NetzfundstückeWirtschaft
Medienkritik CIX: Lobbykampf in SPIEGELs Klassenzimmer

Ende Oktober SPONte die vom krawalligen „Hamburger Abendblatt“ abgestiegene Redakteurin Verena Töpper („believes in gender equality“, V. Töpper über V. Töpper), die bei ihrem inzwischen auch nicht mehr ganz neuen Arbeitgeber unter „Leben und Lernen“ ansonsten zum Beispiel über Menstruationsprobleme „schreibt“, sichtlich besorgt über das Engagement von EDV-Unternehmen in Schulen, die es doch tatsächlich wagen, ihre eigenen Produkte als Unterrichtsmaterialien vorzuschlagen:

Die wollen doch nur helfen – oder?

So sieht eine journalistische Überschrift aus – oder?

Ich erspare versehentlichen Lesern einmal den ersten Teil des Artikels und verweise stattdessen auf den Kommentar von Spreeblick zum gleichen Ursprungstext. Bemerkenswert finde ich aber, was weiter unten noch steht:

„Wir beobachten eine massive Zunahme von Lobbyismus an Schulen“, sagt René Scheppler von der Lehrergewerkschaft GEW. „Vor allem IT-Firmen nutzen die Unterfinanzierung des Bildungssystems für Marketingzwecke. (…) Wird das eine Apple- oder eine Microsoft-Schule?“ (…) Mit Macht drängt vor allem Google weltweit in Klassenzimmer.

Und zwar so:

Fast sieben Millionen Euro hat Google nach eigenen Angaben seit 2011 in Lehrer- und Schüler-Workshops, den für den Informatikunterricht entwickelten Kleinstcomputer Calliope und in die Programmierplattform Open Roberta gesteckt.

Der Spannung wegen möchte ich hier einen kurzen Exkurs einschieben: Als ich noch ein kleiner, fröhlicher Junge war, besuchte ich selbstverständlich auch manche Schule, gelegentlich sogar als Schüler. Während ich – wie jeder gute Akademiker – sämtliche Lehrinhalte bis heute wieder vergessen habe, kann ich mir die Namen der meisten Schulbuchverlage, die mir in dieser Zeit bezüglich einer unbedingten Kaufempfehlung über den Weg liefen, noch bis heute merken, denn es waren nicht besonders viele.

Als besonders penetrant habe ich den Cornelsen-Verlag („Cornelsen Verlag“, von denen lässt man sich doch gern was beibringen) in Erinnerung, der im Wechsel mit Klett und Westermann die Zeit vor dem Studium praktisch im Alleingang bestritt und dabei kaum Platz neben sich ließ. Das ist durchaus auch wörtlich gemeint, denn Schultaschen sollten ja vor eigentlichem Gebrauch auch erst einmal gepackt werden. Dieser Verlag hat seine Bekanntheit in Schulen, die ihm dafür jahrzehntelang Einnahmen garantieren, vermutlich eher nicht durch irgendeinen Zufall erhalten, sondern durch etwas, was Verena Töpper sich wahrscheinlich von irgendwem als Lobbyismus bezeichnen lassen würde, wenn sie nicht so sehr auf Technikkonzerne – sie benutzt laut Twitters Metadaten übrigens ein iPhone, aber es wäre höchst unsachlich von mir, daraus eine bestimmte Haltung gegenüber Technik abzuleiten – fixiert wäre: Der „Computerwettbewerb“ (Quelle: Internet) zum Thema Frankophonie etwa, ausgerichtet vom Cornelsen-Verlag („Cornelsen Verlag“, kreisch!) und unterstützt von Fernsehsendern und Kultusministerien, ist mal in Hameln, mal in Hessen, mal selbst in Oldenburg zu finden.

Da hilft man einander doch gern und schaut auch einmal darüber hinweg, dass der Cornelsen-Verlag kein wohltätiges, sondern ein kommerziell interessiertes Unternehmen ist, das sich in den Klassenkampf zwischen Google, Apple und Microsoft nur allzu gern einmischt: „Der deutsche Schulbuchverlag Cornelsen setzt auf die Cloud-Lösung Office 365 für Bildungseinrichtungen des Software-Konzerns Microsoft. Auf der Online-Plattform scook können Lehrer und Schüler Lehrmaterialen beziehen und sich digital vernetzen.“ (Kommune21) – das sind dann wohl allesamt Microsoft-Schulen. Dies soll freilich nicht heißen, dass Cornelsen irgendwie parteiisch wäre: Neben Konkurrenzunternehmen wie Google und SAP – beide von Verena Töpper als schreckliche Lobbyisten identifiziert, vor deren Einfluss sich ein um die Bildung besorgter Bürger fürchten sollte, ist an der Entwicklung des „Kleinstcomputers Calliope“ (V. Töpper, der Exkurs ist überraschend vorüber) auch der Cornelsen-Verlag („Cornelsen Verlag“, ich kriege hier noch einen Haschmich) beteiligt.

Oben hatte ich geschrieben, der Cornelsen-Verlag arbeite mit verschiedenen Kultusministerien und Fernsehsendern zusammen. Gibt es an dieser Stelle schon Vermutungen, mit welchen Unternehmen der Cornelsen-Verlag sonst noch so zusammenarbeitet? Richtig:

In Kooperation mit dem Spiegel-Verlag ist die erste Unterrichtseinheit mit Inhalten aus Dein Spiegel im Lehrkräfte-Portal von Cornelsen erschienen.

Verdammter massiver Lobbyismus immer.

Verena Töpper beendet ihren Artikel mit einem der üblichen „journalistischen“ Kniffe von Redaktionen wie der ihren, nämlich mit einer Sorge um unsere Zukunft:

Und wie subtil sich das Sponsoring in die Köpfe der Kinder schleicht, zeigt eine Szene am Rand der Eröffnung von Googles neuer Zukunftswerkstatt in München: Als ein kleiner Junge die Musiknote G in einem Programm auswählt, sagt er ganz selbstverständlich: „Ich nehme jetzt das G wie Google.“

Unfassbar: Ein Kind auf einer Google-Veranstaltung, das weiß, dass „Google“ mit einem „G“ anfängt, und, vermutlich umgeben von allerlei Googlewerbung, bei „G“ auch zuerst an „Google“ denkt – und die Regierung guckt nur zu!

Verena Töpper will doch nur helfen – oder?

Senf dazugeben:

:) 
:D 
:( 
:o 
8O 
:? 
8) 
:lol: 
:x 
:aufsmaul: 
:P 
:ups: 
:cry: 
:evil: 
:twisted: 
mehr...
 

Erlaubte Tags:
<strong> <em> <pre class="" title="" data-url=""> <code class="" title="" data-url=""> <a href="" title=""> <img src="" title="" alt=""> <blockquote> <q> <b> <i> <del> <span style="" class="" title="" data-url=""> <strike>

Datenschutzhinweis: Ihre IP-Adresse wird nicht gespeichert. Details finden Sie hier.

Du willst deinen Senf dazugeben, dir ist aber der Senf ausgegangen? Dann nutz den SENFOMATEN! Per einfachem Klick kannst du fertigen Senf in das Kommentarfeld schmieren, nur dazugeben musst du ihn noch selbst.