an, so ist man zunächst ein­mal über­rascht. In mei­nem Fall war es zum Beispiel so, dass das­je­ni­ge Nachrichtenportal, des­sen gepush­te Eilmeldungen mich bis­her wenig­stens den Anschein von Informiertheit wah­ren lie­ßen, trotz im son­sti­gen Brei lei­der her­vor­ra­gen­der RSS-Fähigkeiten - sogar an Kategorien wur­de gedacht - abseits die­ser Eilmeldungen oft eher bil­lig und vor allem voll­ge­stopft mit Reklame ist, was ich bis heu­te gar nicht bemerkt hat­te. Das pas­siert, wenn man nur die Überschriften liest. Und was nun?

Manchmal schei­tert die Suche schon an mei­nen tech­ni­schen Ansprüchen. Die vor noch nicht lan­ger Zeit auch inhalt­lich emp­feh­lens­wer­te, aber inzwi­schen zuse­hends fla­cher argu­men­tie­ren­de „ZEIT“, die mich eben­so wie frü­her das mir dann aller­dings doch etwas zu preis­in­ten­si­ve „Handelsblatt“ mit einem siche­ren Webbrowser nicht immer rein­las­sen will (ich sol­le doch bit­te das Ausführen von Code zulas­sen), bie­tet mir an, ich kön­ne ja gegen ein gerin­ges Entgelt nicht etwa kei­ne, son­dern weni­ger Werbung sehen. Da sehe ich lie­ber gar kei­ne und suche mir ein ande­res Portal.

Die „Neue Zürcher Zeitung“, als Auslandspresse immer­hin theo­re­tisch als objek­tiv hin­sicht­lich deut­scher Innenpolitik anzu­se­hen, ist momen­tan umstrit­ten, was erst mal nicht schlimm sein muss, aber ich wer­de es lei­der in abseh­ba­rer Zeit nicht erfah­ren - auf dem Smartphone (i.e. in der app) bleibt die Ansicht leer. Das sei ein bekann­ter Fehler, beschied mir der „Leserservice“, und ich sol­le so lan­ge die Website nut­zen; die frei­lich funk­tio­niert, aber eben dann doch nur die Hälfte von dem bie­tet, wonach mir der Sinn steht.

Etwas wei­ter nörd­lich, bei der „Süddeutschen Zeitung“, zäh­len zu den zur­zeit meist­ge­le­se­nen Artikeln eine „Meinung“ mit dem Titel „Zwang ist legi­tim“, eine „Meinung“, dass Donald Trump „jedes Mittel recht“ sei, sowie meh­re­re Meldungen über Sport (öde) und Fernsehen (fast eben­so öde), davon min­de­stens eine (ich habe nicht mehr wei­ter gele­sen) als „Meinung“, dass irgend­ei­ne Änderung im American Football (öde) „per­fi­de“ sei. Kann man so sehen, kann man auch so schrei­ben, aber woll­te ich ein sol­ches Übergewicht an „Meinungen“ finan­zie­ren, finan­zier­te ich doch lie­ber Blogs. (Ob ich Abonnements anbie­ten sollte?)

Die „FAZ“ schließ­lich, auch sie hat nur einen sehr schwer zu fil­tern­den RSS-Feed (kei­ne Kategorien), hat nicht das preis­wer­te­ste Angebot, aber wenn mich erst mal genug Alternativen fru­strie­ren, wer­de ich irgend­wann zum Sturkopf. Auf faz.net bedeu­tet man mir, ich sol­le ent­we­der mei­nen Werbeblocker deak­ti­vie­ren oder ein „beson­de­res Angebot“ - das wer­be­freie Onlineabonnement - anneh­men. Der Link zu die­sem „beson­de­ren Angebot“ führt zur­zeit zu einer 404-Fehlerseite, die ich aber immer­hin auch mit ein­ge­schal­te­tem Werbeblocker sehen kann. Ein test­wei­se abge­schlos­se­nes Probeabonnement - 30 Tage gra­tis - schal­te­te in der app zwar alle „F+“-Artikel frei, aber die Website lässt mich trotz­dem nicht mit akti­vier­ter Reklameabwehr rein. Das ist zumin­dest ein posi­ti­ver Aspekt an kosten­lo­sen Probeabonnements: Man spart schließ­lich doch noch eine Menge Geld.

Sollte also künf­tig erneut die Vermutung auf­tau­chen, dass mein hier Geschriebenes lesens­wer­ter wäre, betrie­be ich aus­nahms­wei­se mal rich­ti­ge Recherche: Ich kann nichts dafür - Onlinezeitungen wol­len mich nicht als Leser.

Dann eben nicht.

Senfecke:

  1. Was, zur Hölle, kann man im Jahre 2020 noch in irgend­ei­nem Medium lesen, das ein Entgelt wert wäre?
    Ich lebe in einer knapp 100.000 Einwohner Stadt. Als jun­ger Mensch, in den 1970er Jahren, gab es hier 3 Tageszeitungen.
    Eine Zeitung, Original-Produkt der Stadt, stramm auf FDP getrimmt. Die zwei­te Zeitung, ein Abkömmling eines regio­na­len Clusters, war CDU lastig, und zu guter Letzt ein Produkt des damals schon gro­ßen WAZ-Konzerns, natür­lich SPD.
    Wann immer die Themen hoch her gin­gen, sei es die RAF, die Kernenergie oder auch der Nato-Doppelbeschluß, es lohn­te sich immer wie­der alle 3 Zeitungen zu kau­fen, man bekam 3 unter­schied­li­che Berichterstattungen und in den redak­tio­nel­len Kommentaren 3 unter­schied­li­che Bewertungen.
    Heute gibt es nur noch die Heimatzeitung, der kom­plet­te Welt-, Bundes-, und Regionalpolitische Teil eben­so wie der Hauptsportteil gelie­fert von Funke-Media, ein­zig der Lokalteil wird noch hier erstellt.
    Dafür bezahl ich nichts.
    Zur Zeit nut­ze ich newstral.de, hier wer­den aus zig Zeitungen Headlines geli­stet. Spätestens nach dem drit­ten Test weiß man, die Headline ist die Botschaft, da kommt nichts mehr. Verschwendete Lebenszeit von A-Z.

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
:x 
:aufsmaul: 
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