Persönliches
Kurz angemerkt zur diesjährigen Europameisterschaft im Männerfußball

Bei allem Zynis­mus, den ich bei The­men wie diesem zur Schau zu stellen pflege: Mein Wun­sch nach frühzeit­igem — hihi — Auss­chei­den der Mannschaft, die unsere Fußball­fre­unde zum Sieg grölen zu wollen scheinen, hat nicht im Ger­ing­sten etwas damit zu tun, dass ich deren hob­by nicht teile. Ich teile auch das hob­by des Musik­machens nicht und wün­sche eini­gen mein­er favorisierten Musik­er den­noch noch eine lange weit­ere Kar­riere. Mein Wun­sch hat vielmehr mit dieser Regelung zu tun:

Die Ord­nungsämter wägen (…) für jeden Einzelfall zwis­chen dem beson­deren öffentlichen Inter­esse an den Fußball­spie­len und dem Schutz der Nachtruhe ab.

Die Freizeit­gestal­tung ein­er bedauer­licher­weise viel zu laut­en Min­der­heit bekommt somit einen rechtlichen Son­der­sta­tus, der es dieser Min­der­heit erlaubt, ent­ge­gen jedem Anstands­ge­bot Unbeteiligten nach Herzenslust — im Rah­men der Geset­ze und son­sti­gen Verord­nun­gen abzüglich des Grölver­bots — aus Frust (Spiel ver­loren), Freude (Spiel gewon­nen) oder son­stiger Stim­mung (Alko­hol) in ihrem per­sön­lichen Lebens­bere­ich (nicht schalldichte Woh­nung) auch zur Schlafen­szeit auf die Ner­ven zu gehen. Wenn das alle machen wür­den! Stun­den­lange Autoko­r­sos mit Hup­konz­erten nach gewonnenen Schachturnieren. Viel­stim­mige “Poooooooost!”-Chöre aus betrunk­e­nen Kehlen auf nahezu allen inländis­chen Fernsehkanälen bei Erscheinen ein­er neuen Son­der­brief­marke. Däm­lich­es Glock­enge­bim­mel im ganzen Ort, weil das heilige Buch ein­er kleinen Gruppe sek­tieren­der Spin­ner vorschreibt, dass sie bitteschön jet­zt ihrem Her­rn für die Ermor­dung seines Sohnes danken sollen. Moment, entschuldigt — ich bin in der Zeile ver­rutscht.

Mir wurde mit­geteilt, es sei asozial von mir, den Sports­fre­un­den den aus­gelebten Spaß an ihrem gemein­samen Inter­esse nicht zu gön­nen. Aber das ist nicht wahr, eine solche Freude gönne ich jedem. Was ich aber nicht jedem gönne, ist es, mir mit seinem Nis­chen­in­ter­esse nach­haltig die Ruhe zu nehmen. Ich finde Fußball min­destens über­flüs­sig, das macht mich aber noch nicht asozial; sobald ich mich ein­er größeren Men­schen­gruppe anschließe und mit dieser gemein­sam mit der Straßen­bahn fahre, beim Zusteigen von Fußball­fans “Fußball ist scheiße” brülle und dazu völ­lig tak­t­fremd klatsche, während ein­er aus der Gruppe ihnen vor die Füße kotzt, dann kön­nen wir über das mit der Asozial­ität gern noch ein­mal sprechen.

Das hob­by der meis­ten Men­schen ist mir egal. Meinetwe­gen kön­nen sie, bei aller Tier­liebe, in ihrer Freizeit Schweinen die Haut abziehen und eine Sex­puppe daraus nähen. Ich kann nur ganz gut darauf verzicht­en, dass sie nachts vor meinem Fen­ster laut und schief “Sex mit Schweine­haut, scha­lalalala!” sin­gen. Nicht, weil ich sex­uelle Merk­würdigkeit­en aus kon­ser­v­a­tiv­en Erwä­gun­gen her­aus doof fände, son­dern, weil ich es für eine Tugend halte, ab und zu auch mal die Fresse zu hal­ten, und Men­schen, die diese ihnen fehlende Tugend überkom­pen­sieren, nicht zu den mir lieb­sten zählen.

Der Fußball, die Ver­bände, die Mannschaften und die Meis­ter­schaft an sich sind mir her­zlich egal. Es ist die Aura an men­schlich­er Debil­ität, die sie umgibt, die sich ohne merk­liche Ein­bußen an Leben­squal­ität ent­behren ließe.

Freut euch leise, ihr Pflau­men.

Senfecke:

  1. Vie­len Dank, als Fre­und aller Sor­tarten, bei denen die geg­ner­ischen Mannschaften durch ein Netz getren­nt sind, kann ich nur voll und ganz zus­tim­men. Tat­sääch­lich wüsste ich ja gern wieviele Men­schen wirk­liche Fußball­fans sind und wieviele let­ztlich solche Events stumm erlei­den.

