NetzfundstückeMir wird geschlecht
“ZEIT” verleiht den Blockchainpreis.

Die “ZEIT” könne man, befand ich erst gestern, auch nicht mehr ruhi­gen Gewis­sens lesen. Wohl dem, der — anders als ich selb­st — diesem Rat Folge leis­tete, denn ihm blieb diese Eigen­wer­bung erspart:

Sie (…) set­zen sich für eine weib­lichere Raum­fahrt ein oder berat­en Regierun­gen in Sachen Gle­ich­stel­lung: Frauen, die unsere Wirtschaft rev­o­lu­tion­ieren, so heißt der diesjährige Edi­tion F Award, den das Onlinemagazin in Koop­er­a­tion mit ZEIT ONLINE und dem Han­dels­blatt zum fün­ften Mal ver­lei­ht.

Eine “weib­lichere Raum­fahrt” ist jet­zt zunächst ein­mal nichts, worüber ich per­sön­lich mich so sehr freuen würde, dass ich es für preiswürdig hielte, aber ich bin ja auch wed­er eine Frau noch aus­re­ichend geistig entk­ernt, um einen Preis namens “Frauen, die unsere Wirtschaft rev­o­lu­tion­ieren (Edi­tion F Award)” o.vglb. als Beloh­nung und nicht als Ver­höh­nung zu betra­cht­en. Und er hat noch einen zweit­en Namen:

Die Jury des 25 Frauen Awards hat aus 500 Nominierun­gen eine Vorauswahl von 50 Frauen getrof­fen, die (…) unsere Wirtschaft verän­dern und mit­gestal­ten.

Binde­striche sind anscheinend kein Frauend­ing. — Nicht unin­ter­es­sant ist diese Ersatzbe­nen­nung des Preis­es aber auch aus inhaltlich­er Sicht, sagt sie doch nur aus, dass man eine von 25 Frauen war, die irgend­was gemacht haben. Da kann man den Enkeln später sicher­lich eine total inter­es­sante Geschichte erzählen.

Wer also sind die 50 Delin­quentin­nen? Nun, zum Beispiel sie:

We are Kal heißt das von Cather­ine Allié gegrün­dete Label, das handge­sponnene und handge­wobene Tex­tilien aus Sei­de und Wolle her­stellt.

Schon klar: Mit einem Inno­va­tion­spreis kann die Frau nicht rech­nen, eine Verän­derung der Wirtschaft ist hier nicht auszu­machen. (Darf man Frau Allié auf­grund ihrer Tätigkeit eigentlich “Spin­ner­in” nen­nen oder bekommt man dann wieder Ärg­er?) Wenn aber jemand, der einen klas­sis­chen Handw­erks­beruf ausübt beziehungsweise ausüben lässt, bere­its allein hier­für die Vorauswahl über­ste­ht, dann wirft das auf die anderen 450 Nominierten ein eher ungutes Bild. Und dann behaupten Fem­i­nis­ten jed­welchen Geschlechts, Frauen wür­den unter­schätzt!

Weit­er­hin diese Dame:

Char­lotte Bar­tels studierte Volk­swirtschaft­slehre (…). In ihrer Pro­mo­tion, die mehrfach aus­geze­ich­net wurde, zeigte sie, dass der deutsche Sozial­staat immer weniger umverteilt.

“Die Armen wer­den immer ärmer.”
“Dafür bekom­men Sie einen Preis!”

:bravo:

Auch sie ist dabei:

Ise Bosch ist eine Enke­lin und Erbin des Unternehmers Robert Bosch. Mit ihrem Ver­mö­gen will sie anderen Men­schen helfen und die Gesellschaft verän­dern. (…) Als Grün­derin und Geschäfts­führerin der Dreilin­den gGmbH set­zt sich Bosch gegen Diskri­m­inierung und Gewalt auf­grund von Geschlecht­si­den­tität und sex­ueller Ori­en­tierung ein.

Ich würde ja unter­stellen wollen, dass das Auf­bauen ein­er Gesellschaft, die vor allem Geld verteilt, mit den Mit­teln, die von einem erfol­gre­ichen und pro­duk­tiv­en männlichen Unternehmer geerbt (also ohne große Gegen­leis­tung geschenkt wor­den) sind, sich für eine pos­i­tive Verän­derung der Wirtschaft und einen Frauen­preis nicht eignet, aber ich bin auch nicht in der Jury und ich ver­mute, ich kenne sog­ar den Grund dafür.

