In den Nachrichten
Die Ver­weich­li­chung des Kino­be­su­chers am Bei­spiel des neu­en Films über den „Joker“

Wir schrei­ben, erst mal nur gedank­lich, das Jahr 1929. Zusam­men mit Sal­va­dor Dalí ent­wirft und dreht der spa­nisch-mexi­ka­ni­sche Regis­seur Luis Buñu­el den Film „Un chien anda­lou“, der ihre sur­rea­len Träu­me in Bewegt­bil­der fasst. In der heu­te berühm­te­sten Sze­ne aus die­sem Film – die Pixies nah­men ein Lied dar­über auf – ist in Nah­auf­nah­me zu sehen, wie ein Herr das lin­ke Auge einer Dame durchtrennt.

Für Men­schen mit schwa­chem Magen ver­gleich­bar unan­ge­nehm ist der Genuss des Films „Bra­in­dead“ (1992), den Peter Jack­son ent­ste­hen ließ, bevor er lang­wei­li­gen Fan­ta­sy­scheiß­dreck ver­fil­men zu müs­sen mein­te. Es han­delt sich um eine Splat­terper­si­fla­ge, in der mei­ne Lieb­lings­sze­ne die­je­ni­ge ist, in der die Figur des Lio­nel etli­che Zom­bies zer­mahlt, indem sie sich einen lau­fen­den Rasen­mä­her vor den Bauch hält.

Eini­ge Zeit spä­ter, ab 2004, fand die Film­rei­he „Saw“ ein regel­mä­ßi­ges Publi­kum. Bereits im ersten Teil sind diver­se sehr unschö­ne Todes­ar­ten in Sze­ne gesetzt wor­den, in Gang gesetzt von einem psy­cho­pa­thi­schen Mör­der. Die nach­fol­gen­den Tei­le änder­ten die­ses Kon­zept nur unwesentlich.

Irgend­was muss seit­dem pas­siert sein, denn welt­weit bre­chen Jour­na­li­sten in Keuch­krei­schen aus:

„Joker“ hat hier­zu­lan­de eine FSK-Frei­ga­be ab 16 Jah­ren erhal­ten, in Ame­ri­ka ver­lie­ßen man­che Zuschau­er gera­de­zu in Panik das Kino. „Bild“ hat eini­ge Tweets von erschrocke­nen Kino­gän­gern gesam­melt. „Bin aus dem Film gegan­gen. Ich konn­te es nicht durch­hal­ten“, schreibt einer auf Twit­ter, „ich bin sprach­los und zit­te­re“, ein ande­rer. (…) Gera­de jün­ge­re Zuschau­er sei­en über­for­dert: „Ich sah, wie eine gan­ze Fami­lie den Saal ver­ließ, als der Joker die erste Per­son ermordete.“

„Fol­ge­rich­tig“ ver­un­fallt der „Tages­spie­gel“ die nicht sofort erkenn­ba­re Fra­ge:

Der „Joker“ legt einen Rekord­start an den US-Kino­kas­sen hin und ent­facht in Ame­ri­ka eine Debat­te: Wie nah an der Rea­li­tät dür­fen Gewalt­bil­der sein.

Ich möch­te anneh­men wol­len, das hier impli­zier­te Pro­blem hat weni­ger mit der auf der Lein­wand dar­ge­stell­ten Gewalt als mit den Waf­fen­e­s­ka­la­tio­nen der US-Ame­ri­ka­ner zu tun. Eine beson­ders neue Art der Film­ge­walt ist jeden­falls nicht aus­zu­ma­chen. Ein Pro­blem scheint zu sein, dass der Film mit dem Kli­schee des Guten, das immer sie­ge, bricht:

Die bri­san­te Fra­ge: Bringt der Film zu viel Empa­thie für das Böse auf?

Ein Wun­der, dass die olle Poké­mon-Zei­chen­trick­se­rie noch immer nicht zen­siert ist: Wer könn­te kein Mit­leid mit Jes­sie und James, den trau­ri­gen Ver­lie­rern, emp­fin­den? Auch sonst ist die Impli­ka­ti­on, dass jemand, der einen Film sieht und den Böse­wicht nicht umfas­send ver­ab­scheut, direkt nach abge­schlos­se­nem Film­kon­sum eine Waf­fe erwirbt und irgend­wen meu­chelt, außer­halb der repu­bli­ka­nisch wert­vol­len Bun­des­staa­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten doch recht weit her­ge­holt. Man kann fast froh sein, dass auf dem Film noch kein groß bewor­be­nes Com­pu­ter­spiel basiert, denn die Debat­te über Kil­ler­spie­le ist gera­de auf einem ange­nehm nied­ri­gen Geräusch­ni­veau angelangt.

