Apropos Oktoberfest.
Selbiges war noch nicht einmal richtig angelaufen, da gab es schon die ersten Beschwerden: In einer Onlinepublikation aus dem weiteren Umfeld der Veranstalter wurde darauf hingewiesen, dass ein Bierzelt voller Alkoholisierter sowie sich Alkoholisierender möglicherweise nicht der richtige Ort sei, um seine grünen Hippieideale von unglücklicher Liebe für alle Geschlechter mit allen Geschlechtern zu propagieren, um Rücksicht auf die rustikaleren Teilnehmer zu nehmen, die wenig Interesse an einem Praxisbericht aus dem Alltag mit Homosexualität haben. Sofort sprangen sich als gerecht verstehende Ritter jedwelchen Geschlechts aus dem virtuellen Gebüsch hervor und quakten drauflos, dass das nicht in Ordnung sei und der Veranstalter kein Recht habe, für eine von ihm veranstalteten Feier einfach irgendwelche Regeln aufzustellen, die ihnen persönlich missfallen. Dass die meisten der Drauflosquaker nicht selbst betroffen zu sein scheinen, bekräftigt die Vermutung, dass als sich “modern” bezeichnendes “Linkssein” im Wesentlichen aus Empörung im Namen anderer Leute und somit aus deren unerbetener Entmündigung besteht.
Der Konsens scheint jedenfalls nicht zu sein, dass man, wenn man mit dieser Verlautbarung nicht einverstanden ist, nicht einfach nicht dahin geht, wo man sich für nicht erwünscht hält (was bei Berücksichtigung der Rosa Wiesn ohnehin noch fragwürdig ist, eine “Hetero-Wiesn” suche ich jedenfalls gerade vergeblich), und stattdessen sein eigenes Fest abhält, sondern, dass man dem Veranstalter jetzt erst recht dringend weiter auf den Sack gehen müsse, denn dann sei man sicher viel willkommener. Homophobie müsse “überall bekämpft werden”, laberte Sebastian Dicke von der Bochumer Piratenpartei drauflos, denn “Homophobe” — als hätte irgendwer “Schwuchteln müssen draußen bleiben” geschrieben — seien wie Rechtsradikale, woraus ich besorgt die Information entnehme, dass auf dem diesjährigen Oktoberfest höchstwahrscheinlich irgendwelche Wutbürger herumlaufen werden, die nur da sind, um sich mal so richtig über Wildfremde aufzuregen, und den Unterschied zwischen dem Anzünden von Asylantenheimen und Naserümpfen beim Anblick eines gleichgeschlechtlichen Pärchens für nicht vorhanden halten. Oktoberfest ist wie Hitler, erst trinkt man zu viel und hinterher ist man auf der Autobahn.
Nun also wird München sich ein paar Tage lang an wunderschönen Bildern von feierfreudigen Menschen ergötzen dürfen, ob es will oder nicht, und andere Städte — kaum eine größere Stadt lässt die Gelegenheit für ein paar bayerische Tage ungenutzt — ziehen ihm gleich, denn Tradition ist nicht nur wichtig, sondern macht auch reich: “Nach Berechnungen des Veranstalters (…) betrug der Wirtschaftswert des Oktoberfests 2014 gut eine Milliarde Euro” (muenchen.de); Geld, das, dies sei als Bemerkung gestattet, stattdessen auch für Wichtigeres (Schulen, Renten, Musik) ausgegeben werden könnte. Allein: Feierndes Volk ist fröhliches Volk und fröhliches Volk mag keine Veränderungen. Wäre ich bayerischer Politiker, ich feixte tagelang.
Jede Aufweichung führt zu Verharmlosung. Verharmlosung führt zu mehr Konsum. Und mehr Konsum führt zu mehr drogenbedingten Gesundheitsschäden.
Marlene Mortler, leider über Cannabis