Zeich­net sich denn nie­mand der zu Ernen­nen­den durch etwas anderes als Unsinn aus? Doch, natür­lich, aber andere eben auch nicht:

Als Chief Finan­cial Offi­cer des US-Kred­itkarte­nun­ternehmens Mas­ter­card gilt Mar­ti­na Hund-Mejean weltweit als eine der ein­flussre­ich­sten Per­so­n­en der Finanzbranche.

Dass sowohl die Grün­der als auch die momen­ta­nen Vor­sitzen­den des Unternehmens Mas­ter­Card Män­ner sind und Frau Hund-Mejean in der englis­chsprachi­gen Wikipedia nicht erwäh­nt wird, lässt mich an ihrem Ein­fluss in der Wirtschaft zweifeln. Ander­er­seits hat ver­mut­lich jedes größere Unternehmen min­destens eine Frau, die dann seine ein­flussre­ich­ste ist. Die einzige gefun­dene Quelle für die Behaup­tung, sie sei “eine der ein­flussre­ich­sten Per­so­n­en der Finanzbranche”, ist jeden­falls “Trea­sury & Risk”, ein frag­würdi­ges Mag­a­zin, das besagte Wikipedia in kein­er Sprache zu ken­nen scheint.

Vielle­icht wird man in typ­is­chen “Frauen­domä­nen” eher fündig? Aber klar:

#For­ward Beau­ty heißt das Strate­giepro­gramm, mit dem Tina Müller, CEO und Vor­sitzende der Geschäfts­führung der Dou­glas GmbH, die Kos­metikin­dus­trie verän­dern will. Um die Marke langfristig voranzutreiben, braucht es ihrer Mei­n­ung nach eine dig­i­tale und weib­liche Neuaus­rich­tung des Unternehmens.

Denn bekan­ntlich haftet Dou­glas der Ruf an, sich als Unternehmen vor allem an die Bedürfnisse von Män­nern zu richt­en — von Män­nern, die gern nach Blu­men­wiese duften. :ja:

Das soll natür­lich nicht heißen, dass in der vorge­filterten Liste nicht auch Frauen zu find­en sind, die sich auch von Män­nerthe­men reizen lassen, zum Beispiel Bull­shit:

Sher­min Vosh­m­gir ist Grün­derin des Blockchain-Hubs, ein Infor­ma­tions-Hub und Think­tank in Berlin, der die weltweite Entwick­lung der Blockchain-Tech­nolo­gie vorantreibt, kom­mu­niziert und disku­tiert. (…) Außer­dem unter­stützt sie Start-ups mit dem Schw­er­punkt Blockchain.

Frau Vosh­m­gir wird sich in der Abstim­mung allein im Grad des Bull­shits, der sie qual­i­fiziert, allerd­ings geschla­gen geben müssen, denn die Frau, die ich ger­ade über­sprun­gen habe, über­trifft sie um Län­gen:

Hen­rike von Plat­en ist überzeugt, dass Frauen und Geld zusam­menge­hören

Stimmt, denn welch­er Mann hätte nicht gern bei­des gle­ichzeit­ig und nicht nur eines davon? — Ach, der Satz geht noch weit­er:

Hen­rike von Plat­en ist überzeugt, dass Frauen und Geld zusam­menge­hören und Lohn­gerechtigkeit schon mor­gen möglich wäre. Mit der Grün­dung von Fair Play Inno­va­tion Lab (…) möchte sie das Ziel der Lohn­gerechtigkeit für alle umset­zen.

Wenn Frau von Plat­en also dafür sor­gen möchte, dass mehr Frauen sich kün­ftig aktiv für tech­nis­che Berufe inter­essieren, einen besseren Schu­la­b­schluss machen, länger im sel­ben und größeren Unternehmen bleiben, Über­stun­den machen, nicht vor Schmutz zurückschreck­en und Schichtar­beit leis­ten, dann wäre das sicher­lich lobenswert.

Möchte sie aber gar nicht:

Deswe­gen set­zt sie sich seit vie­len Jahren für gerechte Bezahlung und die Ver­net­zung von beruf­stäti­gen Frauen weltweit ein und grün­dete einen Frauen­in­vest­ment­club.

Na dann.

Die tags des “ZEIT”-Artikels sind “Dig­i­tal­isierung”, “Award”, “Blockchain”, “Frauen”, “Ausze­ich­nung” und “Star­tups”. Hätte ich sie zuerst gele­sen, hät­ten sie also am Anfang und nicht am Ende des Artikels Platz gefun­den, so wäre mir die Lek­türe und meinen Lesern dieser Artikel ver­mut­lich erspart geblieben.

Sel­ber schuld.

Senfecke:

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