Sonstiges
Medi­en­kri­tik CIV: „JOY“: Du bist schön*.

Gewohnt son­der­bar ist natür­lich auch die Mai­aus­ga­be der andau­ern­den „JOY“, deren Titel­sei­te den Spa­gat zwi­schen der angeb­li­chen Schön­heit des Lesers und man­cher­lei Vor­schlag zur Ver­bes­se­rung die­ser Schön­heit durch das auf­ge­druck­te Bild von Mila Kunis, deren visa­ge mich auch nach Jah­ren noch nicht zu rei­zen ver­mag, nicht etwa end­gül­tig ad absur­dum führt, son­dern qua­si per­fek­tio­niert.

You are beau­tiful, aber Trick­jeans, ein vol­les Porte­mon­naie (wenn­gleich mit sym­pa­thi­scher Schreib­wei­se) und natür­li­che Schön­heit dank Deck­far­be im Gesicht soll­ten es schon sein. Mich per­sön­lich spricht aller­dings vor allem „NETFLIX & SCHLANK“ an: Nicht vom Sofa auf­ste­hen zu müs­sen har­mo­niert ganz gut mit mei­ner momen­ta­nen Lebens­pla­nung.

Schon an der eigen­wil­li­gen Spra­che auf dem Titel­blatt (nicht zu früh gefreut: in die­ser Aus­ga­be der „JOY“ gibt es Sei­ten, auf denen die ein­zi­gen deut­schen Wör­ter aus­ge­rech­net „Mai“ und „Düs­sel­dorf“ sind) lässt sich selbst von Lai­en erken­nen, dass hier Leu­te mit Spaß und wenig Geschmack am Werk sind. Mehr Bele­ge wer­den gewünscht? Aber gern doch!

Den bei­gefüg­ten hash­tag (wir haben es hier, nur noch­mals zur Erin­ne­rung, mit einer gedruck­ten Zeit­schrift zu tun) kann der irri­tier­te Leser nicht ein­mal stumm­schal­ten. Es ist wirk­lich furcht­bar.

Nach eini­gen Sei­ten vol­ler Trends und son­sti­ger Rekla­me sowie diver­sen süßen Bil­dern gibt es auf den Sei­ten 22 und 23 dann zur all­ge­mei­nen Erleich­te­rung end­lich den ersten redak­tio­nel­len Inhalt, näm­lich eine immer­hin ins­ge­samt zwei­spal­ti­ge Lob­hu­de­lei über das Honig­ku­chen­pferd auf besag­tem Titel­bild, Mila Kunis näm­lich:

Mila Kunis wird in Hol­ly­wood ver­ehrt – doch sie lebt lie­ber boden­stän­dig! (…) „Ich lache am lieb­sten über Pups-Wit­ze“, grinst Mila.

Nun ist Mila Kunis, Ehe­gat­tin des ähn­lich boden­stän­di­gen Ash­ton Kut­cher, nicht unbe­dingt von Armut gefähr­det. Es ist leicht, boden­stän­dig zu blei­ben, wenn die­ser Boden aus Pla­tin ist, auf der Veran­da einer, salopp aus­ge­drückt, arschteu­ren Vil­la liegt und drei­mal täg­lich von Haus­be­dien­ste­ten mit deren eige­ner Zahn­bür­ste sau­ber­ge­schrubbt wird. Ha, Pups­wit­ze! Eine von uns!

Das wäre ver­mut­lich eine gute Vor­aus­set­zung für eine stei­le Zweit­kar­rie­re auf Twit­ter, nur:

„Ich glau­be ein­fach nicht, dass die Leu­te wis­sen müs­sen, wann ich aufs Klo gehe. Ich wüss­te auch gar nicht, was ich twit­tern soll­te“, lacht sie.

Ich wür­de ja Pups­wit­ze („Pups-Wit­ze“) vor­schla­gen, aber ich ken­ne mich da auch nicht so aus.

Ande­rer Text, ande­rer Schmerz: Kei­ne „JOY“ soll­te ohne Balz­ideen blei­ben dür­fen (denn sonst ver­lö­re sie ihren komi­schen Reiz), und auch die­se Aus­ga­be ent­täuscht mich nicht im Gering­sten. Dies­mal gibt es auf den Sei­ten 30 und 31 „10 klei­ne sexy Bewe­gun­gen“, die Män­ner „sofort anma­chen“, zum Bei­spiel das Bin­den eines Dutts im Vor­aus, um ihn, falls ein inter­es­sant aus­se­hen­der Mann in der Nähe ist und nicht sofort vor dem Dutt reiß­aus nimmt, ele­gant zu lösen. War­um? Nun:

Jeder zwei­te Mann fin­det Frau­en mit offe­nem, lan­gem Haar am ero­tisch­sten.

