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Smartes Gucken im Aktivfernsehen

Dass der Mehrw­ert des Fernse­hens für das tägliche Leben mit dem nach wie vor anhal­tenden Anstieg an pri­vat geführten Fernsehsendern nicht unbe­d­ingt gle­icher­maßen gestiegen ist, set­ze ich als bekan­nt voraus. Den Wet­t­lauf um die schnell­sten Infor­ma­tio­nen hat bis auf Weit­eres das Echtzeitmedi­um Twit­ter — jet­zt auch mit Schmink­gesicht — gewon­nen, was schon konzep­tionell bed­ingt ist; wenn alle dreißig Minuten eine neue Nachricht­ensendung pro­duziert wird, passiert für irgend­je­man­den Span­nen­des eben gern auch mal dazwis­chen.

Die Lück­en zwis­chen den Nachricht­en vom Vortag füllen meist eher unspan­nende Sendun­gen, die irgend­was mit cast­ing zu tun haben und in denen neue “Tal­ente” zum späteren Einsin­gen von Altenheimen und Möbel­häusern gekürt wer­den sollen, mitunter unter­brochen von weni­gen Licht­blick­en wie den “Simp­sons”, die ich (allem Schlechter­w­er­den zum Trotz) noch immer mag, wobei ich allerd­ings bish­er nicht das Bedürf­nis ver­spürte, mir für solche Aus­nah­men ein eigenes Fernse­hgerät zuzule­gen; die Gefahr, zum falschen Zeit­punkt das Gerät einzuschal­ten und for­t­an in ein Delir­i­um zu ver­fall­en, wie Men­schen, die fernse­haffine Ver­wandte und/oder Bekan­nte haben, es sicher­lich bere­its ken­nen, während das Hirn allmäh­lich eine brei­ig-käsige Bewusst­seins­form annimmt, ist ger­ade für uns Kop­far­beit­er zu groß.

Mit dem Auftrieb von so genan­nten “Smart-TVs”, prinzip­iell also Fernse­hgeräten mit dauernd aktiviert­er Wohnz­im­merkam­era, die sich, weil es geht, mit euren Kühlschränken, Tre­soren, Glüh­bir­nen, Uhren und ins­beson­dere mit ihrem Her­steller unter­hal­ten kön­nen, hat die Fernse­htech­nik sich zwar inzwis­chen auf so absurde Größen auf­blasen lassen, dass man das schlimme Gesicht, das jew­eils ger­ade dummes Zeug im laufend­en Pro­gramm von sich zu geben über­bezahlt wird, um ein Vielfach­es ver­größert ertra­gen darf, allein: die Qual­ität hat sich nicht verbessert. Da aber die Geräte nicht nur Dat­en über’s Netz senden, son­dern auch emp­fan­gen kön­nen, lassen sie es zumin­d­est zu, dass man statt ein­er Dauer­werbe­sendung, die nur sel­ten von zudem von offen­sichtlich intel­li­gen­zver­ach­t­en­den Entschei­dern ent­wor­fen­em “Pro­gramm” unter­brochen wer­den, auch Sendun­gen aus dem Inter­net beziehen kann, gern in Verbindung mit einem Abon­nement von “Enter­tain”, “Net­flix” (das es zu mein­er Über­raschung auch einzeln, also ohne beigepack­tes Chillen, zu geben scheint) oder ähn­lichen Dien­sten, bei denen Serien zu mieten mir ähn­lich rat­sam erscheint wie meine Plat­ten­samm­lung durch ein Spo­ti­fy- oder TIDAL-Abon­nement zu erset­zen statt sie allen­falls gele­gentlich zu ergänzen, näm­lich nicht im Ger­ing­sten. Dieses stream­ing aber ver­ringert ger­ade auch, nach­dem der Video­text vom Fernse­hen auf andere Geräte umge­zo­gen ist, gegebe­nen­falls den noch von früheren Gen­er­a­tio­nen gelebten Brauch, ein allzu lang­weiliges Pro­gramm nicht etwa auszuschal­ten, um wieder am richti­gen (gar: Familien-)Leben teilzunehmen, son­dern zu zap­pen, also so lange die immer größer wer­dende Anzahl an Sendern auf ihren Gehalt zu über­prüfen, bis etwas zu sehen war, was zumin­d­est für einige Minuten nicht zu offen­sichtliche Langeweile ver­hieß. Beim “smarten” Fernse­hen sind die Gestal­tungsmöglichkeit­en etwas größer, man kann sich also eigentlich recht lange ohne nen­nenswerte Unter­brechung, sofern man das denn möchte, berieseln lassen.

Eigentlich.

Mein Fernse­her hat sich ger­ade abgeschal­tet, weil seit 4 Stun­den keine Inter­ak­tion stattge­fun­den hat.

Es mag “abschalt­bar” sein, aber die Prämisse scheint unmissver­ständlich: Wer vier Stun­den lang ein­fach nur fern­sieht, ohne eigentlich anlass­los auf der Fernbe­di­enung herumzu­drück­en, der wird von smarten Geräten für zumin­d­est eingeschlafen gehal­ten, was über das Ver­trauen der­er, die solche Geräte her­stellen, in das, was sie zeigen, mehr als das Nötig­ste aus­sagt, und wer sich mit einem smarten Fernse­her über Stun­den hin­weg nicht knöpfchen­drück­end beschäftigt, der macht sich verdächtig. Inter­ak­tives Fernse­hen mit Mit­mach­fak­tor ist Gebot, nicht bloß Ange­bot. Wenn ich es auch als angenehm empfinde, wenn die Tech­nik san­ft darauf aufmerk­sam macht, dass Men­schen, die mehr als vier Stun­den am Stück qua­si apathisch den unge­sun­den Müll in sich aufnehmen, der sich Fernseh­pro­gramm nen­nen lässt, drin­gend etwas ändern soll­ten, was in ein­er weniger roman­tis­chen Darstel­lungsvari­ante auch ein­fach nur irgend­was mit Energieef­fizienz (diese mod­er­nen Kernkrafter­satz­place­bos liefern eben nicht mehr genug Energie, um sie nach Herzenslust zu vergeu­den) zu tun haben kön­nte, so bleibt doch die irri­tierende Erken­nt­nis, dass man sich, wollte man inter­agieren und nicht ein­fach glotzen, lieber eine Mini­bar als einen Fernse­her gekauft hätte.

Die Rund­funkge­bühr sollte Schmerzenss­teuer heißen.