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Das Internet ist kaputt und kein Nazi trägt daran die Schuld.

Waffennarretei und Einwanderungskritik, ließ dieser Tage das Essensportal Instagram seine Benutzer wissen, seien selbstredend gern gesehen, aber Fotos fetter Igel würden keineswegs geduldet und ihre Verbreitung führe versehentlich zum sofortigen Ausschluss des Verursachers.

Ob es insofern eine besonders gute Idee ist, Algorithmen statt Menschen über richtig und falsch, über legal und illegal, über den Unterschied zwischen Igelfotos und zum Beispiel Kinderpornografie entscheiden zu lassen, ist eine Frage, die sich unkritisch technikhörige, weil klickhungrige Massenmedien bedauerlicherweise viel zu selten stellen, was nicht nur Unsinn wie Instagram betrifft, sondern auch viel weiter reichende Auswirkungen hat, was wir nicht erst seit den Gesetz gewordenen Denkfehlern von Heiko Maas wissen. Bis zur endgültigen moralischen Klärung dieses Problems verbleiben immerhin noch Menschen an den Schalthebeln, denen der Konsens, der so etwas wie eine weltweite Vernetzung überhaupt erst sinnvoll machte, nicht ganz so wichtig ist wie ihr eigener moralischer Standpunkt, weshalb sie ohne Not auch schon mal an den Grundpfeilern des Internets rütteln, um das Böse angemessen zu besiegen.

„ZEIT ONLINE“ (unisono mit anderen zeitgenössischen Publikationen) berichtet heute etwa vom Kampf „des Internets“ gegen „die Nazis“:

Wer sich als Websitebetreiber von einem (…) Unternehmen benachteiligt fühlt, kann theoretisch einfach zu einem anderen gehen. Doch faktisch werden viele dieser acht Ebenen von sehr wenigen, sehr mächtigen Unternehmen kontrolliert. Wer ihre Dienste nicht nutzen kann, ist im Netz unsichtbar, schwer erreichbar, angreifbar, geschäftsunfähig.

Der Hintergrund des Artikels ist, dass der verschlüsselungskritische Netzdienstbetreiber Cloudflare, der noch 2015 so tat, als sei ihm wichtig, dass Domänensperrungen allenfalls auf judikatives Urteil hin erfolgen müssten, auf die Eskalation der US-amerikanischen Scharmützel zwischen alternativen Rechten und regressiven Linken (irgendwas mit einem Auto) dergestalt reagierte, dass er die reißerische Website „Daily Stormer“ aus der öffentlichen Erreichbarkeit entfernte. Derjenige, der diese Entscheidung getroffen hatte, nämlich der Vorstandsvorsitzende von Cloudflare, verteidigte sie zunächst mit der Begründung, dass er die Autoren des „Daily Stormer“ für Arschlöcher halte, veröffentlichte jedoch außerdem einen doppelzüngigen Blogartikel, in dem er zwar zugab, dass Cloudflare hier eingegriffen hatte, um den Verdacht, das Unternehmen unterstütze heimlich Neonazis, zu zerstreuen, es gleichzeitig aber bedauerte, dass Cloudflare das überhaupt könne; als sei der Vorwurf, dass ein für die Neutralität des Internets nicht völlig unwichtiges Unternehmen sich nicht für die richtige politische Seite entscheidet, ein Anlass, ebendiese Neutralität über den Haufen zu werfen.

Ob man nun die Meinungsfreiheit weit genug auslegt, um ihre Ausübung auch „den Nazis“ zuzugestehen, oder nicht, spielt bei der Bewertung des bedeutsamsten Problems in dieser Sache jedenfalls keine Rolle, das da nämlich lautet: Je intensiver „die Nazis“ (oder wer auch immer die aktuell meistverachtete Gruppierung sein mag) weggelöscht werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie irgendwann eine ausreichend große Schlagkraft entwickelt haben, um ihr eigenes unzensiertes Gegennetz aufzubauen; womit sie, „die Nazis“, letztlich gewonnen hätten, denn dem gesundkonsolidierten Wohlfühlinternet, in dem es Einhornkotze und Nutella regnet, stünde ihr Abgrund entgegen, der sicherlich seine Ecken und Kanten haben dürfte, was den Humanismus betrifft, aber nichtsdestotrotz frei wäre. Anders gesagt: Unternehmen wie Cloudflare werden, wenn sich die Netzpolitik in bestehender Weise weiter entwickelt, die Schuld daran tragen, dass die Letzten, die sich noch über ein freies Internet freuen dürfen, irgendwann „die Nazis“ sein werden, während hierzulande in enger Zusammenarbeit mit Übersee die SPD, der bescheuerte Axel-Springer-Verlag und GitHub ihr bedauerlicherweise Bestes tun, um einen schon in der bloßen Theorie fatalen Kompromiss aus globaler Freiheit und kleingärtnerischem Verständnis von Recht und Unrecht zu finden und zu etablieren, notfalls mit juristischer Gewalt. Kann, wem jedes Mittel gegen das Böse Recht ist, noch der Gute sein?

Ins Darknet kann man ja auch nicht mehr. Da sind jetzt auch eure Eltern.

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