Doof nur, wenn man der ande­ren Hälf­te begeg­net. Gegen die hilft, emp­fiehlt man in der „JOY“, aller­dings das sanf­te Holz­häm­mer­chen:

Ups, da ist doch glatt dein Car­di­gan etwas von der Schul­ter gerutscht!

Und:

Über­schlag dei­ne Bei­ne gaa­anz lang­sam, wenn du einen Rock oder ein Kleid trägst.

Eine anstän­di­ge „JOY“-Leserin, die etwas auf sich hält, will dem Objekt (#auf­schrei) ihrer Begier­de näm­lich von vorn­her­ein klar­ma­chen: Wer eine Frau sucht, die es nicht gera­de drin­gend braucht, der möge es woan­ders ver­su­chen. Noch ein­fa­cher wäre es ver­mut­lich, ihm ein­fach einen Zet­tel zuzu­stecken, auf dem „Lust zu ficken?“ steht. Ich bin davon über­zeugt, dass das bei mehr als der Hälf­te der aus­ge­such­ten Her­ren sogar ohne einen Dutt Erfolg hät­te.

Alter­na­tiv ist auch eine Ein­la­dung zum gemein­sa­men Seri­en­gucken – frü­her hat­ten wir ja noch Geduld für gan­ze Fil­me, aber wir wer­den ja alle nicht jün­ger – denk­bar. Hier emp­fiehlt die „JOY“ das Zie­hen von Gri­mas­sen:

Schenk ihm beim Seri­en­gucken dein ver­schmitz­tes Grin­sen – schon fängt sein Kopf an zu rat­tern: „Meint sie das­sel­be wie ich?“

Sitzt man gemein­sam vor einer Epi­so­de einer Serie wie „Game of Thro­nes“, ist es aller­dings ver­mut­lich rat­sam, das ver­schmitz­te Grin­sen eher auf eine Sex- als auf eine Ent­haup­tungs­sze­ne zu legen. Gera­de von Men­schen, die man noch nicht so lan­ge kennt, wird man anson­sten schnell unan­ge­nehm über­rascht.

Unan­ge­nehm über­rascht kann man indes auch spä­ter noch wer­den, ist doch die gei­sti­ge Zurech­nungs­fä­hig­keit nicht immer unmit­tel­bar am Auf­tre­ten oder am Zer­hacken oder Nicht­zer­hacken des/der Ange­be­te­ten zu erken­nen. Das unbe­ding­te Bedürf­nis nach Ein­fach­heit in der Kom­mu­ni­ka­ti­on näm­lich, von Laut­spre­chern oft als Kul­tur­pes­si­mis­mus ver­schrien, mani­fe­stiert sich hier in einer grau­en­haf­ten mehr­sei­ti­gen Foto­se­rie:

„BESCHREIBE DEINE(N) EX MIT EMOJIS!“

Mit Emo­jis einen Men­schen, der einem ein­mal wich­tig war, zu beschrei­ben als eine über­dies offen­bar lös­ba­re Auf­ga­be vor mir zu sehen signa­li­siert mir vor allem eines: Das Pro­blem der Über­be­völ­ke­rung scheint sich durch natür­li­che Aus­le­se doch wahr­schein­li­cher lösen zu las­sen als ange­nom­men.

Wie­der­um wur­den zehn Men­schen gefragt, von denen neun bild­lich beschrie­ben, wor­an die Bezie­hung mit ihrem vori­gen Part­ner geschei­tert ist, die zehn­te aber zu fol­gen­der Aus­sa­ge gelang­te:

Wenn es nicht zum rei­chen und erfolg­rei­chen Geschäfts­mann reicht, dann ist man die Frau eben auch nicht wert. Was das nun über wen aus­sagt, ist ver­mut­lich auch zweit­ran­gig, lässt sich auf jeden Fall in Emo­ji­spra­che nur unzu­rei­chend aus­drücken. 💩