Wor­auf ich hin­aus woll­te: Wenn 90 Jah­re nach „Un chien anda­lou“ tage­lang media­le Besorg­nis herrscht, sobald ein erfolg­rei­cher Film , denn heut­zu­ta­ge darf jedes zar­te Pflänz­chen ohne erwach­se­ne Auf­sicht ins Kino gehen und immer­hin sei sich nicht jeder, der da frei­wil­lig rein­geht, vor­her im Kla­ren dar­über gewe­sen, dass „Joker“ kei­ne lau­schi­ge Fami­li­en­ko­mö­die sei, dann ist das Fach der Medi­en­kun­de nicht etwa wich­ti­ger als je zuvor gewor­den, son­dern es ist, ganz im Gegen­teil, kon­zep­tio­nell geschei­tert. Für die For­de­rung nach einem mün­di­gen Kon­su­men­ten fehlt es den Kon­su­men­ten viel zu oft an der Bereit­schaft zur Mündigkeit.

„My Litt­le Pony“ tut den Men­schen echt nicht gut.

Senfecke:

  1. Jau, Bra­in­dead, ein Schmankerl…
    Und zum Joker habe ich zwar noch nicht gese­hen aber Mr. Phoe­nix spielt sich die See­le aussm Leib,was so an Trai­ler und ande­ren Mate­ri­al „Behind the Sce­nes“ zu sehen war.
    Er ist so stark wie mal DeNi­ro vor Urzei­ten war!
    Und was die Gewalt­dar­stel­lun­gen in den Medi­en angeht,pfhhhh.
    Da kann man gan­ze Bücher drü­ber schreiben,OMG OMG , sind ja schon, oh ha…
    War sogar schon Ver­tei­di­gungs­stra­te­ge­rei (Stra­te­ge­ry) in Mord­pro­zes­sen , wozu man in den 70er den ollen lol­ly-lut­schen­den Kojak bemüht hatte…das die dama­li­ge Gewalt­dar­stel­lung zu Mord geführt hätte…
    Und ich ent­sin­ne mich das sogar das Schla­gen auf den Kopf mit schwe­ren Gegen­stän­den u.a. in Tom und Jer­ry-Car­toons als gewalt­för­dernd ein­ge­stuft wurde.
    Der Twist dabei ist das die Prot­ago­ni­sten sich schnell erhol­ten und kei­ner­lei Schä­den davon trugen.
    Was im RICHTIGENLEBEN eher sel­ten der Fall ist,oder!
    Es wur­de von einer Her­ab­set­zen der Hemm­schwel­le gesprochen.
    Das inter­es­san­te ist ja wenn die USAr­my ein mehr oder weni­ger blu­ti­ges Bal­ler­spiel auf den jun­gen rekru­tie­rungs­fwil­li­gen und-fähi­gen Men­schen los­lässt ist es was and­re­res als Counterstrike?!
    Da wie man bei uns im Rhein­land „jeder Jeck anders„ist,ist es eine kniff­li­ge Fra­ge oder auch nicht.
    Ganz wich­tig sind Art und Kon­text der Gewaltdarstellung.
    Auch wenn ich weiss, das ich hier dies­be­züg­lich offe­ne Türen wg Intel­li­genz der Mit­le­ser einrenne.
    (.„Was hat dir die Tür getan…Sie hing doch so fried­lich in ihrem Rah­men. Mußt du immer gewalt­tä­tig werden“)
    Sehr getrof­fen sind die schein­ba­ren Wider­sprü­che bei den Sopra­nos :Einer­seits das „har­mo­ni­sche“ Fami­li­en­le­ben mit Frau und Kin­dern und das „Familien„leben von Tony und sei­ner Crew,wo Gewalt unter­schwel­lig und ange­wen­det zum Täg­lich Brot gehört.
    Methoden,die man bei sei­ner rich­ti­gen Fami­lie zwecks Effi­zi­enz auch manch­mal anwen­den möchte.…

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