  2. Was ich anderorts sehr bedau­re und bemitlei­de, wün­sche ich mir anläßlich eines Vier­tel- Halb­fi­nal- oder End­spiels der deutschen National­mannschaft beim Pub­lic-View­ing: 100 Liter Regen und Hagel auf den qm aus Gewit­terzellen über München, Dort­mund, Berlin, Köln und Ham­burg. und Ruhe is.

    Als Link­er hab ich keine Affinität zu Mil­lionären in kurzen Hosen mit max. 10 Std. Arbeit­szeit in der Woche.

  3. Ich kann euch ver­sich­ern, dass es auch jede Menge Fußball­fans gibt, denen der schwarz-rot-gold­ene Wer­berum­mel, die “geschmück­ten” Autos und bemal­ten Gesichter, die BRD-Trikots und die Autoko­r­si nach gewonnenen Spie­len tierisch auf die Klöten gehen. Zum Glück kenne ich solche Bek­loppten nicht per­sön­lich. Man kann sich auch ein­fach mit ein paar Kumpels das Spiel anschauen und ein Bierchen trinken, so wie man sich eine DVD anguckt oder das ganze Jahr über die Bun­desli­ga.

  4. Wenn das alle machen wür­den!

    watt ne logik. zähl doch mal die inter­essierten bei den welt­meis­ter­schaften in schach vs. her­ren­fußball durch. die min­der­heit ist doch recht groß ;)

    Das hob­by der meis­ten Men­schen ist mir egal. Meinetwe­gen kön­nen sie, bei aller Tier­liebe, in ihrer Freizeit Schweinen die Haut abziehen und eine Sex­puppe daraus nähen. Ich kann nur ganz gut darauf verzicht­en, dass sie nachts vor meinem Fen­ster laut und schief „Sex mit Schweine­haut, scha­lalalala!” sin­gen. Nicht, weil ich sex­uelle Merk­würdigkeit­en aus kon­ser­v­a­tiv­en Erwä­gun­gen her­aus doof fände, son­dern, weil ich es für eine Tugend halte, ab und zu auch mal die Fresse zu hal­ten, und Men­schen, die diese ihnen fehlende Tugend überkom­pen­sieren, nicht zu den mir lieb­sten zählen.

    finde ich per­sön­lich wesentlich asozialer als autoko­r­sos wegen fußball. und jet­zt?

    • Jet­zt wäre eine Begrün­dung schön, wieso “ich hätt’ gern nachts meine Ruhe” asozialer sein soll als Leuten absichtlich auf den Sack zu gehen. (Ich habe es ein einziges Mal ver­sucht, nett um Ruhe zu bit­ten. Viel­stim­miges Gegröle war die Antwort. Von Nach­läs­sigkeit ist hier also nicht auszuge­hen.)

      • ok. da kann man schon mehr mit anfan­gen bzw. wird nicht auf direk­ten wider­spruch getrig­gert.

        die leude gehen dir höchst­wahrschein­lich nicht von sich aus mit absicht auf den sack. die haben sich wegen fußball und nicht wegen dir getrof­fen.
        asozialer finde ich deinen wun­sch den­noch nicht. den teilst du min­destens mit jedem, der sich nicht für das event inter­essiert und/oder früh raus muss.

  5. Ich würde gerne Alles unter­schreiben.

    Und noch einen Ran­daspekt hin­uzfü­gen. Die Ord­nungsämter und die Rennleitung, sie wägen ab? Das wird aber oft­mals anders for­muliert. Da sie ohne­hin keine Möglichkeit hät­ten den auf den Straßen in man­nig­fach­er Weise ran­dalieren­den soge­nan­nten Fans irgend­wie etwas zu unter­sagen, oder gar zu ver­bi­eten, sagen wir der soge­nan­nten Verkehrssicher­heit wegen, kapit­ulieren sie halt und ver­suchen lediglich die aller­schlimm­sten Exzesse zu ver­hin­dern, oder abzu­mildern. Dazu gehören dann auch all­ge­meine War­nun­gen nach Spie­lende für eine Weile lieber nicht auf die Straße zu gehen.

    Ich habe ein paar Jahre in Mönchenglad­bach gewohnt. 2006 war da fast jeden Tag megageil dauer­hu­pen­der Raserko­r­so. Wer ger­ade gewon­nen hat­te, war dabei fast egal, solange man wieder besof­fen den Lui aus dem Aut­ofen­ster hän­gen lassen kon­nte.
    Die Rennleitung hat denn sin­niger­weise auch erst da etwas Gegen­druck gemacht, wenn es zu deut­lich erkennbar wurde, daß hier etwaas “bejubelt” wurde, obwohl es für die Nation in der Stadt gar keine Fan­min­der­heit gab, son­dern es klar nur noch Vollpfeifen­ver­hal­ten “weil ger­ade WM ist” war.

    Aber das ist ja alles nicht mehr schlimm, dienst es doch dazu unsere Rest­ge­sellschaft voll und ganz auf den alles erdrück­enden Neolib­er­al­is­mus einzuschwören. §1: Nur Kon­sum ist wichtig. §2: Alles was den Kon­sum behin­dert, ist zu dereg­ulieren und zu verurteilen.

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