Ist man bis hier­hin gei­stig aus­rei­chend weich­ge­kocht wor­den, kön­nen getrost die här­te­ren Geschüt­ze auf­ge­fah­ren wer­den: Ab Sei­te 50 erläu­tert die „JOY“-Redaktion, wie man „am besten“ auf „die 20 däm­lich­sten Män­ner-Sprü­che“ reagiert. Scha­de: „Sogar bei Schlag­fer­tig­keit brauchst du Hil­fe“ ist nicht dabei. Geschil­dert wer­den Situa­tio­nen „Beim Date“, „beim Chef“ und „vom Part­ner“, und wenn man ein­mal die Bei­spie­le „beim Chef“ liest, ahnt man, wie­so die „JOY“ in der­sel­ben Aus­ga­be auch „Tricks für ein schlan­kes Porte­mon­naie“ und Tipps für einen „gepimp­ten Kon­to­stand“ – yo, bitch – anführt, denn mit einer regel­mä­ßi­gen Gehalts­zah­lung ist danach nicht mehr unbe­dingt zu rech­nen:

„Nur hübsch aus­se­hen reicht hier nicht.“ – „Oh, dann haben Sie heu­te kein Foto für mich?“

Von ver­gleich­ba­rer Qua­li­tät ist im Übri­gen auch der erste Ein­trag für „beim Date“:

„Mit fünf Kilo weni­ger wärst du noch attrak­ti­ver!“ – „Scha­de – mit fünf Gehirn­zel­len mehr wärst du immer noch dumm!“

Auf eine unchar­man­te Bemer­kung mit offen zur Schau gestell­ter bio­lo­gi­scher Unbil­dung zu reagie­ren hat sicher­lich irgend­ei­nen Effekt, aller­dings, wie ich anneh­me, kei­nes­wegs den gewünsch­ten. Mir scheint die­se Auf­zäh­lung ohne­hin eine der 20 däm­lich­sten Frau­en­sprü­che („Frau­en-Sprü­che“) zu sein. Lügen­pres­se aller­or­ten!

Aber was war jetzt eigent­lich mit die­sem „NETFLIX & SCHLANK“? Nun, dabei han­delt es sich um drei­ein­halb Sei­ten Work­out-Übun­gen, die sich wäh­rend des Ver­spei­sens der „leich­ten TV-Snacks“ auf Sei­te 128 im Lie­gen, Sit­zen oder Knien durch­füh­ren las­sen. Ihnen allen ist gemein, dass sie nicht nur erschreckend albern aus­se­hen, son­dern über­dies sich kaum eig­nen, in ange­mes­se­ner Zeit (emp­foh­len: „zwi­schen zwei Fol­gen“ einer Serie) aus­rei­chen­de Aus­wir­kun­gen zu haben. Hät­te ich Ahnung von kör­per­li­cher Ertüch­ti­gung, ich schlü­ge das Weg­las­sen der eben­so emp­foh­le­nen Seri­en zugun­sten län­ge­rer und sinn­vol­le­rer Übun­gen vor, dann wäre man die fünf Anti-Macho-Kilo auch irgend­wann los und erziel­te so viel­leicht sogar einen mess­ba­ren Effekt; aber das hie­ße nun mal auch den Ver­zicht auf „hei­ße Typen“ (ebd.) – und die kriegt man als sprü­che­mä­ßig abge­här­te­te „JOY“-Leserin eben nur noch auf „Net­flix“ zu sehen.

Unter der Über­schrift „Ein Hoch auf mich!“ („EIN HOCH AUF MICH!“) schlägt die Redak­ti­on vor, man sol­le sich doch selbst etwas mehr fei­ern. Ich ahne, war­um das viel­leicht not­wen­dig sein könn­te.

Senfecke:

  1. Was mich mit der JOY ver­bin­det:
    Aus­ge­rech­net im War­te­zim­mer mei­nes Psy­cho­the­ra­peu­ten lag die­se Zei­tung. Fast 4 Jah­re war ich dort wegen Depres­sio­nen in Behand­lung.
    In mei­ner schlimm­sten Zeit nahm ich das Teil nicht mal wahr. Dann erschien mir jede Aus­ga­be als Ankla­ge, Zei­chen mei­nes Ver­sa­gens.
    Schließ­lich war ich soweit, dar­in mal zu blät­tern. Dann konn­te ich sogar eini­ge weni­ge Bei­trä­ge lesen.
    Zum Ende konn­te ich mich vor Lachen kaum hal­ten.
    So wur­de die­ses Pam­phlet ganz unfrei­wil­lig der wich­tig­ste Indi­ka­tor mei­ner fort­schrei­ten­den Gene­sung. :?

  2. Berei­te mich gera­de drauf vor, dass die Töch­ter auch irgend­wann so Zeit­schrif­ten anschlep­pen. Füh­le mich nun gewapp­net. Aber hilf­los. Dan­ke jeden­falls für die Rezen­si­on, las sie gern.

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